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Göttingen Verkaufte Braut und verbannter Schwiegersohn
Die Region Göttingen Verkaufte Braut und verbannter Schwiegersohn
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20:09 25.11.2011
Von Jürgen Gückel
Eine Frage der Ehre: Blutige Prügelei zwischen Post und Landgericht. Den Tätern wird versuchter Totschlag vorgeworfen. Quelle: EF
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Göttingen

Worum es geht? Um eine verkaufte Braut. Die junge Frau war, so die Feststellungen der Polizei, nach Roma-Tradition von Familie K. an die ebenfalls aus dem Kosovo stammende und in Göttingen lebende Familie R. verkauft worden. Doch dann wurde die Tochter der K.s bei den R.s nicht anständig behandelt. Es kam zum Streit, in dessen Verlauf sich der junge R. gegenüber dem Schwiegervater respektlos benommen haben soll und den dieser auf seine Weise löste: Der Schwiegersohn, seine Frau und ihre inzwischen zwei Kinder wurden verbannt. Ein Wohnverbot im Umkreis von 200 Kilometern um Göttingen wurde vom Sippenchef verhängt – die Familie zog tatsächlich nach Celle.

Nun begannen die Verhandlungen der Familienoberhäupter. Immerhin wurde der Bann abgemildert. Nur die Wohnanlagen Idunazentrum und Rosenwinkel durften die jungen R. unter Androhung des Todes fortan nicht betreten. Dann eskalierte der Streit – mit Äxten, Messer, Totschlägern und Pistole. Am 5. August waren Vater und Söhne R. entgegen dem Bann am Rosenwinkel aufgetaucht. Das empfanden die K.s als Ehrverletzung, die nach Rache schrie. Das körperlich angeschlagene Oberhaupt K. schickte die teils mit Äxten bewaffneten Söhne los. Vier R.s gegen drei K.s plus Ehefrau K. mit Besenstiel – das endete blutig. Ein Großaufgebot der Polizei beendete das Gemetzel.

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Die Polizei ermittelte noch, als es zum vorläufigen Showdown kam: Ausgerechnet vor dem Landgericht und den Augen eines Staatsanwaltes in der Mittagspause überfielen am 1. November drei mit Totschlägern bewaffnete K.-Söhne den jungen R. und schlugen und traten ihn auf brutalste Weise zusammen. Immer wieder, so sagen es verschiedene Zeugen, sei mit den Schlagstöcken gezielt auf den Kopf des am Boden liegenden R. eingeprügelt worden. Tritte gegen den Körper und das Gesicht folgten.
Sein Leben dürfte R. dem mutigen Staatsanwalt zu verdanken haben, der brüllend auf die brutale Schlägerei zulief. Andere Zeugen stimmten in die Rufe ein, etliche riefen per Notruf die Polizei, einer fotografierte mit dem Handy. Die Täter flüchteten unter dem Eindruck der vielen Zeugen. Eine geladene und entsicherte Pistole blieb am Tatort zurück. Der Staatsanwalt hatte geistesgegenwärtig den ersten nahenden Streifenwagen auf der Straße abgefangen, den Beamten strafrechtlich korrekt „versuchter Totschlag“ entgegengebrüllt und auf den davonrasenden Fluchtwagen gezeigt, den die Polizisten wenig später stoppten. Seitdem sitzen die drei K.-Brüder in U-Haft.

Das alles ist vier Wochen her. Jetzt sind die beiden Großfamilien wieder versöhnt. Zwei Dutzend Abgeordnete trafen sich am Sonntag in Duderstadt und schlossen Frieden. Wären da nur nicht das „Grundgesetz und die Strafgesetze“, die – so ein Polizeivermerk –  mit den „traditionellen Vorstellungen von Recht und Ausübung des Rechts“ dieser Familien nicht in Einklang zu bringen seien. Jedenfalls würden von ihnen „Werte und Normen unserer Gesellschaft nicht akzeptiert“.