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Göttingen Verkehrschaos in der Stresemannstraße in Göttingen
Die Region Göttingen Verkehrschaos in der Stresemannstraße in Göttingen
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16:27 29.08.2014
Dicht gedrängt: Lastwagen und Autos schieben sich durch die enge Stresemannstraße. Quelle: Theodoro da Silva
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Göttingen

Wenn die Breite der Straße nicht ausreicht, warten die Autofahrer den entgegenkommenden Verkehr nicht ab, sondern weichen einfach auf den Bürgersteig aus, beschweren sich die Anlieger.

Und tatsächlich: Auch der Tageblatt-Reporter musste beim Vor-Ort-Termin gleich zweimal vor Autos in Deckung gehen. Alltag für Anwohnerin Katja Patolla. „Ständig muss man hier aufpassen, dass man beim Verlassen des Hauses nicht von einem Auto angefahren wird“, erzählt die 45-Jährige.

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Auch der Lkw-Verkehr ins benachbarte Industriegebiet ist den Anwohnern ein Dorn im Auge. „Lastwagen dürfen hier gar nicht durchfahren, das ist eigentlich verboten. Aber weder die Lastwagen noch die Raser werden kontrolliert“, sagt Patolla. „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis hier mal jemand umgefahren wird.“

„Eigentlich sind alle auf unserer Seite und geben uns Recht“

Damit das nicht passiert haben die Anwohner der Stresemannstraße sich jetzt zusammengetan und Unterschriften gesammelt. Sie wollen auf sich und ihre Lage aufmerksam machen und die Stadt endlich zum Einlenken bewegen. Denn bisher schöben sich Stadt und Polizei gegenseitig die Zuständigkeiten zu.

„Eigentlich sind alle auf unserer Seite und geben uns Recht, aber die Stadt handelt einfach nicht“, erklärt Patolla, die seit zwei Jahren in der Stresemannstraße wohnt. Die Lehrerin hat von Nachbarn einen Aktenordner mit Briefen und Zeitungsartikeln zum Sachverhalt geerbt – die ältesten von 1976. So lange dauert der Streit nun schon an. „Die Nachbarn hatten irgendwann keine Kraft mehr sich mit der Stadt auseinanderzusetzen, jetzt mach ich das halt.“

Zu den Unterzeichnern gehört auch Lazaros Avdoulidis. „Ich hab Angst um meine Tochter, wenn hier Autos teilweise mit 60 Stundenkilometern über die Bürgersteige rasen“, berichtet der Vater. „Als ich sie neulich vom Kindergarten abholen wollte, musste ich zur Seite springen, sonst wär mir ein Auto über den Fuß gefahren.“

Die 16-jährige Natalie Schneemann ergänzt: „Gerade morgens, wenn alle ihre Kinder zur Schule fahren, ist hier viel los, und keiner achtet auf die Fußgänger. Eigentlich kann ich den Bürgersteig nur zur Hälfte nutzen.“

„Natürlich haben wir Umsatzeinbußen“

Probleme mit dem Verkehrschaos rund um die Stresemannstraße, das durch eine Teilsperrung der Königsallee aktuell noch verstärkt wird, haben auch die ansässigen Geschäftsleute. „Wenn die Autos in der Kurve vor meinem Geschäft parken, wird es auf der Straße so eng, dass meine Kunden teilweise Probleme haben, von meinem Parkplatz zu kommen“, berichtet Kristina Herwig von Blumen Eggers.

Die vielen Baustellen und der Ärger mit dem Verkehr machen ihrem Geschäft zu schaffen: „Natürlich haben wir Umsatzeinbußen.“ Auch der Netto Supermarkt hat mit der Verkehrssituation zu kämpfen. Dort wird der Parkplatz mittlerweile von zahlreichen Autofahrern als Abkürzung genutzt um den gesperrten Teil der Königsallee zu umfahren.

Die Stadt reagiert auf die Vorwürfe verhalten. Eine höhere Geschwindigkeit sei in der Stresemannstraße aufgrund der schmalen Fahrbahn und parkender Autos überhaupt nicht möglich, erklärt Stadtsprecher Detlef Johannson. Für die Durchsetzung des Lastwagen-Verbots sei die Polizei zuständig.

„Es kann doch nicht sein, dass hier erst jemand totgefahren werden muss“

Bei der Polizei heißt es, die Überwachung finde im Rahmen der Möglichkeiten statt. „Bei Beschwerden von Bürgern schauen wir aber auch verstärkt nach“, so Polizeisprecher Joachim Lüther. Und was weitere verkehrsberuhigende Maßnahmen angeht? „Da ist die Polizei nicht Entscheidungsträger. Wir treten nur als Ratgeber auf, entscheiden muss die Stadt.“ Polizei und Stadt stünden in Kontakt und prüfen regelmäßig, ob Handlungsbedarf bestehe.

Patolla geht das alles zu langsam: „Es kann doch nicht sein, dass hier erst jemand totgefahren werden muss, bevor die Stadt handelt“, sagt sie. Es scheint fast so, als ob der fast 40 Jahre währende Streit zwischen den Anwohnern der Stresemannstraße und der Stadtverwaltung in das nächste Jahrzehnt geht.

Von Benjamin Köster