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Göttingen Transplantations-Prozess: Bisher wenig Be-, aber viel Entlastendes
Die Region Göttingen Transplantations-Prozess: Bisher wenig Be-, aber viel Entlastendes
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16:19 23.08.2013
Von Jürgen Gückel
Optimistisch: Angeklagter mit Verteidigern Hoppe (l) und Stern (r). Quelle: CR
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Göttingen

Viele der von ihm vorgetragenen belastenden Momente weiß er nur von den Kollegen, etliche erscheinen nicht zwingend belastend. Vielmehr kennt auch er keinen einzigen Fall, der belegt, dass der Angeklagte bei der Meldung von Blutwerten seiner Patienten konkret manipuliert hat.

Der 53 Jahre alte Hauptkommissar berichtet, wie das Verfahren im Sommer 2011 durch einen anonymen Anruf in Gang kam, wie es zu Ermittlungen von Bundesärztekammer, dann der Universitätsmedizin Göttingen  (UMG) sowie der Staatsanwaltschaft wegen Korruption führte.

Der Korruptionsvorwurf ist widerlegt

Der Korruptionsvorwurf ist widerlegt. Zweifelhaft blieben nach klinikinternen Feststellungen von UMG und Bundesärztekammer 37 Fälle möglicher Falschmeldung von Blutwerten, acht Transplantationen, in denen es keine Indikation gegeben habe, fünf weitere, in denen die Transplantation sogar zwingend hätte unterbleiben müssen.

Zeugen meldeten sich

Als aber, ausgelöst durch einen Tageblatt-Bericht vom 12. Juni 2012, das Thema im Klinikum mehr und mehr publik wurde, meldeten sich auch Zeugen, die Merkwürdiges gehört oder gesehen haben wollen, berichtet der Zeuge. Von Blutproben eines Patienten, dem gar kein Blut abgenommen wurde, von Monovetten (Blutentnahmeröhrchen), die einem Patienten zugeordnet werden sollten, obwohl das Blut nicht von diesem stammte, und von merkwürdigen Fragen, ob nicht dokumentierte Dialysen nachträglich ins System einzupflegen sind, sei die Rede gewesen.

Am konkretesten noch die Aussage einer Krankenschwester, die Teile eines Gesprächs zwischen dem Angeklagten und dessen Chef, Direktor der Gastroenterologie, mitgehört haben will. Es sei gesagt worden,  „Blutwerte werden optimiert“.

Keine Beweise

Aber keiner der Zeugen hat gesehen, dass der Angeklagte selbst etwas manipuliert hat. Nie habe er mit seinem eigenen Zugang zum Meldesystem eine Eintragung an Eurotransplant vorgenommen. Ob die Angaben zur Dialyse wirklich falsch waren, ist auch nicht bewiesen. Eventuelle Blutreinigung bei externen Praxen wurden nicht überprüft, nur die Frage, ob der Patient im Klinikum eine Dialysebehandlungen erhielt.

Bleibt offen, ob überhaupt jemand geschädigt wurde, wie die Anklage in elf Fällen voraussetzt, falls dem Angeklagten Manipulationen doch anzulasten sind. Von Eurotransplant vorgelegte Angaben über das Schicksal von Patienten, die durch eine der angeblichen Falschmeldung  von einem Zuteilungs-Platz verdrängt wurden, lassen zweifeln: Allesamt erhielten wenig später ein oder gar mehrere Angebote auf eine Spenderleber, alle wurden transplantiert, viele überlebten, einige allerdings nicht, was aber nicht Folge der späteren Transplantation sein muss.

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