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Göttingen Kritik an Gedenkkonzert: Jüdischer Kantor fühlt sich ausgebootet
Die Region Göttingen Kritik an Gedenkkonzert: Jüdischer Kantor fühlt sich ausgebootet
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17:09 30.01.2019
Daniel Kempin Quelle: Peter Heller
Göttingen

Enttäuscht hat sich Daniel Kempin nach der Ausrichtung eines Konzertes anlässlich des Holocaust-Gedenktages geäußert. Die Kritik des jüdischen Kantors richtet sich nicht auf das Konzert, sondern auf die Begleitumstände. Darauf weist Kempin im Gespräch mit dem Tageblatt ausdrücklich hin. Er fühle sich ausgebootet.

Der Frankfurter war, wie er sagt, vor gut einem Jahr von der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit (GCJZ) gebeten worden, an der Organisation und Ausrichtung des Gedenkkonzertes in Göttingen mitzuwirken. Kempin sagte zu, suchte zehn von insgesamt 13 ursprünglich geplanten Chorstücken aus, schickte dem Chor die Notenblätter, schrieb Texte zu den einzelnen Werken, damit sie dem Publikum erläutert werden können, kam zu einer Chorprobe aus Frankfurt/Main angereist, übte mit den Sängerinnen und Sängern die hebräische Aussprache – kurzum, er brachte sich in die Vorbereitungen engagiert ein.

Kein Denkgebet

Kempin sollte zudem mehrere Soli singen, darunter das offizielle jüdische Denkgebet, mit dem an die Ermordung von sechs Millionen Juden durch die Nationalsozialisten erinnert wird. „Das hätte dem Konzert den Charakter verliehen, der ihm zugestanden wäre“, findet der Kantor. Doch er sei Anfang Januar völlig aus dem Gedenkkonzert gestrichen worden, ganz so, als würde es ihn gar nicht geben. Bereits gedruckte Plakate mit seinem Namen seien eingestampft worden.

Kein Dank, keine Würdigung

Auch während der Veranstaltung am Sonntag fiel sein Name an keiner Stelle: kein Hinweis, kein Dank, keine Würdigung. „Ich bin nicht nur ausradiert worden. Dem Chor wurde gesagt, dass eine Zusammenarbeit nicht möglich ist, was ausschließlich an mir liege. Das empfinde ich als Rufschädigung“, sagt Kempin. Er ergänzt: „Ich habe da sehr viel Arbeit reingesteckt, die ist in keiner Weise honoriert worden.“ Anfänglich als Co-Chorleiter angesprochen, sei er nach und nach immer mehr zum Bittsteller degradiert worden, dessen Vorstellungen kein Gehör fanden.

Chorkonzert in St. Paulus. Quelle: Niklas Richte

Schließlich sei am 4. Januar die Kündigung durch die GCJZ erfolgt. „Die hat mich kalt erwischt“, erklärt Kempin. Befragt nach den Ursachen der Dissonanz, verweist der Kantor auf sein Ansinnen, die jüdische Sichtweise beim Ausrichten einer solchen Veranstaltung deutlich zu machen. Das sei ihm wohl nicht gelungen.

Die jüdische Perspektive

Jaqueline Jürgenliemk und Achim Doerfer vom Vorstand der jüdischen Gemeinde Göttingen verstehen, dass sich Kempin verletzt fühlt und stellen sich auf seine Seite. „Wir hatten nichts mit den Vorbereitungen und der Ausrichtung des Gedenkkonzertes zu tun“, betont Jürgenliemk. Jedoch sei das Verhalten gegenüber dem Kantor (das jüdische Wort lautet Chasan) nicht hinnehmbar. Doerfer räumt ein, dass die jüdische Perspektive zuweilen fremd erscheinen mag, aber: „Im Vorstand der GCJZ saß ein inzwischen zurückgetretenes jüdisches Mitglied. Das hätte man doch befragen können.“ Aber das sei nicht geschehen.

Kein Feingefühl

Auf Augenhöhe sei der gesamte Prozess nicht abgelaufen, kritisiert Jürgenliemk. Die jüdische Seite habe versucht, schlichtend einzugreifen, sei aber überhaupt nicht gehört worden. Ein interreligiöser Dialog benötige Feingefühl, beide Seiten müssten gleichberechtigt angeschaut werden, genau das habe sie seitens der GCJZ vermisst. Zugleich hebt sie unmissverständlich hervor: „Wir müssen jetzt zurück zum Gespräch miteinander. Wir sind dazu bereit.“

Terminvorschläge sind gemacht

„Selbstverständlich sind wir als Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit sehr einverstanden, wenn es möglichst bald zu einem gemeinsamen Gespräch der Vorstände kommt“, beteuert der Vorsitzende der GCJZ, Heiner J. Willen. Terminvorschläge seien bereits gemacht worden.

Zu den von jüdischer Seite erfolgten Ausführungen wolle er aber keine Stellung beziehen, zumindest nicht öffentlich. „Ich bitte um Verständnis. Das werden wir gerne in einem gemeinsamen Gespräch tun“, erklärt Willen. Bei Konflikten gebe es üblicherweise unterschiedliche Sichtweisen: „Das ist aus unserer Sicht auch hier der Fall. Das möchten wir aber gerne im Dialog miteinander klären.“

Dankbarer Applaus

Das Konzert ist in der katholischen Paulus-Kirche erklungen, obwohl die GCJZ Göttingen die Veranstaltung einen Tag zuvor abgesagt hatte. Der Chor ignorierte die Absage und trat dennoch auf. Dafür gab es dankbaren Applaus von den zahlreich erschienenen Zuhörern in der vollbesetzten Kirche.Das Ensemble hatte sich ausschließlich für diesen Auftritt als Projektchor zusammen gefunden. Die musikalische Leitung lag in den Händen von Carolin Hlusiak.

Von Ulrich Meinhard

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