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Göttingen Vergewaltigung durch LKH-Insassen: Ärztin beklagt Sicherheitsmängel
Die Region Göttingen Vergewaltigung durch LKH-Insassen: Ärztin beklagt Sicherheitsmängel
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20:50 18.08.2013
Von Matthias Heinzel
Quelle: dpa (Symbolbild)
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Göttingen / Moringen

Die Aussage der früheren Ärztin des 50-jährigen Angeklagten in der Verhandlung am Freitag machte deutlich, dass nicht gesichert ist, dass neue Partnerinnen von Freigängern rechtzeitig von deren Vorleben erfahren.

Die Ärztin erklärte außerdem, dass Vollzugslockerungen gegen den ausdrücklichen Willen des Ärzteteams von der Psychotherapeutin und vor allem der damaligen Klinikleitung durchgesetzt worden seien. Durch die Zeugenaussage der ehemaligen LKH-Ärztin wollte das Göttinger Gericht am Freitag klären, ob das LKH die Frau damals darüber informiert hat, dass ihr neuer Partner in Moringen wegen schwerer Sexualstraftaten einsitzt. Das Vergewaltigungsopfer hatte als Zeugin erklärt, dies längere Zeit nicht gewusst zu haben und erst durch den zufälligen Fund eines Schreibens davon erfahren zu haben. Damit stand die Glaubwürdigkeit der Frau als einzige Belastungszeugin für die angeklagte Vergewaltigung auf dem Spiel.

An einem früheren Verhandlungstag hatte die Psychotherapeutin des Angeklagten keine klare Antwort auf die Frage geben wollen, wer bei dem angeblichen Gespräch, bei dem die neue Freundin über das Vorleben ihres Partners informiert worden sein soll, zugegen war. Die Therapeutin, die ein Schreiben über das Informieren der Freundin unterzeichnet hatte, konnte sich nicht mehr daran erinnern, wer ihr dies gesagt habe. Sie selbst sei bei diesem Gespräch nicht dabei gewesen. 

Dem widersprach die am Freitag vernommene Ärztin: Es sei eben diese Therapeutin gewesen, die ihr damals mitgeteilt habe, „die Sache sei geklärt“, die Freundin informiert. Da eigentlich vorgeschrieben gewesen sei, die jeweilige neue Partnerin zur Absicherung im Beisein eines LKH-Mitarbeiters zu informieren, sei sie davon ausgegangen, dass dies auch so geschehen sei: „Ich habe mich auf die Kollegin verlassen“ – offenbar zu Unrecht.

Die Ärztin erklärte außerdem, dass die damalige Klinikleitung entgegen der eindeutigen Empfehlung des Ärzteteams Vollzugslockerungen für den als sehr schwieriger Patient bekannten Angeklagten angeordnet habe.

Durch Laborwerte nachgewiesenen Alkoholmissbrauch – ein Ausschlusskriterium für solche Lockerungen – habe man durch den Hinweis, diese Werte könnten auch auf Medikamente zurückzuführen sein, bagatellisiert, obwohl entsprechende Erkrankungen gar nicht vorgelegen hätten.
Der Freigang hatte zudem andere Folgen als die angeklagte Vergewaltigung: Während einer Zeit des Probewohnens in Münden hatte sich der Angeklagte ohne Wissen der Anstaltsleitung als Kraftfahrer verdingt. Kurz danach fuhr der bekannt trunksüchtige Mann, der keinen Führerschein besaß, bei Melsungen eine Frau tot.