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Göttingen Premiere von „Schwesternherz“ in Göttingen
Die Region Göttingen Premiere von „Schwesternherz“ in Göttingen
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17:00 20.03.2019
„Schwesternherz“ hat die türkische Drehbuchautorin Ceylan Ünal ihr Erstlingswerk für die Bühne genannt. Uraufgeführt wird es vom freien Göttinger Theater „Boat People Projekt“.
„Schwesternherz“ hat die türkische Drehbuchautorin Ceylan Ünal ihr Erstlingswerk für die Bühne genannt. Uraufgeführt wird es vom freien Göttinger Theater „Boat People Projekt“. Quelle: Christina Hinzmann
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Göttingen

Wer will schon irgendeine Figur in irgendeiner Soap sein… Noch dazu jemand, der eine Opferrolle übernehmen soll… Zehra ist so eine Frau aus einer beliebigen Fernsehserie, erfunden von einer Autorin, die Folge um Folge für einen Fernsehsender schreibt – manchmal auch nach den Anweisungen des Produzenten oder des Regisseurs. Und Zehra soll nun sterben. Was ihr konkret zum Verhängnis wird, soll Müjgan, die Autorin, erfinden. Gleich mehrere Todesarten dichtet sie ihrer Figur an. Doch die will nicht. Sie will nicht sterben. Partout nicht. Je mehr Müjgan (gespielt von Selin Kavak) ihre Schöpfung ins Jenseits befördern möchte, umso vehementer wird ihr Anspruch auf Leben und Lebendigkeit. Zehra (gespielt von Sinem Süle) ist nicht tot zu kriegen. Vielmehr ersteht sie zu einem eigenständigen körperlichen Dasein. Sie tritt in den Alltag ihrer Schöpferin ein, ganz so wie einst Frankenstein in dem Roman von Mary Shelley – nur sehr viel schöner in der Physiognomie.

„Wer erfindet hier wen?“

Mit dem Stück „Schwesternherz“ präsentiert das freie Göttinger Theater „Boat People Projekt“ eine Geschichte, in der es auch um die Beziehung zwischen Deutschland und der Türkei geht, darum, welche Vorstellungen, vor allem welche Beschreibungen vom jeweils anderen eine Rolle spielen, die in den Köpfen festsitzen und unreflektiert weitergegeben werden. „Wer erfindet hier wen und wohin geht der Weg?“ Diese Fragen finden sich in der Ankündigung des Theaterstücks aus der Feder von Ceylan Ünal, das am Sonnabend, 23. März, 20 Uhr, im „Werkraum“ in der Göttinger Stresemannstraße 24c nicht nur eine Premiere erfährt: Es ist zugleich die Uraufführung, wie Regisseurin Sonja Elena Schroeder versichert.

Aufwendige Übersetzung

Ceylan Ünal stammt aus der Türkei, hat dort Drehbücher vor allem für den Film geschrieben. Sie sei jetzt der Liebe wegen in Deutschland, nicht aus politischen Gründen, hebt Schroeder hervor. „Für Ceylan Ünal ist die Aufführung eines Theaterstücks ein Novum“, sagt die Regisseurin und berichtet von der aufwendigen Übersetzungsarbeit. Zuerst sei der Stoff von der Autorin vom Türkischen ins Englische übertragen worden. „Aus dem Englischen habe ich ihn dann ins Deutsche übersetzt. Dann haben wir das türkische Original noch einmal mit der deutschen Übersetzung abgeglichen, damit so wenig wie möglich an Feinheiten verloren geht.“

Die Gabe des Erzählens

Im Stück durchlebt die von der Berliner Schauspielerin Selin Kavak gespielte Autorin Müjgan einige Konflikte. So kommt sie in einem für sie fremden Land nicht mit der türkischen Community klar. Zu viele traditionelle Vorstellungen schrecken sie ab – gleichzeitig unterzieht sie aber ihre Figur diesem Druck. Doch die lässt sich das einfach nicht gefallen. „Schreib mich anders. Mach mich stark“, fordert sie von ihrer Schöpferin: „Lass mich nicht verloren gehen!“ Schroeder beschreibt die Botschaft, die im Stück aufkommende Aufforderung an die Seifenopern-Autorin, so: „Es geht darum, den Job, in diesem Fall den Job des Schreibens, nicht irgendwie zu machen, sondern Haltung zu zeigen – auch politisch.“ Mit der Gabe des Erzählens sei auch die Verantwortung verbunden, dieses Talent so zu nutzen, dass sich die Welt verbessert – wenn auch nur ein Stück weit. Es gehe auch um die Rolle, um das Bild der Frau in den Gesellschaften, ein Bild, das oft genug von Männern entworfen und hochgehalten werde.

Einige Textpassagen tragen die Schauspielerinnen auf Türkisch vor. „Aber keine Angst“, beruhigt die Regisseurin, „es gibt eine deutsche Übersetzung mit Untertiteln.“ „Schwesternherz“ wird in Göttingen sechsmal gespielt, außerdem in Hannover und Braunschweig. Weitere Infos unter www.boatpeopleprojekt.de

Von Ulrich Meinhard