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Göttingen Wein aus Göttingen: Weinlese auf der Finkenbreite
Die Region Göttingen Wein aus Göttingen: Weinlese auf der Finkenbreite
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20:09 07.09.2019
Winzer Michael Winkler (Foto) beginnt in Lenglern mit der Weinlese. Quelle: Niklas Richter
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Lenglern

Winzer Winkler meint es ernst. Ein Hobby sei sein Weinanbau jedenfalls nicht. Dazu sei seine Fläche viel zu groß, die sanft zwischen Lenglern und Esebeck ansteigt und in diesen Tagen noch viel Spätsommersonne getankt hat. Immerhin knapp drei Hektar umfasst Winklers Weinberg auf der Finkenbreite, auf dem er 2017 angefangen hat. Inzwischen stehen dort rund 6000 Reben. Winkler schätzt die Investitionskosten pro Hektar Anbaufläche auf rund 30.000 Euro. Hinzukämen die laufenden Kosten – etwa für die beschäftigten Helfer.

Der Göttinger Winzer Michael Winkler, seine Familie und Helfer ernten Trauben auf Winklers Weinberg bei Lenglern.

Familieneinsatz

Am Freitag hat auf dem Hang in Südost-Ausrichtung die zweite Weinlese überhaupt begonnen. Und alle fassen mit an. Auch Winklers Frau Dunja und die drei Söhne Marc, Jan und Tom helfen mit. Erntehelfer sind außerdem im Einsatz und schneiden mit Scheren die Trauben der Sorte Solaris auf einer Fläche von einem halben Hektar von den Reben. In zwei Wochen, so Dunja Winkler, stehe dann die Ernte des Rieslings an.

Winkler erwartet zunächst eine Ernte von 500 Kilo. „Die ergeben rund 250 Liter Wein“, schätzt er. Die Solaris-Trauben sind klein zwar, dafür umso süßer. Einige bleiben noch hängen. Mit ihnen will sich Winkler an Eis- und Dessertwein probieren.

„Learning by doing“

Denn noch ist das Projekt Wein aus Göttingen im Versuchsstadium. „Learning by doing“, sagt Dunja Winkler. Das gilt sowohl für die Pflege und Aufzucht der Pflanzen als auch für die Ernte, das Keltern der Trauben, den Gärprozess, bei dem aus dem Zucker der Trauben mithilfe von Hefe Alkohol wird, und die Weiterverarbeitung.

Inzwischen arbeitet Winkler mit einem ausgebildeten Küfner zusammen. Er will bei seiner Weinproduktion sowohl auf das Pflanzengift Glyphosat verzichten als auch weitgehend auf Schwefel, der als Kon­ser­vie­rungs­mit­tel eigentlich ver­hin­dert soll, dass der Wein oxi­diert.

Bis zu 25.000 Liter Wein könnten auf seinem Weinberg einmal möglich sein, schätzt Winkler. Außer Riesling und Solaris, den ersten Sorten, wachsen inzwischen weitere Rebsorten – auch rote – auf dem Weinberg.

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Erzeugerverband in Gründung

Im kommenden Jahr soll die Vermarktung des Göttinger Weines starten. Ziel sei es, so Winkler, ausschließlich in Göttingen zu produzieren, einzig eigenen Wein abzufüllen und möglichst viel davon in der Region abzusetzen. Die Partnersuche dafür habe begonnen. Darüber hinaus plant Winkler mit anderen Winzern aus Niedersachsen, in Kürze einen Erzeugerverband zu gründen.

Bei aller Begeisterung für den noch jungen Weinanbau in Südniedersachsen: Winklers Bestrebungen könnten teils im Keim ersticken. Gleich zwei Starkstromleitungen könnten künftig über Winklers Weinberg führen. „Der 1000 Meter breite Trassenkorridor für den Südlink verläuft direkt hier durch“, erläutert Winkler. Würde die Trasse tatsächlich über den Weinberg verlegt, wäre das „tödlich“. Das Anpflanzen der tiefwurzelnden Reben über dem Erdkabel sei dann nicht mehr möglich. Auch die Leitung Wahle-Mecklar berührt sein Grundstück.

„Ein richtiger Wein“ von der Finkenbreite

Und wie schmeckt nun der Wein von der Finkenbreite? „Nach Aprikose und Pfirsich“, sagt Dunja Winkler. Der Most hätte einen Ochslegrad von mehr als 100 gehabt. Dieser bestimmt den Alkoholgehalt des Weines. Der Wein aus der Ernte vom vergangenen Jahr sei trocken und keinesfalls ein leichter Sommerwein. „Sondern ein richtiger Wein“, sagt sie. Ob er mit der Konkurrenz mithalten kann. „Na klar“, sind sich die Winklers sicher.

Weinanbau in Niedersachsen

Niedersachsen darf seit dem 1. Januar 2016 Weinregion sein. Für den kommerziellen Weinanbau hatte die Europäische Union vor drei Jahren grünes Licht gegeben. Im vergangenen Jahr ist die Weinanbaufläche in Niedersachsen im vergangenen Jahr wieder ein Stück gewachsen: Nach Angaben des Landvolks Niedersachsen kamen im Jahr 2018 acht neue Flächen hinzu, die von der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung genehmigt wurden. Mittlerweile stehen in Niedersachsen auf mehr als 17 Hektar Weinreben. 19 Winzer bewirtschafteten derzeit 28 Flächen, sagte eine Sprecherin des Landvolks. Für die niedersächsischen Landwirte ist der Weinanbau noch Neuland: Die Winzer müssen nicht nur den Umgang mit den Rebstöcken lernen, sondern sich im Unterschied zu den klimatisch begünstigten Weinanbaugebieten etwa am Rhein auch stärker mit den Folgen von Spätfrösten beschäftigen. Die Anbauflächen für die Weinstöcke befinden sich außer in Göttingen und Bovenden unter anderem in den Landkreisen Lüneburg, Oldenburg, Schaumburg, Ammerland, Osnabrück, Uelzen, Grafschaft Bentheim, Friesland, Lüchow-Dannenberg und in der Region Hannover. mib/dpa

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Von Michael Brakemeier