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Göttingen Ein letztes Fest für ehemalige Bewohner und Helfer – dann ist die Unterkunft Geschichte
Die Region Göttingen Ein letztes Fest für ehemalige Bewohner und Helfer – dann ist die Unterkunft Geschichte
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21:07 14.06.2019
Auch das Schachspielen endet: Die Unterkunft Siekhöhe ist bald Geschichte. Zum Abschied gab es ein letztes Fest mit ehemaligen Bewohnern und Helfern. Quelle: Harald Wenzel
Göttingen / Grone

Seit dem 15. Mai sind die Bewohner der Flüchtlingsunterkunft Siekhöhe nur noch Ehemalige – die Halle wird geräumt, die Helfer des Deutschen Roten Kreuz (DRK) sammeln die letzten Überbleibsel ein und dann ist die Unterkunft Geschichte. Vorher wollten die Helfer aber noch einmal alle zusammenholen: Ehemalige Bewohner und das Team selbst feierten gemeinsam am Freitag ein Fest.

Beim letzten Zusammenkommen von vielen ehemaligen Bewohnern und den Helfern wurde getanzt, gelacht und gemeinsam gegessen. Quelle: lel

Mit Grußworten der Groner Ortsbürgermeisterin Birgit Sterr (SPD), Kultur- und Sozialdezernentin Petra Broistedt und Petra Reußner, Geschäftsführerin beim Kreisverband Göttingen-Northeim des DRK starte das Fest. Broistedt habe betont, dass es trotz all der Aufregungen eine schöne Zeit war und da möchte sich Lars Willmann anschließen. „Das waren die richtigen Worte, wir hatten hier eine wunderbare Zeit – als Team aber auch im Miteinander mit den Bewohnern und allen Partnern“, so Willmann, der sowohl für das DRK als auch den SC Hainberg in der Unterkunft arbeitete.

Lars Willmann Quelle: lel

„Ich hatte hier eine Doppelfunktion, der Verein hat viel ermöglicht, was Sportangebote und viel mehr angeht“, sagt er. Einige Bewohner spielten beispielsweise in der Bunten Liga Fußball.

„Alles war gut hier – bis auf den Lärm“

Um die 1000 Bewohner haben sich die 16 Hauptamtlichen in den vergangenen drei Jahren versorgt, aber vor allem kennen gelernt. Das trägt sich weiter beim Fest. Viele tanzen während andere schon am Essensbuffet stehen und wieder andere draußen ihre Kinder auf der Hüpfburg beobachten.

Mohammed M. Bility sitzt vor der Halle auf einer Steinbank und erzählt, wie es vor drei Jahren war: „Ich kam vor drei Jahren nach Deutschland, war dann eine Weile unterwegs und konnte in Göttingen zum ersten Mal wohnen. Alles war gut hier – bis auf den Lärm, wenn sich viele Menschen aufgeregt haben – ich konnte dann nicht so gut schlafen“, sagt der 32-Jährige, der den langen Weg aus Liberia auf sich genommen hatte. Er hat schnell Deutsch gelernt und arbeitet seit zwei Jahren im Box-Hotel. „Ich bin auch jetzt noch in einem Deutschkurs an der Volkshochschule, um besser zu werden“, sagt er.

Mohammed M. Bility vor der Fest-Hüpfburg Quelle: lel

Mittlerweile wohnt er in einer Privatwohnung in Geismar. „Wir haben viele Wohnungen über private Anbieter gefunden“, so Willmann. „Manche leben in Wohnheimen, aber die meisten sind durch engen Kontakt mit den Vermietern in eigene Wohnungen gekommen.“ Bility sagt, es sei zum Teil gut, jetzt woanders zu leben und andererseits schlecht. „Es war wirklich alles gut hier bis auf ein bisschen Lärm ab und an.“

Florence Mukobwajana und ihre Tochter Katia Ineza Quelle: lel

Florence Mukobwajana war viel kürzer da, im März 2018 ist sie angekommen – und nachdem sie in der Unterkunft gemeldet war, durfte auch ihre siebenjährige Tochter Katia Ineza nachkommen. „In Ruanda habe ich mich für Frauenrechte eingesetzt, ich war Top-Manager eines Frauenverbands“, erzählt sie. Einen Bachelorabschluss in Wirtschaft habe sie auch. Hier muss sie erst Deutsch lernen, das Niveau B1 hat sie schon. „Aber ich arbeite an B2 und danach kann ich eine neue Ausbildung anfangen oder einen Job finden.“

Immerhin hat sie schon eine Genossenschaftswohnung gefunden und ist glücklich. „Göttingen ist eine schöne, alte und große Stadt – es ist sehr einfach, sie kennen zu lernen“, sagt sie. Und zwar nicht allein: „Ich habe hier Freunde gefunden.“

Unterkunft Siekhöhe: Flüchtlinge gehen, Mietkosten bleiben

Die Flüchtlingsunterkunft auf der Groner Siekhöhe im Anna-Vandenhoek-Ring ist ab dem 30. Juni zwar Geschichte. Abgeschlossen ist der Fall für die Stadtverwaltung aber noch nicht. Noch bis zum 31. Januar 2021 läuft der Mietvertrag mit dem Vermieter der Halle, in der zuvor der Großmarkt C+C Schaper untergebracht war.

