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Göttingen Umbenennung wegen Nähe zum NS-Regime: Hardegsen soll über Sohnreystraße diskutieren
Die Region Göttingen Umbenennung wegen Nähe zum NS-Regime: Hardegsen soll über Sohnreystraße diskutieren
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14:17 30.01.2020
Noch gibt es in der Region Heinrich-Sohnrey-Straßen. Quelle: Harald Wenzel
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Hardegsen

Ob der Schriftsteller Heinrich Sohnrey wegen seiner Nähe zum Nationalsozialismus als Namensgeber für Straßen oder öffentliche Institutionen noch tragbar ist, wird in Niedersachsen immer wieder diskutiert. Jetzt hat der Hardegser CDU-Ratsherr Tobias Kreitz einen Antrag im Rat eingereicht, sich mit einer Umbenennung der Sohnrey-Straße in Hardegsen zu beschäftigen.

Der Rat solle eine Neubewertung der Leistungen und der Würdigung des Schriftstellers Heinrich Sohnrey vornehmen, schreibt Kreitz in seinem Antrag, um die Würdigung der Namensgebung der Sohnreystraße in der Kernstadt zu überprüfen. Neue Erkenntnisse aus der Forschung legten dies nahe. Die Anwohner seien in das Verfahren einzubeziehen.

Überzeugter Nationalsozialist

Sohnrey, geboren 1859 in Jühnde, gestorben am 26. Januar 1948 in Neuhaus im Solling, arbeitete zunächst als Lehrer, später als Journalist und ab 1894 als freier Schriftsteller. Er war kein NSDAP-Mitglied, 1933 gehörte er aber zu den 88 Schriftstellern, die das „Gelöbnis treuester Gefolgschaft für Adolf Hitler“ unterzeichneten. Sohnrey sei ein überzeugter Nationalsozialist gewesen, so der Göttinger Germanistik-Professor Frank Möbus im Jahr 2011. Der Göttinger Historiker Prof. Dirk Schumann hat 2014 eine Stellungnahme für die Universität Göttingen erarbeitet, die eine Distanzierung von der Person Heinrich Sohnrey empfahl.

Heinrich Sohnrey. Quelle: R

Schumann sieht eine „fremdenfeindliche und rassistische Tendenz in seinem Werk […], die schon vor 1914 erkennbar ist und sich insbesondere nach 1933 weiter zuspitzt. Seine Bekundungen der Unterstützung für das nationalsozialistische Regime waren nicht nur taktisch motiviert, sondern auch von echter Überzeugung und partieller Übereinstimmung mit dessen Zielen getragen. Von dieser Tendenz seines Denkens hat sich Sohnrey auch in der Nachkriegszeit nicht distanziert.“ Daraufhin hat die Universität Göttingen sich von Sohnrey distanziert. Seine Ehrenbürgerschaft war schon mit seinem Tod erloschen.

Immer mehr Gemeinden haben sich in den vergangenen Jahren entschlossen, Heinrich Sohnrey Straßen umzubenennen: Bereits 2011 hatte auch aufgrund der Forschungen von Möbus der Göttinger Kreistag beschlossen, die Sohnrey-Realschule in Hann. Münden in „Drei-Flüsse-Realschule“ umzubenennen. Die dortige Heinrich-Sohnrey-Straße ging in der Quantzstraße auf. Auch eine Schule in Boffzen wurde umbenannt. Die ehemalige Heinrich-Sohnrey-Straße in Göttingen-Geismar heißt seit 2014 „Else-Bräutigam-Straße“. In Bovenden gibt es noch eine Sohnrey-Straße – an den Straßenschildern wurden aber ergänzende Infotafeln angebracht. In einigen Orten der Region gibt es nach wie vor Heinrich-Sohnrey-Straßen, etwa in Adelebsen, Moringen oder Hattorf.

In Dransfeld endete im Oktober 2018 endete eine zweijährige Diskussion. Die Sohnrey-Straße in Dransfeld blieb Sohnrey-Straße. Der Stadtrat lehnte einen Antrag auf Umbenennung ab. Wie in Bovenden hat man sich hier für ein Zusatzschild am Straßenschild entschieden, das auf die negative Seite des Wirkens von Sohnrey hinweist.

Status Quo unbefriedigend

„Mir geht es vor allem darum, dass wir uns in Hardegsen überhaupt einmal mit dem Thema beschäftigen“, so Ratsherr Kreitz. Der Status Quo sei unbefriedigend. Zwiegespalten seien bislang die Rückmeldungen, die er erhalten habe. Viele fänden es richtig, sich mit dem Thema zu befassen. Für die meisten spielten aber die Kosten einer Umbenennung eine große Rolle. Hardegsens Bürgermeister Michael Kaiser wolle den Antrag nun im Ausschuss für Schule, Sport und Kultur beraten lassen.

Die Fraktion Hardegsen 21 / Die Linke unterstütze den Antrag von Kreitz grundsätzlich, so Ratsfrau Bettina Hucke. Die Vergangenheit zu reflektieren sei wichtig um Gegenwart und Zukunft einordnen zu können. Im Zusammenhang einer kritischen Bewertung der Schriften Sohnreys, seiner Vergangenheit und einer Strassenumbenennung dürfe ein Bezug zu dem heute wiedererstarkten rechten Gedankengut nicht fehlen, so Hucke. Rainer Glahe, ehemaliger Fraktionsvorsitzender der Freien Bürgerliste (FDL), fordert eine differenzierte Betrachtung Sohnreys ein.

Gesamtbewertung muss zwiespältig ausfallen

Auch Osterode und Hattorf haben sich in der vergangenen Zeit mit der Problematik beschäftigt. Osterode verzichtete nach der Beratung jedoch auf eine Umbenennung. Nach eingehender Diskussion hat sich der Stadtrat darauf geeinigt unterhalb des Straßennamens ein Hinweisschild anzubringen.

Der Text in Bovenden, Dransfeld und Osterode lautet: „Heinrich Sohnrey (1859-1948), Schriftsteller und konservativer Sozialreformer, erwarb sich Verdienste um die Verbesserung der Lebensverhältnisse auf dem Land und die Pflege des ländlichen Brauchtums. Seine fremdenfeindlichen und rassistischen Überzeugungen ließen ihn jedoch auch zum Unterstützer des nationalsozialistischen Regimes werden. Eine Gesamtbewertung muss deshalb zwiespältig ausfallen.“

Von Christiane Böhm

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