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Göttingen Unfälle vorgetäuscht: Urteil ist rechtskräftig
Die Region Göttingen Unfälle vorgetäuscht: Urteil ist rechtskräftig
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17:00 08.02.2019
Das Urteil ist nach dem Rückzieher der Angeklagten nun rechtskräftig.
Das Urteil ist nach dem Rückzieher der Angeklagten nun rechtskräftig. Quelle: Christina Hinzmann / GT
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Göttingen

Vor dem Landgericht Göttingen ist jetzt ein weiterer Prozess um eine großangelegte Betrugsserie mit getürkten Verkehrsunfällen zu Ende gegangen. Ein bereits mehrfach vorbestrafter 50-jähriger Kaufmann aus Duderstadt und ein 45-jähriger Mann aus Nordhausen hatten dort Berufung gegen ein Urteil des Amtsgerichts Göttingen eingelegt. Seit Ende 2018 wurde der Fall in zweiter Instanz verhandelt.

Am Freitag gab es dann eine Kehrtwende: Die Angeklagten hätten ihre Berufung zurückgezogen, teilte eine Justizsprecherin mit. Damit ist das erstinstanzliche Urteil rechtskräftig geworden.

Das Amtsgericht hatte den 50-Jährigen im Juni 2017 zu einer Freiheitsstrafe von acht Monaten verurteilt, die zur Bewährung ausgesetzt wurde. Als Bewährungsauflage muss er 1800 Euro an die Stiftung Opferhilfe zahlen. Der 45-Jährige muss eine Geldstrafe von 150 Tagessätzen zu je 20 Euro (insgesamt 3000 Euro) zahlen. Das Gericht war aufgrund einer Vielzahl von Indizien überzeugt, dass der 50-Jährige im April 2012 mit dem Wagen des 45-Jährigen absichtlich in Göttingen einen geparkten Pkw gerammt hatte. Der 45-jährige Mitangeklagte habe gewusst, dass sein Auto für einen fingierten Unfall genutzt werden sollte.

Der vorgetäuschte Unfall in Göttingen war nach Überzeugung der Ermittler nur einer von vielen mutmaßlich absichtlich herbeigeführten Unfällen. Ziel sei es gewesen, Kfz-Versicherungen zu betrügen. Als Drahtzieher der Betrugsserie gilt ein erheblich vorbestrafter 65-jähriger Mann aus dem Raum Duderstadt, der bereits mehrere Jahre wegen Bandendiebstählen und Drogenhandels in Haft gesessen hat. Dieser ist in einem gesonderten Verfahren vor dem Landgericht Göttingen wegen gewerbsmäßigen Betruges angeklagt. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, diverse Kfz-Versicherungen um mehrere hunderttausend Euro betrogen zu haben. Im vorliegenden Fall ging es um einen Schaden von 22000 Euro.

„Kleine Fische“ gegen den 65-Jährigen Duderstädter

Die Angeklagten hatten vor dem Amtsgericht bestritten, den 65-Jährigen näher zu kennen. Der Richter war jedoch überzeugt, dass sie zu dessen „Netz“ gehörten. Sie seien allerdings nur „kleine Fische“, während der 65-Jährige „ganz oben“ angesiedelt sei.

Nach den Erkenntnissen der Ermittler soll dieser vor rund neun Jahren den Plan gefasst haben, vorsätzlich Verkehrsunfälle zu organisieren und unter Einschaltung von Rechtsanwälten die Versicherungen zur Schadensregulierung zu veranlassen. Um nicht selbst in Erscheinung zu treten, habe er andere Personen als „Scheinhalter“ von Kraftfahrzeugen eingesetzt, die dann gegenüber den Versicherungen ihre angeblichen Schadensersatzansprüche geltend gemacht hätten. Die Staatsanwaltschaft hat die betreffenden Unfallfahrer beziehungsweise Fahrzeughalter jeweils gesondert angeklagt. Auch Abschleppunternehmen und Kfz-Werkstätten sollen an dem „Geschäftsmodell“ beteiligt gewesen sein.

Die Polizei war der Betrugsserie nach einer Anzeige wegen des Verdachts der Geldwäsche auf die Spur gekommen. Als die Ermittler ein Bankschließfach des 65-Jährigen durchsuchten, fanden sie unter anderem 17 Fahrzeugbriefe und Zweitschlüssel sowie 200000 Euro Bargeld. Bei der Auswertung der Dokumente fiel auf, dass zahlreiche dieser Autos in Unfälle verwickelt gewesen waren.

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November 2016: Das Gericht verurteilte einen 34-Jährigen aus Göttingen und einen 39-Jährigen aus Leipzig wegen Betruges zu Freiheitsstrafen von acht Monaten auf Bewährung.

Mai 2017: Acht Angeklagte müssen sich wegen Betruges beziehungsweise Beihilfe verantworten. Sie sollen einem vorbestraften 63-Jährigen geholfen zu haben, Kfz-Versicherungen um mehrere hunderttausend Euro zu betrügen.

April 2018: Vor dem Amtsgericht Göttingen hat ein weiterer Prozess um eine groß angelegte Betrugsserie mit provozierten Verkehrsunfällen begonnen. Angeklagt sind ein 35-Jähriger aus Göttingen und ein 30-Jähriger aus Sehnde.

Von Heidi Niemann