Bis dahin sind monatliche Mietzahlungen in Höhe von 30000 Euro plus 7300 Euro Nebenkosten fällig. Für die verbleibenden 19 Monate bedeutet das 708700 Euro Miete für die Halle. Bislang waren monatlich weiter rund 9.000 Euro für Strom hinzugekommen. Die quartalsweise fälligen Abschlagszahlungen betragen nach Auskunft der Verwaltung aktuell für Wasser 2.500 Euro und 5.000 Euro für Gas. „Die Abschlagszahlungen werden sich in Kürze nach einer Zwischenablesung erheblich reduzieren“, erläutert Verwaltungssprecherin Cordula Dankert.

„Siekhöhe is’ nich“: Protest im Ratssaal gegen die Unterkunft. Quelle: Hinzmann

Sollten es die Umstände erfordern, wäre eine Reaktivierung der Halle als Flüchtlingsunterkunft „theoretisch möglich“. Und das „innerhalb weniger Tage“, erläutert Dankert.

Göttingens Sozialdezernentin Petra Broistedt hatte in der Diskussion um die nicht unumstrittene Unterkunft die Unterkunft im Anna-Vandenhoek-Ring stets verteidigt und sie auch wegen der Möglichkeit einer medizinischen Erstversorgung als „vorbildlich“ bezeichnet.

So hätte das Deutsche Rote Kreuz, das die Unterkunft seit ihrer Öffnung 2016 betrieben hatte, über Fachpersonal verfügt, das jeden Flüchtling sofort gesundheitlich betreut habe, schildert Dankert. Das DRK habe Gesundheitspapiere gelesen, Ärzte gesucht, Arzttermine mit Dolmetschern in Muttersprache vereinbart und mit den Geflüchteten wahrgenommen, Medikamente gestellt und auf deren regelmäßige Einnahmen geachtet, nach Krankenhausentlassungen die weitergehende Pflege und Versorgung übernommen, Wunden versorgt, Verbände gewechselt, Impftermine vereinbart und deren Durchführung organisiert, ein Isolationszimmer und Krankenzimmer für Personen mit ansteckenden Krankheiten, für frisch operierte Personen geführt und betreut. Zusätzlich sei die Schwangerenversorgung durch Hebammenbesuche in der Unterkunft gesichert worden und Kinderarzttermine vereinbart. „Für traumatisierte Geflüchtete wurde eine Anbindung in der Asklepiosklinik organisiert“, berichtet Dankert.

Stark: Sozialdezernentin Broistedt nennt die Siekhöhe „vorbildlich“. Quelle: Peter Heller

Aus Sicht der Stadtverwaltung ist so eine intensive Betreuung von Geflüchteten nicht mehr nötig. Zum einen würden Sozialarbeiter in den anderen Flüchtlingsunterkünften Arzttermine vereinbaren, wenn Geflüchtete dabei Unterstützung benötigten. Wegen besserer Vorarbeit bei der Landesaufnahmebehörde gelinge es inzwischen, Informationen über den Gesundheitszustand der zugewiesenen Geflüchteten vor deren Ankunft in Göttingen zu erhalten, erläutert Dankert. „Unabhängig davon wird noch an einer Lösung einer niedrigschwelligen medizinischen Versorgung.“

Seit Öffnung der Unterkunft am Anna-Vandenhoek-Ring sind nach Angaben der Stadtverwaltung rund 1000 Menschen in der Einrichtung durch das DRK betreut worden. Darüber, wie viele von ihnen weiterhin in Göttingen leben, gebe es keine verlässlichen Zahlen.

Zimmer in der Unterkunft Siekhöhe: Zuhause für rund 1000 Menschen. Quelle: Harald Wenzel

Ende 2018 hatte die Stadtverwaltung Göttingen das inzwischen vier Jahre alte Konzept zur Integration von geflüchteten Menschen überarbeitet. Das Kernziel des Konzeptes ist die Schaffung von Wohnraum, um eine dezentrale Unterkunft außerhalb von Sammelunterkünften für möglichst alle Flüchtlinge im Göttinger Stadtgebiet bieten zu können. Die eigene Wohnung sei ein wichtiger Schritt im Intergrationsprozess. In der vergangenen Woche hatte die Verwaltung die Unterbringungssituation von Geflüchteten in Göttingen wegen Vermittlungen in den freien Wohnungsmarkt als „deutlich entspannt“ bezeichnet. Derzeit würden in Göttingen 1061 Geflüchtete betreut. In den Notunterkünften stünde „ausreichend“ freier Wohnraum zur Verfügung.

Von Lea Lang und Michael Brakemeier

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