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Göttingen Totimpfstoff, Voll-Keim-Impfstoff, Proteinimpfstoff, mRNA: Experte Eiffert erklärt, was wirkt
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Totimpfstoff, Proteinimpfstoff, mRNA-Impfstoff: Experte erklärt, was wirkt

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17:28 09.12.2021
Impfstoff von Biontech/Pfizer wirkt, andere sind noch in der Erprobung oder im Zulassungsverfahren.
Impfstoff von Biontech/Pfizer wirkt, andere sind noch in der Erprobung oder im Zulassungsverfahren. Quelle: Sven Hoppe
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Göttingen

„Ich warte auf den Totimpfstoff“: Hinter diesem Satz steckt nicht nur die Skepsis gegenüber den wirksamen mRNA-Vakzinen von Biontech und Moderna, sondern auch ein Missverständnis. Denn die beiden Präparate fallen Experten zufolge ebenfalls in die Kategorie Totimpfstoff und sind inzwischen milliardenfach erprobt. Vor der Impfpflicht noch auf ein neues Mittel gegen das Coronavirus zu warten, könne hingegen fatale Folgen haben. „Jeder sollte sich jetzt impfen und boostern lassen“, sagt der medizinische Mikrobiologe Prof. Helmut Eiffert.

Das, was derzeit unter dem Begriff „Totimpfstoff“ diskutiert wird, sei eigentlich eine „Voll-Keim-Impfung”, erklärt der Göttinger Wissenschaftler. Denn Grundlage dieser Impfstoffe seien Coronaviren, die in so genannten Vero-Zellen von Primaten gezüchtet werden. In einem aufwendigen Verfahren werden die Viren gereinigt, Strukturen der Viren gewonnen und mit Wirkverstärkern wie Aluminiumhydroxid zu einem Impfstoff verarbeitet.

Mikrobiologe Prof. Helmut Eiffert. Quelle: privat

„Diese Technik wird schon lange angewendet, beispielsweise bei der Herstellung von Grippe-Impfstoffen“, sagt Eiffert. Die zerstörten und aufbereiteten Viren werden, wie die mRNA-Impfstoffe auch, gespritzt, um im Körper eine Immunreaktion zu erzeugen.

Was können Totimpfstoffe besser?

„Ohne chemische Aufbereitung können die Voll-Keim-Impfstoffe nicht eingesetzt werden“, erklärt der Wissenschaftler. Aufbereitet aber können diese Impfstoffe ein breites Spektrum an Antikörpern und T-Zellen aktivieren, da sie dem Immunsystem ja das komplette Virus präsentieren. Beim Impfstoff gegen die Schweinegrippe allerdings riefen diese Wirkverstärker erhebliche Nebenwirkungen hervor. Die Herstellung von diesen inaktivierten Impfstoffen sei zudem wegen der langdauernden Vermehrung der Viren und der Reinigung sehr zeit­aufwändig.

Wann kommen die Impfstoffe auf den Markt?

In Europa hat der französische Hersteller Valneva einen Corona-Impfstoff auf dieser traditionellen Basis so weit entwickelt, dass er in klinischen Studien getestet werden kann. Mit einer Auslieferung wird frühestens im April gerechnet, sofern die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) eine Zulassung erteilt. Die Hoffnung vieler Impf-Skeptiker liegt hingegen auf einem Produkt des US-Konzerns Novavax, das sich bereits im EMA-Verfahren befindet und möglicherweise bis Anfang des neuen Jahres unter dem Handelsnamen Nuvaxovid zugelassen wird. In Indonesien und auf den Philippinen ist das bereits der Fall, dort heißt es Novavax.

Ist Novavax ein Totimpfstoff?

Ein klassischer Totimpfstoff mit inaktiven Viren ist es aber offenbar nicht. Das Präparat gehöre zwar ebenfalls in diese Oberkategorie, sei aber ein wie von Diphterie- und Tetanus-Impfungen bekannter Proteinimpfstoff, so Eiffert. Um solche Substanzen herzustellen, werden Zellen von Tieren verwendet, etwa von Hamstern oder Insekten.

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Diese Zellen produzieren im Fall von Nuvaxovid das Spike-Protein des Coronavirus, nachdem eine DNA-Erbinformation davon in einem speziellen gentechnischen Verfahren eingeschleust wurde. Unter anderem zusammen mit Wirkverstärkern werden die dann dem Menschen gespritzt, um die Immunantwort hervorzurufen.

mRNA-Impfstoffe sind Totimpfstoffe

Bei mRNA-Impfstoffen produziert der Körper das Protein selbst, die injizierte Virus-mRNA wird innerhalb kürzester Zeit abgebaut. An dieser Technik wird seit 20 Jahren geforscht, vor allem für die Krebstherapie. Sie gehören ebenfalls in die Kategorie der Totimpfstoffe, weil der Impfstoff keine aktiven Viren enthalte, erklärt Eiffert. „Es gibt keinen Grund, mit der Impfung zu warten, bis ein weiterer Impfstoff auf dem Markt ist“, sagt er. Die zugelassenen Vakzine seien sicher und verträglich, das habe sich bereits in Millionen von Impfungen weltweit gezeigt, während für andere Präparate keine so breite Datenbasis vorliege. Wer die Impfung verschiebe, gehe ein unnötiges Risiko der Erkrankung an Covid-19 ein.

Von Britta Bielefeld mit RND