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Göttingen „Vollgepumpt mit Adrenalin“: So erlebten die eingesetzten Polizisten die Festnahme von Frank N.
Die Region Göttingen „Vollgepumpt mit Adrenalin“: So erlebten die eingesetzten Polizisten die Festnahme von Frank N.
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21:26 04.10.2019
An der Weender Straße gegenüber vom Carrée ist Frank N. festgenommen worden. Quelle: Swen Pförtner/dpa
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Göttingen

Peter S. und Katrin D. (Namen von der Redaktion geändert) sind häufig gemeinsam auf Streife und ein eingespieltes Team. Das mag dazu beigetragen haben, dass die beiden Polizeibeamten eine Ausnahmesituation gemeistert haben, die sie so schnell nicht wieder loslassen wird: Auf offener Straße haben sie am Freitag, 27. September, in den späten Abendstunden im Alleingang den mutmaßlichen Doppelmörder Frank N. festgenommen. Dem Tageblatt haben die beiden Einsatzkräfte ihre Eindrücke von der Festnahme geschildert – und wie sie damit umgehen. Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius hat via Twitter gratuliert, Polizeipräsident Uwe Lührig eine Belobigung ausgesprochen.

Von Statur, Alter und Dienstjahren her könnten die 29-jährige Polizistin und ihr 54-jähriger Kollege nicht unterschiedlicher sein. Groß und kräftig der eine, klein und zierlich die andere. Was auf sie gegen Ende ihrer Schicht am 27. September zukommen würde, ahnten sie nicht. Einen Tag nach dem grausamen Gewaltverbrechen in Grone ging die Polizei davon aus, dass der flüchtige Frank N. sich noch im Raum Hannover aufhalten würde, hatte dort im Zuge der Fahndung Einsatzkräfte aus drei Bundesländern zusammengezogen. In der Südstadt Hannovers hatte Frank N. einen Anwalt kontaktiert, der ihn im Nachhinein erkannt und die Polizei informiert hatte.

Passant gibt entscheidenden Hinweis

Das war die Ausgangslage, als sich am Freitag um 22.50 Uhr ein Passant via Notruf bei der Göttinger Leitstelle meldete und mitteilte, er habe den Flüchtigen auf der Straße in Göttingen erkannt. Das berichtet Polizeisprecherin Jasmin Kaatz. Der Passant sei dem mutmaßlichen Täter auf den Fersen geblieben, Peter S. und Katrin D. vom Dienstgebäude an der Groner Landstraße mit einem Zivilwagen losgeschickt worden. Zu diesem Zeitpunkt sei noch unklar gewesen, ob es sich um den Gesuchten handelt. „Es gab keinen naheliegenden Grund, dass er nach Göttingen zurückkehrt“, sagt Thomas Rath, Leiter der Polizeiinspektion Göttingen: „Wir mussten auf unser vorhandenes Personal zurückgreifen.“ Zeitgleich seien alle verfügbaren Streifenwagen mit verschiedenen Aufträgen auf den Weg gebracht worden, ergänzt Ralf Nixdorff, Leiter des Einsatz- und Streifendienstes I.

Einsatzkräfte stehen am Tatort im Göttinger Stadtteil Grone . Quelle: Niklas Richter

Peter S. und Katrin D. stellten ihren Wagen im Bereich des Carrées ab und trafen sich mit dem Hinweisgeber. Frank N. sei in diesem Moment nicht in Sichtweite gewesen, berichtet Katrin D.: „Als wir mit dem Zeugen gesprochen haben, waren wir uns sicher, dass es sich um den Gesuchten handelt.“ Der tauchte kurz darauf wieder mit einer Dönertasche in unmittelbarer Nähe auf der dem Carrée gegenüberliegenden Straßenseite auf. Als er sich entfernte, entschieden sich die beiden Zivilbeamten spontan für den Zugriff in Höhe der Bäckerei Lutze.

Beim Zugriff intuitiv gehandelt

Den Zugriff habe man nicht absprechen können, sagt Katrin D.: „Wir haben intuitiv gehandelt.“ Während sie sich als Polizistin zu erkennen gab und Frank N. aufforderte, stehenzubleiben, griff ihr Kollege von hinten zu, nahm den Flüchtigen in den Schwitzkasten und riss ihn zu Boden. Dabei kam ihm seine Körpergröße zugute. „Wir haben mit ihm gerangelt, uns auf die Fixierung von Armen und Händen konzentriert, da er ja noch eine Waffe bei sich gehabt haben könnte“, erzählt Peter S. Der mutmaßliche Mörder habe sich gewehrt und um sich getreten, seine Kollegin dabei Prellungen erlitten. Bei der Aktion hatten beide ein mulmiges Gefühl – und den Gedanken im Hinterkopf, dass Frank N. noch ein Messer zücken könnte.

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Peter S. hat noch wahrgenommen, dass jemand hinzukam – möglicherweise der Mitarbeiter des Döner-Imbisses, der hinterher berichtete, er habe die Beine des Flüchtigen festgehalten und nach hinten gezogen. „Mehrere Zeugen haben anschließend ausgesagt, sie hätten sich ebenfalls eingeschaltet und bei der Fixierung des Täters geholfen“, sagt Kaatz. Die Situation auf der am Freitagabend dichtbevölkerten „Dönermeile“ sei unübersichtlich gewesen. Auch das hat eine Rolle dabei gespielt, dass bei der Festnahme keine Dienstwaffe gezogen wurde. Es habe Irritationen gegeben, weil Umstehende die Situation nicht einordnen konnten und nicht sofort deutlich gewesen sei, dass es sich um einen Polizeieinsatz handelte, sagt Rath. Innerhalb kürzester Zeit seien dann mehrere Streifenwagen eingetroffen, die alle in Bereitschaft standen.

