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Göttingen Unterversorgung im Wochenbett: Drei Hebammen aus der Region berichten
Die Region Göttingen Unterversorgung im Wochenbett: Drei Hebammen aus der Region berichten
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08:00 08.04.2019
Die Hebammen (v. l.) Pia Lantelmé-Kruse, Julia Engelhardt und Anja Baesler berichten von ihren Erfahrungen mit dem Thema Unterversorgung im Wochenbett. Quelle: Niklas Richter
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Göttingen

Immer wieder müssen Julia Engelhardt, Anja Baesler und Pia Lantelmé-Kruse Frauen abweisen. Sie haben einfach keine Kapazitäten mehr. Und damit sind die Hebammen nicht alleine. Der Studie „Mangel an Hebammen in Deutschland“ zufolge, die vom Meinungsforschungsinstitut Skopos erstellt wurde, nehmen etwa ein Fünftel der Frauen in Deutschland keine Nachsorge-Hebamme für eine Wochenbett-Betreuung in Anspruch. Dabei hätte ein Drittel dieser 20 Prozent gerne eine Hebamme für die Zeit nach der Geburt gehabt, worauf auch ein Rechtsanspruch besteht. Als häufigsten Grund gaben die Frauen an, keine freie Hebamme gefunden zu haben. Niedersachsen steht dabei noch vergleichsweise gut da. Hier nahmen den Ergebnissen zufolge nur etwa sieben Prozent der Mütter keine Hebammendienste in Anspruch.

30 bis 40 Hebammen kontaktiert

Davon merken Engelhardt, Lantelmé-Kruse und Baesler allerdings wenig. Alle drei arbeiten als freiberufliche Hebammen. Baesler im Bereich Radolfshausen und Duderstadt, Engelhardt im Landkreis Northeim, vorwiegend in Moringen, und Lantelmé-Kruse in Stadt und Landkreis Göttingen.

„Wir haben gestern drei Frauen abgesagt“, erzählt Baesler. Pro Monat seien es sechs bis sieben. Auch Engelhardt kann Anfragen nur noch ablehnen, etwa drei bis vier pro Woche. Noch zugespitzter ist die Situation im Fall von Lantelmé-Kruse: Täglich meldeten sich drei bis vier Schwangere bei ihr. Was das bedeuten kann, haben ihr Frauen in der Klinik berichtet, die 30 bis 40 Hebammen kontaktiert hätten – ohne Erfolg. „Die müssen dann so klar kommen“, sagt Lantelmé-Kruse.

Zahl der Hebammen in Stadt und Landkreis stagniert

Bis Mitte November sind alle drei ausgebucht. Sucht eine Frau eine Hebamme, sollte sie sich am besten schon bei einem positiven Schwangerschaftstest melden, sagt Baesler. Wartet sie das erste Quartal ab, was viele Frauen täten, hätte sie „quasi keine Chance“. Als Hebamme stünden sie immer vor dem Dilemma: Weißt man die Schwangeren ab, damit die Wöchnerinnen besser versorgt sind, oder umgekehrt?

Doch woran liegt das? 2018 waren nach Angaben des Gesundheitsamtes 113 Hebammen in Stadt und Landkreis Göttingen tätig. Die Zahl hat sich seit neun Jahren bis auf eine Ausnahme 2016 kaum verändert. Schaut man sich die Geburtenzahlen an, so lässt sich am Beispiel der Stadt Göttingen sagen, dass diese in den vergangenen sechs Jahren bis auf auf zwei kleinere Rückgänge gestiegen sind (2013: 2271, 2018: 2859 Geburten), wenn auch nicht dramatisch.

Veränderte Arbeitsbedingungen

Die stagnierende Zahl der Kolleginnen und die positiven Studien-Ergebnisse für Niedersachsen sagen nur wenig über ihre Arbeitsrealität aus, betonen die drei Hebammen. Zum einen ließe sich aus der Anzahl der Hebammen nicht ableiten, wie viele Stunden diese tätig sind, zum anderen vermuten sie eine höhere Dunkelziffer von Frauen, die keine Hebamme gefunden haben. Viele der jüngeren Kolleginnen hätten selbst Familie und arbeiteten deshalb nur in Teilzeit. Zudem achteten sie mehr auf ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Beruf und Privatleben.

Auch die Art, wie gearbeitet werde, habe sich verändert. Die umfangreiche Dokumentationspflicht gemäß dem Qualitätsmanagementsystem (QM) und die Zunahme an Aufgaben gingen zulasten der Zeit, die sie eigentlich für die Betreuung der Frauen benötigten. „Es ist ein Problem, da richtig zu versorgen“, sagt Baesler. Ein Betreuungstermin im Wochenbett sei beispielsweise mit 20 Minuten kalkuliert. Neben körperlichen Untersuchungen von Mutter und Kind bliebe praktisch keine Zeit mehr für Präventions- und psychosoziale Beratung, obwohl die Frauen sie sich wünschten und auch brauchten. „Wir machen das, kriegen es aber einfach nicht bezahlt“, sagt Lantelmé-Kruse.

Beruf muss attraktiver werden

Dass es einen Mangel an Hebammen gibt, bestätigt auch Stefan Rampfel, Pressesprecher des Evangelischen Krankenhauses Weende: „Generell ist es für Schwangere ratsam, sich rechtzeitig um eine Wochenbett-Betreuung zu kümmern, weil die Nachfrage größer als das Angebot an Hebammen ist.“

Damit sich die Situation der Hebammen entzerrt und die Frauen besser betreut werden können, müsse es vor allem mehr Hebammen geben, sagen Engelhardt und Baesler. Auch müsse der Beruf anders strukturiert und vergütet werden, damit er für den Nachwuchs attraktiver wird. Obwohl die schwierige Situation der Hebammen bekannt sei, „drehen wir uns seit Jahren im Kreis“. Das sei frustrierend und führe auch dazu, dass man resigniere, ergänzt Engelhardt. Würde sie ihren Job nicht so gerne machen, „hätte ich längst aufgehört“, resümiert Lantelmé-Kruse.

Um auf ihre Situation aufmerksam zu machen, organisieren die Hebammen am internationalen Hebammentag, 5. Mai, unter dem Motto „Hebammen verteidigen Frauenrechte“ von 14 bis 16.30 Uhr ein Picknick auf dem Piratenspielplatz am Kiessee.

Von Nora Garben

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