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Göttingen Minus 10 Grad: Zu kalt für ein Leben auf der Straße
Die Region Göttingen Minus 10 Grad: Zu kalt für ein Leben auf der Straße
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19:03 21.01.2019
Eine Nacht im Freien bei Minusgraden kann lebensgefährlich sein. Quelle: Zoellner
Göttingen

Überregional fordern Hilfsorganisationen mehr Räumlichkeiten für die Unterbringung von Menschen, die auf der Straße leben. Angebote wie ein Kältebus oder das kostenlose Fahren in öffentlichen Verkehrsmitteln seien zwar hilfreich, reichten aber nicht aus, sagte beispielsweise Bremens Landesdiakoniepastor Manfred Meyer vor wenigen Tagen. Wo können Bedürftige in Göttingen bei diesen Minusgraden unterkommen?

Die Zahl der Obdachlosen stieg zuletzt bundesweit und auch in Göttingen deutlich an. Nach Angaben der Stadt sind aktuell elf Männer und zwölf Frauen als wohnungslos registriert – hinzu kommen sieben Kinder. Vor allem der hohe weibliche Anteil ist ein neues Phänomen. In den Vorjahren waren es meist nur zwei oder drei Frauen, die auf der Straße lebten. Hinter diesen offiziellen Zahlen steckt allerdings immer eine hohe Dunkelziffer.

Dunkelziffer bei bis zu 1000 Obdachlosen

„Wir gehen davon aus, dass es in Göttingen 500 bis 1000 sind“, sagt Mike Wacker, Leiter der Straßensozialarbeit des Diakonieverbands (Straso). Die seit 2015 in der Tilsiter Straße 2a angesiedelte Einrichtung unterstützt auch von Wohnungslosigkeit bedrohte Menschen in prekären Wohnverhältnissen und sozialen Brennpunkten. Viele Wohnungslose ließen sich sogenannte Erreichbarkeitsadressen einrichten, erklärt Wacker. Damit fallen sie nominell aus der Statistik, ein warmes Plätzchen für die Nacht haben sie dadurch allerdings noch nicht.

Die Allermeisten kämen in Göttingen außerhalb der offiziellen Hilfseinrichtungen unter, weiß Wacker. Wer eine Bleibe gefunden hat, bietet anderen Obdachlosen eine Übernachtungsmöglichkeit an. Bei diesen Temperaturen helfen sich die Menschen gegenseitig. Bereits Ende vergangenen Jahres hatte sich der Arbeiter Samariter-Bund (ASB) mit der Aktion „Kältehilfe“ an Obdachlose gewandt. Die Hilfsorganisation verteilte Schlafsäcke, Hygienesets und Jacken.

Angebote der Stadt

Die Straso selbst bietet in ihrer Anlaufstelle in der Tilsiter Straße selbst keine Übernachtungsmöglichkeiten. Hier finden Menschen tagsüber Hilfe, Beratung, die Möglichkeit, sich aufzuwärmen oder einfach eine heiße Tasse Kaffee. „Außerdem sind meine Kollegen bei den Temperaturen verstärkt auf der Straße unterwegs, um nach dem Rechten zu schauen“, so Wacker.

Wenn es darum geht, eine Unterkunft für die Nacht zu finden, verweisen die Straßensozialarbeiter der Diakonie auf das Angebot der Stadt Göttingen. Die hält nach Aussage von Stadtsprecher Dominik Kimyon eine Wohnung für Frauen, ein Haus mit Wohnungen für Männer und mehrere dezentrale Unterbringungsmöglichkeiten vor. Wie lange die Menschen hier bleiben würden, sei höchst unterschiedlich, so Kimyon. Das gehe von einzelnen Tagen bis zu Monaten.

Ressourcen reichen aus

Die Aufenthaltsdauer im Wohn- und Übernachtungsheim der Heilsarmee in der Untere-Masch-Straße ist hingegen deutlich kürzer. „In der Regel bleiben unsere Gäste maximal drei Nächte“, erklärt Leiterin Esther Gulde. Bei den derzeitigen Temperaturen sei die Aufenthaltsdauer aber auch schon mal länger. Aktuell seien die Kapazitäten hier allerdings erschöpft. Insgesamt bleibt die Nachfrage in Göttingen aber offenbar unterhalb des Angebots. Entgegen der landesweiten Rufe nach mehr Unterkünften konstatiert Wacker für Göttingen: „Zur Zeit sind die Ressourcen ausreichend.“

Weiterlesen: Kälteeinbruch: Wie man Obdachlosen helfen kann

Von Markus Scharf

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