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Göttingen „Eines Tages konnte er seine Hand nicht mehr bewegen“
Die Region Göttingen „Eines Tages konnte er seine Hand nicht mehr bewegen“
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07:00 11.04.2019
Rosemarie Dalchow lebt in Weende. Mit ihrem Mann Klaus war sie vom Bodensee nach Göttingen gezogen, als dieser an Parkinson erkrankte. Bis zu seinem Tod begleitete sie ihn durch die Krankheit. Quelle: Foto: Giebner
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Göttingen

Der Welt-Parkinson-Tag am 11. April soll auf die chronische Nervenkrankheit aufmerksam machen. Vereinigungen, Einrichtungen und Kliniken nutzen den Tag, um das Bewusstsein für die Krankheit und die Bedeutung der Forschung zu stärken.

Die Deutsche Parkinson Vereinigung (dPV) wurde 1981 ins Leben gerufen, um Betroffene und Angehörige auf ihrem Leidensweg zu unterstützen und aufzuklären. Unter dem Motto „Leben mit einer Krankheit – kein Grund, zu resignieren!“ besteht auch in Göttingen eine Regionalgruppe der dPV. Die Gruppe zählt derzeit rund 80 Mitglieder, sowohl Betroffene als auch Angehörige.

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Eine Herzensangelegenheit

Mitten in Weende wohnt sie in einer geräumigen Wohnung mit einem Panoramablick über Göttingen. Ihre Wohnung ist liebevoll eingerichtet. Neben der Tür hat sie eine kleine Gedenkecke für ihren Ehemann aufgebaut: Bilder aus der Vergangenheit zieren den kleinen Tisch. Aufnahmen aus beschwerdefreien Zeiten, aber auch Zeugnisse aus Zeiten, in denen Parkinson bereits das Leben bestimmte.

Rosemarie Dalchow ist die Leiterin der dPV-Gruppe in Göttingen. Für die 82-Jährige ist die Regionalgruppe eine Herzensangelegenheit. Nicht ohne Grund, denn Parkinson spielt in ihrem Leben eine große Rolle. Ihr Ehemann, Klaus Dalchow, war von der Krankheit betroffen. Sie pflegte ihn 16 Jahre bis zu seinem Tod im Jahr 2009.

Im Alter von 60 Jahren wurde bei Klaus Dalchow Morbus Parkinson diagnostiziert. Um sich der Krankheit entgegenzustemmen, zog das Paar eigens vom Bodensee nach Göttingen. „Mein Mann war sportlich aktiv. Eines Tages, bei der Skigymnastik, konnte er während einer Übung seine Hand nicht mehr bewegen“, erzählt die Seniorin.

Unauffällige Symptome

Nicht bei jedem Parkinson-Patienten gestaltet sich die Diagnose eindeutig. Die ersten Symptome sind vornehmlich unauffällig. Das Zittern der Hände, eine gebeugte Körperhaltung oder eine Bewegungseinschränkung: Für viele Menschen sind diese Faktoren noch kein Grund, einen Arzt aufzusuchen.

Doch Parkinson verursacht weitere gravierende Einschränkungen, wie etwa die plötzliche Steifheit der Bewegungen. Dazu kommen weitere motorische Beeinträchtigungen. Betroffene sind zunehmend auf die Hilfe von Angehörigen und Pflegern angewiesen.

„Wir waren immer zuversichtlich und haben das Leben so weit es ging noch genossen“, erzählt Dalchow. Sie stand ihrem Mann zur Seite. Nichtsdestotrotz ließ sich die Krankheit nicht aufhalten. In Göttingen wurde Klaus Dalchow medikamentös eingestellt. Zusätzlich besuchte das Ehepaar regelmäßig die lokale dPV-Gruppe. Für beide Partner wurden die Treffen zu einer enormen Erleichterung und Stütze. Seit 2003 unterstützt Rosemarie Dalchow die Regionalgruppe ehrenamtlich. Drei Jahre später übernahm sie die Leitung der Vereinigung in Göttingen.

