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Göttingen Welche Rolle spielte Sartorius zur NS-Zeit?
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18:41 22.11.2019
Produktion bei Sartorius in der 1930er-Jahren. Quelle: r
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Göttingen

Auf der Homepage der Firma Sartorius wird die Geschichte des Unternehmens dargestellt. Für die Zeit von 1933 bis 1945 gibt es dort einen Hinweis auf die Studie mit dem Resümee „Demnach bildete das Geschehen bei Sartorius weitgehend die ökonomische Normalität im Nationalsozialismus ab: Sartorius profitierte von der Rüstungswirtschaft und dem Einsatz von Zwangsarbeitern und stützte durch sein systemkonformes Agieren das NS-Regime.“

Eine derart selbstkritische Äußerung ist im Zusammenhang mit der Aufarbeitung des Verhältnisses von Unternehmen und nationalsozialistischer Diktatur nicht die Regel. Im Frühjahr 2020 etwa erregte die 26-jährige Verena Bahlsen in Hannover Aufsehen mit ihrer Aussage, während des Zweiten Weltkrieges seien Zwangsarbeiter in Deutschlands bekanntester Keksfirma „genau so bezahlt wie die Deutschen“ und „gut behandelt“ worden.

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Prof. Manfred Grieger Quelle: R

Das bezeichnete der Frankfurter Wirtschaftshistoriker Johannes Bähr schlicht als „dummes Geschwätz“. Inzwischen hat die Bahlsen-Erbin, der etwa ein Viertel der Firma gehört, ihren Fehler eingestanden. Auch die Bahlsen-Geschichte wird nun gründlich untersucht. Grieger wurde damit beauftragt.

Mehrere Publikationen über die NS-Zeit

Der Historiker Manfred Grieger war bis 2016 Chefhistoriker der Volkswagen AG. 2007 erhielt er einen Lehrauftrag an der Universität Göttingen und ist dort 2018 zum Professor ernannt worden. Er ist mit mehreren Publikationen über die NS-Zeit hervorgetreten. Für seine Sartorius-Studie hat er eine Fülle von Akten und akribisch ausgewertet, auch wenn das Firmenarchiv im Zeitraum der Nazi-Diktatur viele Lücken aufweist.

Die Geschichte der Firma Sartorius ist exemplarisch für die damalige Zeit. In den Jahren vor 1933 erreicht die Weltwirtschaftskrise auch Sartorius, Aufträge bleiben aus, Gewinne schrumpfen. Einen deutlichen Aufschwung aber erlebt die Firma kurz vor 1939: Die Nazis beginnen mit der Rüstungsproduktion, Sartorius liefert Zubehör für Bombenflugzeuge, den Reihenabwurfapparat RAB 14 und den Zünderschaltkasten ZSK 244 A.

Der Bedarf steigt im Krieg erheblich. „Im Geschäftsjahr 1942/43 summierten sich die Fabrikationserlöse mit dem Reichsluftfahrtministerium auf immerhin 3,66 gegenüber 2,78 Mio. Reichsmark im Vorjahr, während der sonstige Umsatz mit Waagen usw. von 938 000 auf 1,13 Mio. Reichsmark anstieg“, hat Grieger herausgefunden. Diese Zahlen belegen den Anteil der Erlöse aus der Rüstungsproduktion eindrucksvoll.

Unterschiedliche Einstellungen zum Nationalsozialismus

Die politische Einstellung der Mitglieder der Familie Sartorius zum Nationalsozialismus war unterschiedlich. Schon im Mai 1933 trat Erich Sartorius, der technische Leiter der Firma, in die NSDAP ein und wurde bald Blockleiter. Sein Bruder Wilhelm Sartorius, der kaufmännische Leiter, verhielt sich dagegen distanziert und wurde von der Kreisleitung der Göttinger NSDAP als „Gegner der Bewegung“ eingestuft. Nach dem Tod von Wilhelm Sartorius 1937 übernahm Erich zusammen mit seinem Adoptivsohn Horst Sartorius die Firma.

Bei Fritz, dem Sohn Wilhelms, war 1933 eine Schizophrenie diagnostiziert worden, aufgrund derer er 1934 zwangssterilisiert wurde. Doch führte das nicht zu einer Gegnerschaft: 1938 nutzte Fritz Sartorius die Chance, die Großhandelsbetriebe des vormaligen Sartorius-Vertreters in Prag, des Juden Richard Lederer, im Zuge der „Arisierung“ zu übernehmen. Lederer wurde in Auschwitz umgebracht.

Opfer des Nationalsozialismus?

Ausführlich beschreibt Grieger im Schlussteil seiner sehr präzisen, gleichwohl stets fesselnden und vielerorts bewegenden Studie die Versuche von Horst und Fritz Sartorius, sich bei der Entnazifizierung nach 1945 als Opfer des Nationalsozialismus darzustellen. Sie gaben an, sie seien Regimegegner gewesen, hätten Juden unterstützt, Zwangsarbeiter fair behandelt und Kriegsprofite vermieden.

Schließlich wurde Horst Sartorius als „entlastet“ eingestuft und ließ, so der lapidare Schlusssatz des Buches, „am 23. Mai 1949 … gegen Zahlung der Verfahrenskosten von 20 D-Mark die NS-Vergangenheit hinter sich“. Dann übernahm er die Geschäftsleitung und führte 40 Jahre lang die Firma in dieser Funktion.

Manfred Grieger: Sartorius im Nationalsozialismus. Generationswechsel im Familienunternehmen zwischen Weltwirtschaftskrise und Entnazifizierung. 205 Seiten, Wallstein Verlag Göttingen 2019, 18 Euro.

Sartorius ist kein Einzelfall

In der NS-Zeit haben so gut wie alle Unternehmen an der Kriegswirtschaft gut verdient. Zu den kriegswichtigen Göttinger Industriebetrieben gehörten neben Sartorius – so Cordula Tollmien in ihrem Projekt NS-Zwangsarbeiter (www.zwangsarbeit-in-goettingen.de) – die Aluminiumwerke GmbH, die Firmen Feinprüf und Wilhelm Lambrecht, die Physikalischen Werkstätten AG (Phywe), die Ruhstrat AG, die Optischen Werke Schneider & Co. GmbH, Spindler & Hoyer und die Winkel GmbH, dazu als Hersteller von Uniformen und anderen Ausrüstungstextilien für die Wehrmacht die Textilfirmen Schöneis und Göttinger Leinenweberei sowie als Hersteller von Munitionspackgefäßen und Flugzeugzellen die Möbelwerkstätten Reitemeier.

Diese Rüstungsbetriebe schlossen sich während des Krieges als „Küchenvereinigung e. V.“ zusammen, um den Zwangsarbeitereinsatz effektiv und kostengünstig zu organisieren. Sie betrieben zwei Barackenlager, eins am Schützenplatz, ein zweites an der Eiswiese. Daneben gab es eine große Zahl weiterer Lager. Cordula Tollmien kommt auf eine Gesamtzahl von mindestens 58 Ausländerlagern im alten Stadtkreis Göttingen einschließlich der damals noch selbstständigen Dörfer Geismar, Grone und Weende. el

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