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Göttingen Tod eines Zweijährigen in Werra
Die Region Göttingen Tod eines Zweijährigen in Werra
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22:51 23.11.2011
Von Jürgen Gückel
Unfallstelle, wo sich die Werra teilt: Links unten die Querströmung, rechts das Freizeitgrundstück des Angeklagten. Quelle: Gückel
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Er war ein Freund der Familie – und er ist es noch, wenn er auch den Tod des zweijährigen Sohnes seiner Freunde zu verantworten hat. Es war der seltene Fall, bei dem selbst die als Nebenkläger zugelassenen Eltern das Gericht über ihren Anwalt um Milde für den Angeklagten bitten ließen.

Dieser leidet bis heute darunter, was am Ostersonnabend nach einem fröhlichen Tag mit Freunden im Garten an der Werra geschah – durch seine Schuld. Dort hatte der Angeklagte Gäste aus Nürnberg. Deren Sohn, zwei Jahre und acht Monate alt, war „verrückt nach Wasser“, wie die Mutter sagt. Mittags ließ der 52-Jährige das alte Schlauchboot mit teils defekter Luftkammer zu Wasser, ließ sich vom Freund den kleinen Jungen ins Boot geben und paddelte ein paar Meter die Werra hinab.

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Am Spätnachmittag, nach dem Grillen vor der Datsche und einigen Flaschen Bier, gab man dem Wunsch des Kindes nach. Noch einmal paddelte der in Kasachstan geborene Deutsche in den sogenannten toten Arm der Werra. Zurück hielt er sich am Ufer der Insel, weil dort Enten und ein Schwan zu sehen waren. Dann geriet das Boot in die Querströmung zum kräftig fließenden linken Werraarm. Es stelle sich quer und kenterte. Angeklagter und Kind fielen ins Wasser.

Dreimal noch will der verzweifelte Mann getaucht sein, als das Kind nicht wieder auftauchte. Zeugen wollen seine Ausrufe gehört haben: „Warum nicht ich?“ Der kleine Leichnam wurde erst zwölf Tage später acht Kilometer unterhalb in der Weser gefunden.

Die Staatsanwaltschaft ermittelte gegen die Mutter und den Bootslenker. Die Eltern jedoch sah man als so gestraft an, dass das Verfahren eingestellt wurde. Dem 52-Jährigen warf der Staatsanwalt nach der Beweisaufnahme vor, das Kind, das nicht schwimmen konnte, ungesichert mit in ein marodes Boot genommen zu haben. Und das mit fast einem Promille Alkohol im Blut. Zwei Stunden nach der Tat waren 0,79 Promille gemessen worden.

Richter Wilfried Kraft verhängte eine Strafe von sechs Monaten – mehr als der Staatsanwalt beantragt hatte. Denn die Strafe solle Sühne sein für „bodenlosen Leichtsinn“, aber sie helfe Angeklagten auch bei der Vergeltung von Schuld. Sie wird zur Bewährung ausgesetzt und wurde sofort rechtskräftig. 150 Stunden gemeinnütziger Arbeit für den Naturpark Münden sind die Auflage für den Verurteilten. Kraft abschließend: „Heute ist einer der Tage, an denen ein Strafrichter merkt, dass das Strafrecht in manchen Fällen an Grenzen kommt.“