Gleich mehrere Umstehende griffen während des Geschehens zu ihren Smartphones. Das war in diesem Fall von Vorteil für die Polizei, um sich ein Bild machen zu können. Bislang seien zehn E-Mails mit Video- und Bildanhängen eingegangen, die von der Mordkommission „Zollstock“ ausgewertet würden, berichtet Kaatz und zeigt Verständnis für die Untätigkeit der Filmenden: „Man kann von niemand erwarten, dass er sich selbst in Gefahr begibt.“

„Das Ergebnis spricht für sich“

Vor dieser Entscheidung standen Peter S. und Katrin D. nicht. Sie mussten handeln – umgehend und der Situation angemessen. In der Theorie gebe es unterschiedliche Grifftechniken, die in der Polizeiakademie, aber auch im Rahmen von Fortbildungen trainiert würden, sagt Rath: „In der Praxis handelt man aber zumeist aus dem Bauch heraus und effektiv.“ „Ich habe mich immer wieder gefragt, was man hätte anders machen können, bin aber stets bei dem Punkt gelandet, dass wir alles richtig gemacht haben“, sagt Peter S. „Das Ergebnis spricht für sich“, ergänzt Nixdorff.

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Frank N. ist nicht der erste Tatverdächtige, den Peter S. und Katrin D. verhaftet haben. Festnahmen gehören zum Polizeialltag, aber nicht mit einem derartigen Gefahrenpotenzial. „Die Tat war in ihrer Grausamkeit herausragend“, sagt Nixdorf: „Das hat man im Hinterkopf.“ Angst habe sich erst eingestellt, als der Verhaftete zur Dienststelle gebracht wurde, erzählt Katrin D., nicht bei der Festnahme: „Ich war vollgepumpt mit Adrenalin.“ Das wirkte noch länger nach. Das freie Wochenende nach dem Freitag sei schon belastend gewesen. Sie habe viel darüber nachgedacht, was hätte passieren können. Wie auch Peter S. habe sie mit Familie und Kollegen über den Vorfall gesprochen – auch, um es einfach loszuwerden.

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Adressaten waren zunächst die Kollegen, deren Nachtdienst gerade begonnen hatte. Peter S. und Katrin D. mussten viele Fragen beanworten: „Die Festnahme war das beherrschende Thema.“ Ihren Schichtdienst schlossen beide noch ab, traten am Montag wieder zur Arbeit an. Auch, wenn sie nach der Festnahme noch einen weiteren Einsatz gehabt hätten, wären sie hingefahren, versichern beide: „Der Dienst geht weiter.“

Trauerbekundungen am Tatort Quelle: Peter Heller

Frank N. hüllt sich in Schweigen

Bislang keine neuen Erkenntnisse zum mutmaßlichen Doppelmord in Grone hat die Polizei. Die rote Fahrradtasche des mutmaßlichen Täters ist nach wie vor nicht gefunden worden, Frank N. sitzt in der Justizvollzugsanstalt Rosdorf in Untersuchungshaft, lässt sich von einem Anwalt vertreten und hüllt sich in Schweigen.

Wie Frank N. nach seiner Flucht von Hannover nach Göttingen zurückgekehrt ist, scheint immerhin geklärt. Die Polizei geht davon aus, dass er ein Taxi genommen hat. Das Warum sei weiterhin unklar, sagt Polizeisprecherin Jasmin Kaatz. Die 44-Jährige, die am Mittag des 26. September auf grausame Weise an der Straße Zollstock im Göttinger Ortsteil Grone getötet wurde, hinterlässt eine zehnjährige Tocher. Die 57-Jährige, die ihr zur Hilfe eilte, lebensgefährlich verletzt wurde und in der Nacht zum 28. September im Krankenhaus gestorben ist, hat einen erwachsenen Sohn.

Das Gewaltverbrechen mit bundesweitem Medienecho und die Fahndung nach dem mutmaßlichen Täter hat bis zu 200 Polizeibeamte aus drei Bundesländern zwei Tage lang in Atem gehalten. Der 52-jährige Frank N., der dreimal wegen Vergewaltigungen verurteilt wurde und mehrere Jahre in Haft saß, hatte bereits am 20. September auf dem Balkon des späteren Opfers randaliert. Einzige Handhabe der Polizei war ein Platzverweis und eine sogenannte Gefährderansprache.

Suche mit Drohnen und Hunden

Am Tag nach der Bluttat in Grone wurde der mit seinem Fahrrad geflohene Gesuchte im Bereich des Bahnhofs Elze von Zugpersonal erkannt und in einem Waggon eingeschlossen. Mit einem Nothammer zertrümmerte er eine Scheibe und flüchtete durch das zerschlagene Fenster. Die Suche mit Hubschrauber, Drohnen und Spürhunde im Raum Elze verlief ergebnislos, die Bahnstrecke wurde zeitweise gesperrt. Nach weiteren Hinweisen wurde die Suche auf den Großraum Hannover ausgeweitet. Auf seiner Flucht hat Frank N. mehrfach über den Notruf nachgefragt, ob das Opfer noch lebe. Die Polizei bestätigte das zum Schein, um Kontakt zu halten.

Am Freitagabend wurde Frank N. dann an der Weender Straße in Göttingen verhaftet. Der Haftbefehl wegen Mordes und versuchten Mordes wurde auf zweifachen Mord geändert, nachdem das zweite Opfer seinen schweren Verletzungen erlegen war.

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