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Göttingen Herzinfarkt am Kaffeetisch: Renshäuserin rettet ihrem Vater das Leben
Die Region Göttingen

Tochter rettet Vater nach Infarkt - Göttinger Klinikum wirbt für Erste Hilfe

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09:23 12.09.2020
Blicken am Klinikum auf ein Familiendrama mit glücklichem Ausgang zurück (v.l.): Prof. Dr. Konrad Meissner, Notärztin Dr. Kathleen Bode, Michaela, Hermann und Theresia Friederici.
Blicken am Klinikum auf ein Familiendrama mit glücklichem Ausgang zurück (v.l.): Prof. Dr. Konrad Meissner, Notärztin Dr. Kathleen Bode, Michaela, Hermann und Theresia Friederici. Quelle: Christina Hinzmann
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Göttingen

Nahezu eine quälende Viertelstunde lang hat Michaela Friederici ihren Vater reanimiert – bis zum Eintreffen des Rettungshubschraubers. Mit ihrem beherzten Einsatz hat sie dem 63-jährigen Renshäuser, der mit einem schweren Herzinfarkt zusammengeklappt war, das Leben gerettet. Jetzt hat Hermann Friederici erstmals das Gesicht von Notärztin Dr. Kathleen Bode gesehen. Das vorbildliche Handeln der 34-jährigen Michaela hat das Herzzentrum des Uni-Klinikums zum Anlass genommen, auf die „Woche der Wiederbelebung“ vom 14. bis 20. September aufmerksam zu machen.

Hand aufs Herz: Wer hätte 17 Jahre nach der Führerscheinprüfung noch gewusst, was er im Erste-Hilfe-Kurs gelernt hat? Wäre er im Ernstfall in Schockstarre verfallen oder hätte sofort gehandelt? Letzteres hat Michaela Friederici getan – und dadurch das Leben ihres Vaters gerettet.

Notärztin und Klinikdirektor treffen auf Familie mit Lebensretterin

Infarkt am Kaffeetisch

An einem Sonntag im April saß sie mit ihren Eltern in deren Haus in Renshausen am Kaffeetisch, als der 63-Jährige nach vorne zusammensackte, vom Stuhl fiel und lila anlief. „Ich habe ihn sofort auf den Boden gelegt, mit dem Drücken aufs Brustbein begonnen und Mama angeschrien, sie solle den Notarzt rufen“, berichtet die im Reha-Zentrum Junge tätige Bürokauffrau: „Es war der Wahnsinn.“

Ihre Mutter Theresia wischte erbrochenen Kaffee auf und bangte um das Leben ihres Mannes. Ablösen konnte sie ihre Tochter schon deshalb nicht, weil sie zwei künstliche Knie hat. Nach elf Minuten Flugzeit landete Christoph 44 mit Notärztin Bode an Bord zwei Häuser weiter nahe der Renshäuser Kirche, kurz darauf traf der Rettungswagen des Arbeiter-Samariter-Bundes aus Nörten-Hardenberg in dem abgelegenen Eichsfelder Dorf ein.

„Jede Minute zählt“

„Jede Minute zählt, fehlende Durchblutung kann kein Mediziner wettmachen“, sagt Anästhesistin Bode, die sich beeindruckt von der Laien-Reanimation zeigte und die der Fall nicht mehr losließ. Weil es nach einem problematischen Verlauf aussah, fragte sie mehrfach auf der Intensivstation nach. Gut drei Wochen lang musste der Eichsfelder dort behandelt werden, bekam einen Katheter und zwei Stents eingesetzt, weitere Wochen verbrachte er in der Reha in Lippoldsberg. Und das alles unter Corona-Bedingungen.

Warnzeichen und Symptome gab es vorher nicht. Hermann Friederici war im Baugewerbe tätig, das Rauchen hat er schon vor 20 Jahren aufgegeben – auf Drängen seiner damals 14-jährigen Tochter. „Ich bin eine Kämpfernatur. Mir geht es nicht gut, aber ich bin zufrieden“, sagt er nach dem überstandenen Infarkt. Stets habe er sich kleine Ziele gesetzt: „Erst konnte ich nicht sprechen, wie ich wollte. Dann habe ich im Bett mit Füßen und Händen trainiert.“ Auf Gehhilfen und Rollator wird er noch eine Weile angewiesen sein, setzt auf seine energische Therapeutin und freut sich vor allem darüber, „dass ich im Kopf klar bin“.

Sofort gehandelt

„Wäre ich allein zuhause gewesen, wäre es das gewesen“, ist sich der Renshäuser sicher. Ein derart akuter Verlauf hätte auch ein böses Ende nehmen können, bestätigt Bode. „Am wichtigsten ist, dass die Tochter sofort gehandelt hat“, sagt Anästhesiologie-Direktor Prof. Konrad Meissner voller Lob für „die drei Power-Frauen“ Tochter, Mutter und Notärztin. „Falsch machen kann man nichts. Das Schlimmste ist, nichts zu tun.“

Die Quote sogenannter Laien-Reanimationen liege in manchen Regionen unter 20 Prozent, in Stadt und Kreis Göttingen etwa bei 40 Prozent: „Wir brauchen mehr.“ In Renshausen hat der Fall Friederici bereits etwas bewirkt, Verwandte und Nachbarn wachgerüttelt. Sie wollen jetzt Erste-Hilfe-Kurse belegen.

„Woche der Wiederbelebung“ soll zu Erster Hilfe motivieren

Bundesweit mehr als 50 000 Menschen jährlich erleiden einen Herzstillstand außerhalb eines Krankenhauses. Bis Notfallmediziner eintreffen, verstreicht oft wertvolle Zeit. Zeit, die Leben kosten kann. Viele Laien wissen nicht, wie sie reagieren sollen, haben Angst, etwas falsch zu machen. Die „Woche der Wiederbelebung“ soll dem entgegenwirken. In Göttingen informieren Mitarbeiter des UMG-Herzzentrums und des DRK Schüler am Otto-Hahn-Gymnasium und der IGS Geismar über Herzdruckmassage.

„Prüfen, Rufen, Drücken“ bringen Mediziner die Ablaufkette auf den Punkt, die jeder beachten muss: Atmung und Ansprechbarkeit prüfen, über Notruf 112 Hilfe anfordern, den Brustkorb freimachen, mit durchgestreckten Armen und Handballen das Brustbein um die 100 Mal pro Minute kräftig nach unten drücken, mit der Leitstelle in Kontakt bleiben, deren Anweisungen folgen. „Herzdruckmassage und Stromtherapie gegen Kammerflimmern helfen wirksam“, sagt Klinikum-Notärztin Dr. Kathleen Bode und begrüßt die zunehmende Zahl von Defibrilatoren im öffentlichen Raum. Die geben auch Sprachanweisungen, nur das Drücken geht nicht automatisch.

Von Kuno Mahnkopf