Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Göttingen Warum Erik lieber Erika sein will
Die Region Göttingen Warum Erik lieber Erika sein will
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
07:00 09.03.2019
Erika N. wünscht sich Normalität statt Exotenstatus für Transgender-Menschen. Quelle: Christina Hinzmann
Göttingen

Wer sich nicht eindeutig einem Geschlecht zugehörig fühlt, bekommt als klinische Diagnose den Stempel „Geschlechtsidentitätsstörung“. Dem Selbstverständnis vieler sogenannter non-binärer Menschen, deren Befindlichkeiten zwischen den Geschlechtern oszillieren, wird das nicht gerecht. Das Thema ist komplex, die gesellschaftliche Debatte darüber wird mit großem Eifer geführt. Betroffene wie die Göttingerin Erika N. wünschen sich vor allem, dass der Exotenstatus gesellschaftlicher Normalität weicht.

Geschlechtsanpassung angestrebt

Die als Erik geborene 44-Jährige kennen viele Göttinger – spätestens, seit sie ihren Studi-Job zum Brotberuf gemacht hat: N., die noch ein biologischer Mann ist, ist seit 2007 Minicar-Fahrerin in der Unistadt. Seit vielen Jahren durchläuft sie einen Findungsprozess, den sie mit einer Hormonbehandlung und Geschlechtsanpassung fortsetzen will. Die Körperbehaarung hat sie bereits durch Lasern und Waxing entfernen lassen, Ernährung und Lebensweise umgestellt, meidet Testoreron, kleidet und schminkt sich weiblich. Am Ende der nächsten Etappe sollen chirurgische Eingriffe stehen, die nicht ohne Risiko sind. Eine Tortur, der sich niemand ohne Leidensdruck unterziehen würde.

Als Drag-Queen unterwegs gewesen

Ihre Kindheit habe sie geschlechtsunspezifisch erlebt, die Grundschule in Berlin und Göttingen besucht, erzählt N., die sich als bisexuell bezeichnet. „Es hat damals schon gehakt“, erinnert sie sich an den Umgang unter den Jungen. Bis zum Realschulabschluss in Göttingen habe sie eine „normale Biografie“ gehabt. „Schon damals merkte ich, an anderen Jungen sexuell interessiert zu sein, zwischen 20 und 30 führte ich klassische Beziehungen mit Frauen.“ N. holte das Abi nach, leistete Zivildienst in der Kinderklinik, studierte Pädagogik, Sozialpolitik und Sportwissenschaften. In der Kinderklinik arbeitete sie mit einer halben Stelle weiter, sei dort „als einziger Mann auf der Station Hahn im Korb“ gewesen. „Allein unter Frauen“ sei sie auch gewesen, als sie im Zuge des Pädagogik-Studiums Seminare zum Gender-Thema besuchte. N. setzte sich kritisch mit dem klassischen Rollenverständnis und männlich-dominantem Verhalten auseinander, war und ist in der linken Szene unterwegs, tingelte an den Wochenenden als Drag-Queen bundesweit durch Clubs und Kneipen. Damals trug sie noch Perücken, heute ihr Haupthaar lang.

Schräge Blicke und dumme Sprüche

Bedrohliche Übergriffe hat Erika N. noch nicht erlebt, versteckte Diskriminierung und Beleidigungen schon. Das reicht von schrägen Blicken auf offener Straße oder in öffentlichen Verkehrsmitteln bis zum Sich-Lustig-Machen und dummen Sprüchen bei größeren Veranstaltungen. Nach ihrem Outing hat die Taxifahrerin von der Nacht- zur Tagschicht gewechselt. Nachts sei das Risiko größer, mit alkoholisierten und aggressiven Fahrgästen konfrontiert zu werden. Im Fasching fühlt sie sich unwohl, weil sie als verkleidet wahrgenommen werden kann. Sexistische Situationen, denen Frauen leider immer wieder ausgesetzt seien, erlebt N. durchaus auch ambivalent, fühlt sich zum Beispiel in ihrer weiblichen Rolle bestätigt, wenn sie angeflirtet wird. Noch keine Probleme hat sie mit ihrem vom aktuellen Aussehen abweichenden Passfoto gehabt ( „Ich bin ja auch ganz artig“). Ihr Selbstbewusstsein helfe ihr, kleine Hürden zu nehmen. Nicht ganz glücklich ist die Göttingerin mit formalistisch-sperrigen Sprachregelungen gegen Diskriminierung, begrüßt aber das Gender-Sternchen und weist den verbreiteten Vorwurf von „Gender-Wahn“ als nicht nachvollziehbar zurück. Der Sprachgebrauch müsse auch soziale und gesellschaftliche Veränderungen widerspiegeln. ku

„Ab heute bin ich Erika

Erst jenseits der 30 sei ihr klar geworden, dass sie den Anspruch an klassische Männlichkeit nicht erfüllen konnte und wollte, sie sich im männlichen Körper nicht mehr wohlfühlte, erzählt N. Sie befasste sich intensiv mit dem Thema Geschlechtsanpassung: „Aus der Probierphase wurde schnell ein unumkehrbarer Bewusstseinsprozess. Da ging eine Tür auf.“ „Ab heute bin ich Erika“, beschloss sie. Seitdem fühle sie sich wohler, nehme ihren Körper positiver wahr, sei aber noch lange nicht da, wo sie hinwolle. Mit einem entsprechenden psychologischen Gutachten könne ein Endokrinologe eine Hormonbehandlung mit Testosteronblockern und Östrogenpräparaten verschreiben. Und die Medizin sei inzwischen so weit, dass auch mit einer sogenannten Neovagina die sexuelle Lust nicht beeinträchtigt sein. müsse. N. räumt ein, dass es auch Transgender-Menschen gebe, die die Geschlechtsanpassung bereuen würden. Das Thema sei komplex und individuell zu betrachten, hänge von Einzelschicksalen ab, die Entscheidung müsse reiflich überlegt sein.

Gut vernetzte Szene

Die Liberalisierung der Gesellschaft in jüngerer Vergangenheit habe vieles einfacher gemacht, mit dem queeren Zentrum in Göttingen gebe es eine gut vernetzte Szene, die Akzeptanz in der Bevölkerung sei gestiegen. Keine Probleme mit ihrem Outing hätten auch ihre Mutter und ihre jüngere Schwester gehabt, ihr Vater sei noch in ihrer Grundschulzeit gestorben, erzählt sie. Die spielerische Androgynität der Hippie-Zeit (“Are you a boy or are you a girl?“, sangen The Barbarians schon 1965) ist einem mit großem Ernst und vielen Facetten geführten Transgender-Diskurs gewichen. Andererseits erleben aber auch klassische Rollenbilder eine Renaissance. N.: „Wir waren schon einmal weiter.“

Von Kuno Mahnkopf

Kommentare 0 Nutzungsbedingungen
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Nach einem Zimmerbrand in einem Mehrfamilienhaus am Rosenwinkel in Göttingen ist die Wohnung vorübergehend nicht bewohnbar. Menschen wurden bei dem Feuer nicht verletzt, so die Feuerwehr.

09.03.2019
Göttingen Wochenendkolumne - Den Klotz vergessen?

Warum leuchtet Lichtenberg, aber der Klotz bleibt kahl? Umgekehrt wäre es attraktiver gewesen.

08.03.2019

Ulrich Schröder lebt in Barcelona. Er ist einer der weltweit arbeitenden Disney-Zeichner. Christoph Langer von der Galerie Nottbohm hat ihn und seine Figuren nach Göttingen geholt.

11.03.2019