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Göttingen Von der reichen Erbin zum Opfer allen Unglücks
Die Region Göttingen Von der reichen Erbin zum Opfer allen Unglücks
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18:37 10.08.2011
Hier fing alles Unglück an: Vor dem Lokal, das Vera Riepenhoff einst bezahlte, aber nie besaß.
Hier fing alles Unglück an: Vor dem Lokal, das Vera Riepenhoff einst bezahlte, aber nie besaß. Quelle: Hinzmann
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Göttingen

Das ist zehn Jahre her. Heute ist sie ohne Job, ohne Geld, ohne Wohnung, lebt von etwas über 600 Euro Rente. Sie ist arbeitsunfähig und ohne Chance, vom einstigen Vermögen noch etwas zu sehen. Mitschuldig, so glaubt sie, sind jene, die ihr von Amts wegen helfen sollten.

Das Schicksal der nun 49-jährigen Vera Riepenhoff ist das eines Pechvogels mit großem Herzen und falschen Freunden. Das Unglück begann ausgerechnet mit einer Tageblatt-Meldung: Sie beabsichtige, das Café Alfredo zu übernehmen, hieß es da im Gö-flüster.
Plötzlich suchten alte Freunde die Nähe der reichen Erbin. Sie baten bald um Hilfe bei eigenen Geldsorgen. Der Inhaber eines noch heute erfolgreichen italienischen Restaurants bekam 54 000 Euro gepumpt, ein noch heute untergetauchter Bekannter erhielt 6800 Euro, ein stadtbekanntes Gastronomenpaar verkaufte ihr sein Speiselokal für 16 500 Euro, was sich mit ausstehender Pacht auf 34 000 Euro summierte.

Dann der Schock Nummer eins: Nach einem Urlaub war die Tür des schon bezahlten, aber noch nicht übernommenen Restaurants versperrt. Es war von den bisherigen Betreibern ein zweites Mal verkauft worden, erfuhr Riepenhoff. Neuer Käufer war ausgerechnet jener Gastronom, dem sie 54 000 Euro geliehen hatte.

Katastrophe zwei folgte, ehe sie Schock eins zur Anzeige bringen konnte: Sie fiel beim Sport tot um – Herzstillstand. Sie konnte nur knapp und mit physischen Folgen reanimiert werden. Zuvor war sie wegen Erschöpfung bei einer Ärztin gewesen. Statt den Symptomen auf den Grund zu gehen, riet die Ärztin zum Sport. In der ersten Sporttherapiestunde am 19. Januar 2001 fiel sie um.

Es folgten eineinhalb Jahre Klinik, zwei Herzschrittmacheroperationen, Monate im Rollstuhl und mit Gehhilfen, bleibende Schäden der Konzentrationsleistung. Sie benötigte Hilfe. Sie willigte ein, unter Betreuung gestellt zu werden. Das Amtsgericht setzte 2003 eine Betreuung für ihre Vermögensgeschäfte ein. Damals waren von einst mehr als 200 000 Euro nur noch 77 000 übrig. Es ging darum, dieses Restvermögen zu bewahren. Doch, so sagt sie heute bitter: „Ich dachte, es sei eine kostenlose Hilfe. In Wahrheit hatte ich einen Blutegel im Genick.“

Nacheinander drei Betreuerinnen beschäftigten sich mit dem schwierigen Mandat. Das hat allein 24 000 Euro Betreuungsentschädigung gekostet, Geld, das Riepenhoff ab Mai 2007 schon gar nicht mehr zahlen konnte. Alles Vermögen war weg, von da an zahlte der Steuerzahler. Denn von ihrem einst verliehenen Geld hat sie nicht viel wiederbekommen: ein Schuldner ist verschwunden, einer unterschrieb zwar ein Schuldanerkenntnis über 54 000 Euro, bestritt später aber mit dem Hinweis, Riepenhoff sei ja damals nicht geschäftsfähig gewesen. Am Ende, so die 49-Jährige, sei sie von der Betreuerin gedrängt worden, einen Vergleich über 16 700 Euro zu akzeptieren. 14 423 Euro davon sind gezahlt. Von den 34 000 Euro, die ihr das Gastronomenpaar schuldet, wird sie nie etwas sehen. Deren Betriebe sind alle pleite.

Und es kam noch schlimmer: Wegen des Fehlers ihrer Ärztin hatte sie einen Arzthaftungsprozess angestrengt. 320 000 Euro glaubte ihr Anwalt bei der Medizinerin einklagen zu können. Das brachte ihm mehr als 30 000 Euro Honorar ein – nach Niederlagen in allen Instanzen. Es war nicht zu beweisen, dass die Ärztin ihre lebensbedrohliche Lage hätte erkennen müssen. Den risikoreichen Prozess zu führen, hatten ihre Betreuerinnen nicht verhindert. Durch Anwaltsgebühren plus Betreuungskosten war Vermögensverfall zwangsläufig.
Inzwischen hat das Amtsgericht die Frau aus der Betreuung entlassen. Seither hat sie viele Tage im Gericht zugebracht und ihre Betreuungsakte studiert. Viele Ungereimtheiten will sie darin entdeckt haben; viele ihrer Fragen hat das Gericht beantwortet, aber nicht alle. Mehrere Anwälte hat sie eingeschaltet. Zuletzt hat sich Rechtsanwältin Regine Filler durch den Aktenberg gearbeitet und eine Lücke von 30 000 Euro entdeckt, deren Verbleib in den Abrechnungen der Betreuerinnen nicht belegt sei. Kontoauszahlungen ohne Unterschrift, eine bezahlte Autoversicherung, obwohl die Betreute gar kein Auto hat, und keinerlei Kontoeingänge, obwohl Riepenhoff doch Rente bezog, habe sie gefunden.

Doch ein grundsätzliches Problem hält Filler für wichtiger: Wenn es doch Ziel war, der Betreuten Vermögensverlust zu ersparen, dann hätte etwas zum Schutz dieses Vermögens unternommen werden müssen – zum Beispiel Kauf einer Wohnung. So aber war das Geld der Betreuten schutzlos den Betreuungskosten und dem Kostenrisiko eines riskanten Prozesses ohne Prozesskostenhilfe ausgesetzt. Totaler Vermögensverlust war zwangsläufige Folge – genau das, was die Betreuung ja hätte verhindern sollen. Eine Betreuung, die von vornherein ungeeignet ist, dürfe nicht angeordnet werden. Filler will jetzt eine Amtshaftungsklage gegen das Amtsgericht prüfen. Optimistisch, sie zu gewinnen, ist sie nicht. Aber zu verlieren hat Vera Riepenhoff ja auch nichts mehr.

Von Jürgen Gückel