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Göttingen Turmbuch von St. Jacobi in Göttingen liefert Informationen
Die Region Göttingen Turmbuch von St. Jacobi in Göttingen liefert Informationen
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20:48 29.10.2013
Von Jörn Barke
Innenstadtkirche St. Jacobi: Die Edition einer wichtigen Quelle soll die Geschichte Göttingens erhellen. Quelle: Pförtner
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Göttingen

Die Eintragungen in dem Werk, das erst später zu einem Buch zusammengebunden wurde, geben einen Einblick in einen Zeitraum von fast 200 Jahren, nämlich von 1416 bis 1602. Die älteste Einträge beziehen sich auf den geplanten Turmbau, der dann 1427 bis 1433 erfolgte – und finanziert werden musste.

Im Turmbuch finden sich Stiftungen und Testamente zugunsten des Baus, Rechnungen und Verträge. Daraus ergeben sich tiefe Einblicke in die Organisation und den Verlauf des Turmbaus sowie über die damaligen Löhne und Preise. Weitere Aufzeichnungen dokumentieren unter anderem die Einstellung eines Organisten, die Anschaffung von Messgeräten, die Anfertigung eines Uhrwerks oder Immobiliengeschäfte der Kirchengemeinde.

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Hoher Stellenwert für Göttingen

Die Quelle an sich ist schon lange bekannt – sie wird nun aber durch Dolle, der am Institut für Historische Landesforschung der Universität arbeitet, erstmals umfangreich erschlossen. Er ediert die schwer lesbare Handschrift und macht sie damit für die Öffentlichkeit verfügbar. Den hohen Stellenwert der Quelle für Göttingen betonen sowohl der Leiter des Instituts, Arnd Reitemeier, wie auch Ernst Böhme, Leiter des Stadtarchivs, aus dessen Beständen die Quelle stammt.

Die Edition der Quelle wird auf ungewöhnliche Weise finanziert. Die Hälfte der Kosten in Höhe von 30 000 Euro trägt die VGH-Stiftung. Die andere Hälfte übernehmen – auf Initiative von Pastor Harald Storz – an der Sanierung des Turmes beteiligte Firmen. Das 72 Meter hohe Gebäude wird seit 2009 instandgesetzt. Die Arbeiten sollen im kommenden Jahr abgeschlossen sein.

Die Kosten liegen nach dem derzeitigen Stand laut Storz bei rund fünf Millionen Euro und damit deutliche niedriger als geplant. Die Edition des Turmbuches soll zum Abschluss der Sanierung erscheinen.

Auszüge aus dem Turmbuch

Das Turmbuch von St. Jacobi enthält unter anderem den Arbeitsvertrag mit dem Baumeister. Hier ein Auszug in der Transkription von Dolle: „Im Jahre 1426, am Festtag Simon und Juda verhandelten wir mit Meister Hans Rutenstein und nahmen ihn zu einem Werkmann an, drei Jahre am Turm zu St. Jakobi zu arbeiten, und sollen ihm als Lohn geben jeweils für die Woche fünfzehn Schillinge winters wie sommers. “

Im weiteren Verlauf der rund 170 Seiten umfassenden Quelle werde die Preise für zahlreiche Arbeitsmaterialien genannt – bis hin zum Schmierfett für die Steinkarre und einem Steinbohrer. Aus dem Turmbuch geht außerdem laut Reitemeier hervor, dass beim Turmbau modernste mittelalterliche Technik zum Einsatz kam – in Form eines Krans.

Einträge in dem Buch belegten zudem, dass für Geld gestiftete Messen weit über die Reformationen hinaus gehalten wurden. Zum Binden des Buches wurden außerdem zwei Pergamentstreifen aus einer hebräischen Bibel verwendet. Dabei handelt es sich um Objekte aus der spätmittelalterlichen jüdischen Gemeinde in Göttingen, die am Ende des Mittelalters vertrieben wurde.

Das Turmbuch enthält laut Dolle auch Angaben, wann es Bier und Braten für die Arbeiter gab, liefert detaillierte Einblicke in den Ablauf von Messen und gibt Informationen zu Blitzeinschlägen im Turm, so auch über den am 29. Dezember 1555, der einen verheerenden Brand zur Folge hatte: „Erfasst wurde von oben her der mit Schiefer gedeckte Dachstuhl und brannte herunter, wobei nur das Steinwerk stehen blieb… Die Turmuhr fiel herunter, und die Glocken im Turm schmolzen.“