„Auch wenn mein Mann vor zehn Jahren starb, ist Parkinson immer noch ein Teil meines Lebens. Ich will Betroffenen und Angehörigen helfen“, sagt Dalchow.

Jeden ersten Mittwoch im Monat trifft sie sich mit einer Gruppe von Angehörigen und Betroffenen von 15 Uhr bis 17 Uhr im Saal der evangelischen Jona-Kirche in Grone, Jonaplatz 6. Gemeinsame Krisenbewältigung, der Erfahrungsaustausch sowie Informationen über Morbus Parkinson stehen auf dem Programm. „Es ist so emotional, wie ausgeprägt die Krankheit bei manchen ist, das geht auch mir nahe“, sagt Dalchow.

Als Betroffene wusste die Seniorin, wie wichtig es ist, dass Angehörigen ein Raum geboten wird. Daher setzte sie sich für einen zusätzlichen Gesprächskreis nur für die Angehörigen ein. „Wir wollen für beide da sein, für Betroffene und Angehörige.“

Um die Mitglieder über spezielle Themen zu informieren, lädt Rosemarie Dalchow regelmäßig Referenten ein. Ferner werden auch die verschiedenen Therapiemöglichkeiten vorgestellt. Ergo- und Physiotherapie sowie die Logopädie können eine Alternative oder eine Ergänzung der schulmedizinischen Behandlung darstellen.

Ihr Lächeln nicht verloren

Doch der Fokus soll nicht immer auf der Erkrankung liegen. Neben den Treffen werden daher auch Ausflüge organisiert. „Am 22. Mai geht es zum Grenzlandmuseum“, kündigt die Seniorin an.

Trotz ihres Verlustes hat die 82-Jährige ihr Lächeln nicht verloren. Die Arbeit mit den Betroffenen und ihren Angehörigen ist ihr Herzensprojekt. Die dPV sei nicht einfach eine Selbsthilfegruppe, sondern wie eine Familie. „Ich moderiere nicht nur die Gruppentreffen. Manchmal besuche ich die Patienten privat und auch die Betroffenen treffen sich außerhalb der Gesprächskreise.“

Diagnose Parkinson: Was dann?

Prof. Paul Lingor von der Klinik für Neurologie der TU München und Gastprofessor an der UMG, erklärt das Krankheitsbild und typische Symptome:

Vor mehr als zweihundert Jahren, 1817, beschrieb der englische Arzt James Parkinson in einem kleinen Essay eine Erkrankung, die er zunächst als Schüttelähmung bezeichnete. Heute ist uns diese neurologische Störung besser unter dem Namen des Erstbeschreibers bekannt, nämlich als Parkinson’sche Krankheit.

James Parkinson muss über eine beeindruckende Beobachtungsgabe verfügt haben: obwohl er selbst nur wenige Patienten untersuchen konnte und sein Text zum Teil nur beobachtete Fälle auf der Straße beschreibt, findet sich darin eine genaue Schilderung vieler Symptome, die wir auch heute für typisch für diese Erkrankung halten.

Jahrelang ging man davon aus, dass die Parkinson-Erkrankung vor allem mit Störungen der Motorik einhergeht. So findet sich häufig zu Beginn ein Zittern der Arme, der Beine oder des Kopfes, auch Tremor genannt. Allerdings tritt dieser Tremor, der vor allem in Ruhe zu finden ist, bei etwa einem Viertel aller Patienten nie auf. Man kann also auch ohne Tremor an einem Parkinson leiden. Das wichtigste Kennzeichen ist jedoch die Bewegungsarmut, die für die Patienten besonders unangenehm ist. Schwierigkeiten beim Gehen oder bei der Feinmotorik der Hände sollten daher unbedingt fachärztlich untersucht werden – es kann sich um Anzeichen der Erkrankung handeln.

Gestörter Geruchssinn

Die Bewegungsstörung ist allerdings nicht das einzige Symptom, an dem Patienten mit einem Morbus Parkinson leiden. Viele berichten, dass sie bereits viele Jahre vor dem Einsetzen der motorischen Symptome nicht mehr gut riechen konnten und zum Teil sehr unruhig schliefen.

