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Göttingen 15-Jährige im Koma nach Kollaps im Sportunterricht – Göttinger Polizei ermittelt
Die Region Göttingen 15-Jährige im Koma nach Kollaps im Sportunterricht – Göttinger Polizei ermittelt
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21:10 22.11.2019
Nach dem Vorfall im Sportunterricht, nachdem eine 15-Jährige im Koma liegt, herrscht an der IGS in Göttingen-Geismar große Betroffenheit. Quelle: Christina Hinzmann
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Geismar

Nach einem Vorfall während des Sportunterrichts an einer Göttinger Gesamtschule ermittelt die Polizei. Die Familie einer 15-Jährigen hatte zuvor Strafanzeige wegen unterlassener Hilfeleistung gegen einen Lehrer der Schule erstattet. Das bestätigt Polizeisprecherin Jasmin Kaatz.

Nach Informationen aus dem Schulumfeld soll das Mädchen vor gut zwei Wochen beim Sportunterricht zusammengebrochen sein. Ein Notarzt soll die 15-Jährige noch vor Ort reanimiert haben. Seitdem soll sie in einem Krankenhaus im Koma liegen.

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Eltern erheben schwere Vorwürfe

Offensichtlich macht die Familie den Sportlehrer verantwortlich für die Situation und hat darum die Polizei eingeschaltet. Die Familie wird von anderen Medien mit der Vermutung zitiert, der Lehrer habe zwar einen Notarzt gerufen, selbst aber möglicherweise keine konkrete Hilfe zur Wiederbelebung des Mädchens geleistet.

Die Polizei macht vorerst keine konkreten Angaben zu dem Vorfall und ihren bisherigen Ermittlungsergebnissen. „Wir müssen erst einmal den genauen Hergang und damit auch den konkreten Tatvorwurf ermitteln“, so Kaatz. Dazu würden zurzeit alle involvierten Personen angehört – von Zeugen des Vorfalls über die Opferfamilie bis zu dem Beschuldigten.

Schulleiterin Tanja Laspe. Quelle: Ulrich Schubert

Die Schule werde die Polizei „vollumfänglich unterstützen, um den Unglücksfall aufzuklären“, versicherte Tanja Laspe, Leiterin der Georg-Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule in Geismar. Auch sie wolle zunächst das Ergebnis der Ermittlungen abwarten, bevor sie sich zu Details zu dem Fall äußert.

„Hat uns alle sehr mitgenommen“

„Der Vorfall im Sportunterricht hat uns alle sehr mitgenommen“, sagte Laspe und ergänzte: „Wir sind in Gedanken bei unserer Schülerin und ihren Angehörigen, die im Moment Furchtbares durchmachen.“ Die Klassenlehrer stünden in Kontakt mit der Familie, „um unser Mitgefühl auszusprechen und um weiterhin zu erfahren, wie es der Schülerin geht“.

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Der Sportlehrer habe ihr gegenüber unterdessen versichert, dem Mädchen sofort Erste Hilfe geleistet und zudem den Rettungsdienst unmittelbar informiert zu haben, sagte Laspe. Ein anderes Vorgehen kann sich auch Kerstin Sennekamp vom Elternvorstand der Gesamtschule „nicht vorstellen“. Sie habe die Lehrer der IGS Geismar immer als sehr verantwortungsbewusste Pädagogen erlebt. Alle seien ihres Wissens in Erster Hilfe ausgebildet und müssten regelmäßig an Nachschulungen teilnehmen.

Wichtig sei es jetzt, den Fall sauber aufzuklären. Eine Vorverurteilung des betroffenen Lehrers sei dabei nicht hilfreich. Zugleich wünscht auch Sennekamp im Namen aller Eltern dem Mädchen und der Familie alles erdenklich Gute.

Schulpsychologen betreuen Mitschüler

Die Landesschulbehörde sei durch die Schulleitung über den Vorfall informiert, bestätigt Sprecherin Bianca Trogisch. Zu Details werde sich die Behörde im laufenden Verfahren jedoch nicht äußern. Nur soviel: Zurzeit gebe es keine Hinweise auf ein Fehlverhalten des Sportlehrers. Er sei auch weiterhin im Dienst.

Die Schule bekomme darüber hinaus die bestmögliche Begleitung, um den Vorfall zu verarbeiten. Dazu gehöre auch die Unterstützung durch Schulpsychologen des Landes, „denn bei den Mitschülerinnen und Mitschülern herrscht große Betroffenheit und Verhaltensunsicherheit“.

Ähnlicher Fall vor 13 Jahren

Der Fall erinnert an einen Vorfall vor 13 Jahren in Moringen. Im Sommer 2006 war ein 16-Jähriger während des Sportunterrichts zusammengebrochen und später im Krankenhaus an Kreislaufversagen gestorben. Er hatte nach damaligen Erkenntnissen während eines 3000-Meter-Laufes bei 31 Grad Celsius im Schatten und hoher Luftfeuchtigkeit vermutlich einen epileptischen Anfall gehabt.

Nach schweren Vorwürfen durch die Eltern ermittelte die Staatsanwaltschaft wegen fahrlässiger Tötung gegen die Sportlehrerin. Der Vorwurf: Sie habe den Schüler bei glühender Mittagshitze laufen und nach seinem Zusammenbruch in der Sonne liegen lassen, obwohl ihr und der Schule bekannt gewesen sei, dass der 14-Jährige an Epilepsie erkrankt war und Überanstrengungen meiden musste. Das Verfahren wurde eingestellt. Ein Fehlverhalten sei der Lehrerin nicht nachzuweisen, sie habe rechtzeitig den Notarzt und den Vater des Jungen verständigt, hieß es im Tageblatt.

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Müssen Lehrer Erste Hilfe beherrschen?

Erste Hilfe muss gewährleistet sein

Die Schulleitungn an Schulen in Niedersachsen müssen sicherstellen, dass bei allen schulischen Veranstaltungen Erste Hilfe gewährleistet ist. Das erklärte am Freitag die Sprecherin der Landesschulbehörde, Bianca Trogisch. Sie beruft sich dabei auf einen Runderlass des Kultusministeriums zum Landesschulgesetz. Titel: „Erste Hilfe, Brandschutz und Evakuierung in Schulen“.

Darin heißt es auch: Grundsätzlich sollen alle Beschäftigten des Landes an einer Schule über aktuelle Erste-Hilfe-Kenntnisse verfügen, mindestens aber 50 Prozent. Die Kenntnisse sind im Abstand von jeweils drei Jahren durch Besuch eines Kurses „Fortbildung für betriebliche Ersthelfer“ aufzufrischen. „In großen Systemen wie Gesamtschulen beauftragt die Schulleitung häufig sogenannte Erste-Hilfe-Beauftragte, die dieses sicherstellen“, so Trogisch.

Von der Landesschulbehörde nicht geklärt werden konnte am Freitag die Frage, ob für Sportlehrer besondere Vorgaben in Bezug auf Erste-Hilfe-Kenntnisse bestehen. Nach einem Urteil des Bundesgerichtshofes vom vergangenen April sind Sportlehrer verpflichtet, in Notfällen die ihnen zumutbaren Maßnahmen zur Ersten Hilfe zu ergreifen. (us)

Von Ulrich Schubert