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Göttingen Transplantationsskandal in Göttingen: Wer sind die Opfer?
Die Region Göttingen Transplantationsskandal in Göttingen: Wer sind die Opfer?
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19:08 16.08.2013
Von Jürgen Gückel
Quelle: dpa (Symbolbild)
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Göttingen

Und sie sind unbekannt, weil unmöglich zu ermitteln ist, wessen Leben hätte gerettet werden können, hätte es keine Manipulation der Meldeliste von Eurotransplant gegeben. Statt der in Göttingen mutmaßlich widerrechtlich transplantierten Patienten hätte irgendwo in Europa einem anderen auf der anonymisierten Eurotransplant-Liste stehenden Patienten die zur Verfügung stehende Leber eingepflanzt werden müssen.

Drei Namen sind bekannt

Drei Namen freilich sind bekannt.  Drei Patienten, die in Göttingen von dem Angeklagten operiert wurden, eine Leber erhielten und die laut Anklage an den Folgen des Eingriffs oder an Komplikationen gestorben sein sollen. In allen Fällen wird Aiman O. eine falsche Indikation vorgeworfen.

Zu ihnen gehört Hubert H. (Name geändert): Der Mittfünfziger war leberkrank. Am 3. August 2010 wurde sein Name bei Eurotransplant als Anwärter auf ein Spenderorgan gelistet – einer von rund 20 000 Patienten europaweit, die auf eine Leber warten. Er und seine Angehörigen rechneten nicht damit, schnell eine Chance zu bekommen. Dafür ging es Hubert H. zu gut. Sein so genannter Meld-Score war weitab von jenem Bereich, in dem die Zuteilung realistisch erschien. Es ging ihm auch nach und nach besser. Er arbeitete, betrieb Sport, fühlte sich fit.

Zunächst für einen Irrtum gehalten

Die Familie soll es zunächst für einen Irrtum gehalten haben, als im Herbst 2011 plötzlich das Telefon klingelte. So ermittelte später die „Ermittlungsgruppe Leber“, jene spezialisierten Beamten der Polizeidirektion Göttingen in Hildesheim, die den Fall bearbeitete. Hubert H. wurde mit Koffer und Kleidung für einen längeren Aufenthalt ins Uniklinikum gerufen. Eine Leber sei da, er werde operiert. Mutmaßlich aus Sorge, dass er das Glück, schnell an ein Spenderorgan zu kommen, nie wieder haben würde, willigte H. ein. Er wurde operiert, es gab Komplikationen. Er musste in einer anderen Klinik retransplantiert werden. Sein Zustand verschlechterte sich. Im September 2012 starb er an den Folgen.

Medizinisches Gutachten als Beleg

Ein medizinisches Gutachten soll belegen, dass H. zu jenem Zeitpunkt nie hätte operiert werden dürfen. Die neue Leber habe letztlich zu seinem Tod geführt. Allerdings: Es gibt auch andere medizinische Meinungen. Vor Gericht wird ein Gutachterstreit erwartet, ob der Angeklagte hätte operieren dürfen.

Drei derartige Fälle sind mit angeklagt: Körperverletzung mit Todesfolge. Fälle, die das Renommee des Angeklagten, selbst wenn er freigesprochen würde, schwer beschädigen. Von den Hinterbliebenen der Opfer wird nur eines im Prozess anwaltlich vertreten. Der renommierte Göttinger Nebenklage-Anwalt Steffen Hörning wird die Interessen der Witwe eines der Opfer vertreten. Ein anderes Opfer soll keine Angehörigen haben. Im dritten Fall sollen diese sich bisher als Nebenkläger nicht gemeldet haben. „Die Nebenklägerin ist tief erschüttert“, sagt Hörning.“ „Sie hat ein Recht zu erfahren, was das Motiv war zu operieren und dabei Leben zu riskieren.“