Heute wissen wir, dass dies frühe Anzeichen der Erkrankung sein können. Allerdings gibt es auch viele andere Gründe, warum der Geruchssinn eingeschränkt oder der Schlaf gestört sein kann.

Neben der klassischen Parkinsonerkrankung gibt es auch eine Reihe von ähnlichen Erkrankungen, die man durch sorgfältige Zusatzuntersuchungen abgrenzen kann. So finden sich einige typische Parkinsonsymptome auch bei Demenzerkrankungen und anderen degenerativen Störungen des zentralen Nervensystems.

Ein Neurologe kann durch gezielte klinische Untersuchungen und bildgebende Verfahren (zum Beispiel ein Kernspin oder nuklearmedizinische Untersuchungen), durch einen Riechtest oder eine Nervenwasseruntersuchung eine genauere Diagnose stellen.

Die Behandlung und die Prognose ist bei jeder dieser Erkrankungen unterschiedlich und eine frühe und sichere Diagnosestellung daher sehr wichtig für jeden Patienten.

Vielfältige Therapie

Auch wenn wir mit unseren heutigen Möglichkeiten die Parkinsonerkrankung nicht ausheilen können, so stehen bei der Therapie heute sehr vielfältige Optionen zur Verfügung. Für kaum eine andere degenerative Erkrankung wurden in den letzten Jahren so viele neue Medikamente zugelassen wie für den Morbus Parkinson.

In den ersten Jahren nach der Diagnose ist die Therapie heutzutage so gut, dass viele Patienten kaum Symptome verspüren und die meisten ihrer beruflichen Tätigkeit nachgehen können. Dies ist wichtig, da der Morbus Parkinson keineswegs eine Erkrankung des höchsten Lebensalters darstellt. Im Schnitt treten die ersten Bewegungsstörungen etwa um das 60. Lebensjahr herum auf, bei der Hälfte der Patienten also davor. In fast allen Fällen sollte eine medikamentöse Therapie mit zusätzlichen therapeutischen Maßnahmen, zum Beispiel Physiotherapie, Ergotherapie oder Logopädie kombiniert werden.

In den späteren Stadien der Erkrankung wird es zunehmend notwendig, dass gleichmäßige Medikamentenspiegel aufgebaut werden, was beispielsweise mit Pumpentherapien erreicht werden kann. Auch die Tiefenhirnstimulation ist eine äußerst wirksame Methode, um Symptome der Parkinsonerkrankung zu lindern. Hierbei werden dünne Elektroden im Gehirn implantiert und mit einem Schrittmacher verbunden. Heute wissen wir, dass bereits früh im Laufe der Erkrankung an diese fortgeschrittenen Methoden gedacht werden sollte, um den Patienten eine möglichst gute und lange Wirkung zu ermöglichen. Hierfür sollte man frühzeitig den Kontakt zu einem Spezialzentrum suchen.

Termine, Ansprechpartner und Informationen für Betroffene:

 Weitere Informationen über die dPV unter Telefon 0551 / 379 18 18 und online www.parkinson-goettingen.de

Gemischte Gruppentreffen der dPV Göttingen: - jeden ersten Mittwoch im Monat, Saal der evangelischen Jona-Kirche, Jonaplatz 6

Gruppentreffen der dPV Göttingen für Angehörige: - jeden dritten Montag im Monat, Gemeinderaum der St. Martinskirchengemeinde, Mitteldorfstraße 5

Gruppentreffen der dPV Göttingen für Betroffene: - jeden zweiter Mittwoch im Monat, Gemeinderaum der St. Martinskirchengemeinde, Mitteldorfstr. 5

 Selbsthilfe Eichsfeld: Telefon 03606 / 650 53 31

www.selbsthilfe-eichsfeld.de

Spezialambulanz Universitätsmedizin Göttingen:

Telefon 0551 / 39 63 866

www.neurologie.med.uni-goettingen.de/de/content/klinik/43.html

 Parkinson-Zentrum Göttingen-Kassel: Telefon 0551 / 39 20 200

www.parkinson-zentrum.info/

Von Laura Giebner