Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Göttingen Verdacht der sexuellen Belästigung: Uni Göttingen will zwei Professoren loswerden
Die Region Göttingen Verdacht der sexuellen Belästigung: Uni Göttingen will zwei Professoren loswerden
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:09 30.08.2019
Verhandlung vor dem Verwaltungsgericht. Quelle: dpa
Anzeige
Göttingen

Sexuelle Belästigungen und Sexismus am Arbeitsplatz sind auch im akademischen Milieu anzutreffen. Das zeigen zwei „MeToo“-Verfahren, die derzeit beim Verwaltungsgericht Göttingen anhängig sind. Die Universität Göttingen hat dort gegen zwei Professoren eine Disziplinarklage erhoben mit dem Antrag, die Wissenschaftler aus dem Beamtenverhältnis zu entfernen. Die Hochschule wirft den Professoren wiederholtes sexuelles Fehlverhalten gegenüber Studentinnen und Doktorandinnen vor, damit seien sie nicht mehr tragbar.

Auch ein Strafverfahren anhängig

Der erste Fall war durch eine erste Verhandlung im Frühjahr bekannt geworden. Derzeit ruht dieses disziplinarrechtliche Verfahren, weil gegen den betreffenden Professor auch ein Strafverfahren läuft. Die Staatsanwaltschaft Göttingen hat den 55-Jährigen wegen 21 Straftaten angeklagt, unter anderem wegen Freiheitsberaubung sowie sexueller Nötigung und Belästigung. Der frühere Institutsleiter soll gegenüber zwei Doktorandinnen und einer Mitarbeiterin sexuell übergriffig geworden sein und zwei von ihnen sogar geschlagen haben.

Besonders betroffen war eine ausländische Wissenschaftlerin, die in Göttingen promovieren wollte. Laut Anklage soll der 55-Jährige sie mehrfach in sein Zimmer einbestellt und dann die Tür von innen verschlossen haben. Er habe ihr dann vorgeworfen, etwas falsch gemacht zu haben, weshalb er sie bestrafen müsse. Er habe sie aufgefordert, die Hose herunterzuziehen, damit er sie mit einem Stock schlagen könne. Als die Doktorandin dieser Aufforderung nicht folgte, habe er ihr auf das bekleidete Gesäß geschlagen. Einer anderen Doktorandin soll er mehrfach auf die bekleidete Brust geschlagen, ihren Körper betastet und sie oberhalb der Bekleidung an Brüsten und Po berührt haben.

Hausverbot erteilt

Jetzt ist ein zweiter „MeToo“-Fall bekannt geworden, der ebenfalls beim Verwaltungsgericht Göttingen gelandet ist. Auch hier geht es um den Vorwurf, dass ein Professor seine Stellung ausgenutzt und wiederholt Studentinnen und Doktorandinnen sexuell belästigt haben soll. Die Universität hatte noch vor Erhebung der Disziplinarklage gegen den Professor ein Verbot der Führung der Dienstgeschäfte ausgesprochen und ihm außerdem ein Hausverbot erteilt. Dies wollte der Wissenschaftler nicht hinnehmen und zog vor Gericht – allerdings ohne Erfolg: Das Verwaltungsgericht Göttingen lehnte seinen Eilantrag auf vorläufigen Rechtsschutz ab (Aktenzeichen 1 B 123/17).

Die Universität hatte in dem Verfahren darauf hingewiesen, dass bereits seit 2012 durch die Gleichstellungsbeauftragte wiederholt Hinweise auf unerwünschtes sexuelles Verhalten eingegangen seien. (*1) Betroffene Studentinnen und Mitarbeiterinnen hätten von sexualisierten Übergriffen, unerwünschten Berührungen und sexistischen Äußerungen berichtet. Unter anderem soll der Professor bei einer Dienstbesprechung eine ehemalige Doktorandin sexuell belästigt haben, indem er unter dem Tisch mit seinem Fuß an ihrem Bein hochstrich.

Ans Gesäß gegriffen

Ferner habe er einer Studentin an das Gesäß gegriffen, ihr den Arm um die Taille und die Hand auf den Oberschenkel gelegt. Bei Versuchen habe er mit „anzüglichem Grinsen“ darauf hingewiesen, dass man zur Abdichtung ein Kondom oder eine Feinstrumpfhose benutzen könne. Als eine Studentin sich gegen seine Zudringlichkeiten gewehrt habe, habe er ihr entgegnet, dass sie ihre Schüchternheit ablegen müsse, wenn sie mit ihm arbeiten wolle.

Der Professor hatte alle Vorwürfe zurückgewiesen und als bloße Unterstellungen bezeichnet. Er habe sich zu keinem Zeitpunkt sexuell übergriffig verhalten. Im Übrigen sei es gar nicht möglich, am Schreibtisch sitzend seinem Gegenüber mit dem Fuß am Bein hochzustreichen, da die Distanz zwischen den Personen etwa 1,5 Meter betrage.

In unangemessener Weise

Das Gericht kam in dem Eilverfahren zu dem Schluss, dass – anders als von dem Antragsteller behauptet - nach Aktenlage nicht erkennbar sei, dass es sich um eine Intrige handele. Die Zeugenaussagen legten nahe, dass der Professor in unangemessener Weise mit seinen ihm zur Ausbildung unterstellten Mitarbeiterinnen umgegangen sei, indem er sich sowohl in körperlicher als auch in verbaler Hinsicht grenzüberschreitend verhalten habe. Der Verbleib auf seinem Dienstposten würde die Fähigkeit der Universität, die weiblichen Angehörigen effektiv vor zu befürchtenden Übergriffen auf ihre körperliche Unversehrtheit zu schützen, in Frage stellen. Deshalb sei sein Eilantrag abzulehnen. Der Professor hat inzwischen Beschwerde beim Oberverwaltungsgericht Lüneburg eingelegt. Dieses hat sich noch nicht mit dem Fall befasst.

Die Universität Göttingen legt Wert darauf, dass ihrerseits zu den Fällen gegenüber der Presse keinerlei Aussagen gemacht wurden.

.........................

*1 Dieser Satz wurde nachträglich aktualisiert/geändert

........................

Mehr zum Thema lesen Sie hier:

Wer muss vor Gericht klagen?

Von Heidi Niemann

Die Deutschland Tour kommt am Freitag und Sonnabend nach Göttingen – und verwandelt die Universitätsstadt zwei Tage lang in ein Radsport-Eldorado. Die Auswirkungen von Deutschlands größtem Radrennen sind immens: Straßen müssen gesperrt, Busse umgeleitet werden. Der Überblick.

29.08.2019

Von den 2,8 Millionen Euro Fördermitteln aus dem EU-Programm Leader sind in der laufenden Förderperiode im Göttinger Land bereits 2,4 Millionen Euro gebunden. Die Periode läuft noch bis 2022.

29.08.2019
Göttingen Falsche Angehörige am Telefon - Betrügerische Anrufe nehmen wieder zu

Sie geben sich als Sohn, Enkel oder Polizist aus. Betrüger versuchen immer wieder am Telefon ihre Opfer um hohe Beträge zu bringen. Aktuell schwappt die nächste Welle über die Region.

29.08.2019