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Göttingen Neues Transplantationsgesetz: Der Mensch als „Ersatzteillager“?
Die Region Göttingen Neues Transplantationsgesetz: Der Mensch als „Ersatzteillager“?
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15:57 28.08.2019
Organspende: In Deutschland fehlen Spender. Quelle: dpa
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Göttingen

Der Deutsche Bundestag will noch dieses Jahr ein neues Transplantationsgesetz beschließen. Der Göttinger CDU-Bundestagsabgeordnete Fritz Güntzler hat zu diesem Thema einen Diskussionsabend „Fritz im Dialog” im Hotel Freizeit In organisiert.

Diskussion über Organspende: Martin Siess, Nicola Maria Meyer, Fritz Güntzler und Friedrich Selter. Quelle: bib

Rund zwei Stunden langen tauschten die Teilnehmer und Gäste ihre Argumente aus – sachlich und kontrovers. Zur Abstimmung, so erklärte es Güntzler, stehen zwei Entwürfe. „Zum einen die Erweiterungsregel, die auf mehr Aufklärung und Sensibilisierung setzt”, so der Politiker. Der Organspende müsse dann aber weiterhin aktiv zugestimmt werden. „Zweitens steht die Widerspruchsregelung zur Abstimmung”, so Güntzler. Wird sie beschlossen, ist jeder Mensch zunächst einmal Spender, es sei denn, er widerspricht. Das werde in einem Register hinterlegt.

Güntzler stimmt für Widerspruchsregelung

„Es geht nicht ohne Aufklärung”, sagte Nicola Maria Meyer, selbst Organspende-Empfängerin und ehrenamtlich für den Verein Lebertransplantierter Deutschland aktiv. „Jeder sollte seine Entscheidung frei treffen”, so Meyer. Einig waren sich die Fachleute, dass mehr Spenderorgane gebraucht werden. „Rund 1000 Menschen sterben jährlich auf der Warteliste”, so Güntzler. Er zweifele allerdings daran, dass eine Steigerung allein durch Aufklärung erreicht werden könne. „Ich stimme deshalb für die Widerspruchsregelung”, so der Abgeordnete.

Der Mensch ist mehr als Hirn

Friedrich Selter, Superintendent der Evangelischen Kirche in Göttingen, sprach sich hingegen für die Erweiterungsregelung aus. Zwar stimme er der These der Hirntotes zu, für ihn sei der Mensch aber mehr als Hirn. Einer Organentnahme stehe ethisch aber nichts im Wege.

Martin Siess, Vorstand für Krankenversorgung der Universitätsmedizin Göttingen, erklärte, dass ein „irreversibler Ausfall dreier Hirnareale” von den Ärzten bestätigt werden müsse. „Solch eine Diagnose kann bis zu 72 Stunden dauern”, so der Mediziner. Seiner Aussage nach gebe es bundesweit jedes Jahr 27.000 potenzielle Organspender aber nur rund 1000 Organentnahmen. Eigentlich müsse also niemand auf der Warteliste sterben. „Man kann von mündigen Bürgern erwarten, dass sie sich entscheiden”, so Siess. Ganz anders Selter. Er sagte: „Die Widerspruchsregelung löst in mir Widerstand aus.” Menschen, so der Theologe, gehörten per se nicht der Allgemeinheit.

„Es gibt keine richtige Antwort“

Aus dem Publikum meldete sich Clemens Hess zu Wort. Der Professor und Strahlentherapeut nannte die Widerspruchslösung einen „erheblichen Eingriff in die Persönlichkeitsrechte”. Das Individuum sei kein Ersatzteillager. „Jeder hat auch das Recht darauf, dass es ihn nicht interessiert”, sagte er. Siess räumte ein, dass die Widerspruchsregelung ein „Kulturbruch” sei. „Es gibt keine richtige Antwort, es gibt nur eine individuelle Antwort”, so der UMG-Vorstand.

Eberhard Gramsch, Mediziner im Publikum, mahnte an, nicht die Angehörigen mit der Entscheidung darüber zu belasten. Jeder könne jederzeit widerrufen. Zuhörer und Mediziner Helmut Wagner regte eine Gesundheitserziehung bereits in Schulen an, „damit sich die Menschen bewusst entscheiden”. Jurist und Professor Steffen Stern nannte die Diskussion um die Warteliste „Zahlenspiele”. Viele der 1000 Menschen auf der Warteliste stürben an ihren Grunderkrankungen, sagte er. „Viele der Patienten sind gar nicht transplantabel”, so Stern.

Ein Leben auf der Warteliste

Zwei, die wissen, wie es sich anfühlt, auf der Warteliste zu stehen, sind Rainer Nolte und seine Frau. Der Polizeibeamte hat seiner Frau eine Niere gespendet, die Transplantation war nicht erfolgreich, die Folge sind Dialysebehandlungen und ein Leben auf der Warteliste. Nolte appellierte, dass man sich „verpflichtend” mit dem Thema beschäftigen müsse – und nicht erst, wenn ein Angehöriger auf dem Sterbebett liege. Moderator Thomas Kopietz wollte wissen, wie es sei, auf der Warteliste zu stehen. „Das begleitet einen tagtäglich, das lässt einen nicht los”, sagte Nolte.

Warum nicht über Crossover-Spenden gesprochen werden, wollte Besucherin Christina Plath wissen. Das heißt, dass sie einer Person eine Niere spenden kann und deren Angehörige dann wiederum Plaths Tochter. Güntzler versprach, diese Frage mit in den Bundestag zu nehmen. Am Ende waren sich die Beteiligten einig, dass die Entscheidung immer individuell zu treffen sei. „Uns eint das Ziel, auch wenn wir unterschiedliche Wege gehen”, so Güntzler. Wie die Entscheidung im Bundestag ausgeht? “Ich weiß wirklich nicht”, so der Abgeordnete.

Unterschiedliche Lösungen

In Deutschland gilt derzeit die so genannte Entscheidungslösung bei der Organspende. Das heißt, das Organe nur dann nach dem Tod entnommen werden, wenn der Mensch der Entnahme zu Lebzeiten zugestimmt hat. Liegt keine Entscheidung – beispielsweise in Form eines Organspendeausweises – vor, müssen die Angehörigen des Toten darüber entscheiden. In einigen europäischen Ländern ist das anders, dort die so genannte Widerspruchregelung. Das heißt: Wenn die gestorbene Person einer Organspende zu Lebzeiten nicht widersprochen hat – beispielsweise in einem Widerspruchsregister – dürfen Organe zur Transplantation entnommen werden. Über einen Gesetzentwurf für eine Widerspruchslösung will der Bundestag im Herbst fraktionsoffen abstimmen.

Von Britta Bielefeld

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