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Göttingen Von links auf rechts und wieder zurück – So wurde Gudrun Keindorf wieder zur Linkshänderin
Die Region Göttingen Von links auf rechts und wieder zurück – So wurde Gudrun Keindorf wieder zur Linkshänderin
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07:40 13.08.2019
Für Schreibanfänger ist es nicht leicht ohne Schmierstreifen zu schreiben. Für Linkshänder ist diese Übung allerdings noch ein wenig schwieriger. Quelle: picture-alliance/ dpa
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Heutzutage wissen die meisten Kinder und auch ihre Eltern bereits vor der Einschulung, dass sie Linkshänder sind und haben sich dank des breiten Spezialangebots mit den richtigen Hilfsmitteln ausgestattet, um dennoch erfolgreich schreiben zu lernen. Doch noch vor wenigen Jahrzehnten wurde Heranwachsenden verboten mit der vermeintlich falschen Hand zu agieren. Zum Weltlinkshändertag am 13. August erklärt die Kulturwissenschaftlerin Gudrun Keindorf gegenüber dem Tageblatt, wie sie ihre Rückschulung mit 53 Jahren sprichwörtlich selbst in die Hand genommen hat.

Rund zehn Prozent der Weltbevölkerung nutzen die linke Hand für feinmotorische Tätigkeiten, erläutert Wissenschaftlerin Katja Fiedler auf der Homepage des Max-Planck-Instituts für Dynamik und Selbstorganisation Göttingen. Auch würden das linke Bein, Auge und Ohr von Linkshändern bevorzugt genutzt. Rund 70 Prozent der Menschheit seien Rechtshänder. Die übrigen 20 Prozent entfielen auf umerzogene Linkshänder und diejenigen, die mit beiden Händen geschickt umgehen können, so die Wissenschaftlerin weiter.

Dieser Ansicht widerspricht Keindorf: „Man ist entweder Links- oder Rechtshänder.“ Ein Jahr nach ihrer Rückschulung sagt sie: „Ich war noch nie so sehr ich selbst, wie ich es jetzt bin.“

Rückschulung therapeutisch begleiten

Eine Rückschulung soll laut Expertin Cerstin Bayer, Linkshänderberaterin und Geschäftsführerin von „Lafüliki“, einem Onlineshop für Linkshänder, eigentlich nicht ohne therapeutische Unterstützung geschehen. Rückgeschult würden die Personen, die im Kindesalter von ihren Eltern oder Lehrern zum Schreiben mit der rechten Hand gedrängt wurden, obwohl die linke Hand dominierend ist. „Ich war an keinem Punkt meiner eigenen Rückschulung überfordert, kann in diesem Punkt aber auch nur für mich selbst sprechen“, sagt Keindorf.

Gerade beim Schreiben kann es durch die falsche Haltung zu Schwierigkeiten wie Konzentrationsstörungen, Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten oder einer Verkrampfung von Schultergürtel, Ellenbogen und Handgelenk kommen. Automatisierte Prozesse sollen, wenn es sich beispielsweise um die Bewegung des Zähneputzens handelt, nicht mehr verändert werden, wenn sie einmal eingespielt sind, sagt Bayer.

Die richtigen Hilfsmittel

Insbesondere zur Einschulung werden der Linkshänderberaterin Bayer zufolge viele Produkte verkauft, die speziell für Linkshänder angefertigt wurden. Besonders gefragt seien Linkshänderscheren, -füller, -blöcke, -anspitzer und -lineale. Wichtig sei der Anfängerfüller für Linkshänder, da bei diesem die Druckpunkte für die Finger vorgefertigt seien. Mit einem Anspitzer für Linkshänder vergrößere sich der Drehmoment, sodass das Anspitzen weg vom Körper und mit der starken Hand möglich sei. Aber auch für Erwachsene gibt es spezielle Produkte: Keindorf hat sich eine Tastatur für Linkshänder zugelegt. „Der Ziffernblock befindet sich dabei auf der linken Seite und ich muss nicht mehr andauernd über Kreuz greifen, wenn ich eine Nummer eingeben will.“

Linke Hand wurde verbunden

Ich habe es unterbewusst immer gewusst, dass ich eigentlich Linkshänderin bin“, sagt Keindorf. Ihr Schrift sei mit der rechten Hand immer sehr unleserlich gewesen. Früher waren es oft die Lehrer in der Grundschule, die den Kindern das Schreiben mit der „schönen Hand“ beibrachten. Keindorf erinnert sich, dass ihre Mutter ihr oft die linke Hand verbunden hat, damit sie diese nicht zum Schreiben oder anderen Tätigkeiten nutzen kann. „Sie wusste es eben nicht besser.“

Bei der Kulturwissenschaftlerin hatte die Umschulung auf die rechte Hand als Kleinkind Unsicherheit und Abgeschlagenheit zur Folge. „Ich hatte immer das Gefühl, dass die Menschen merken, dass ich falsch bin.“ Sie habe viele Pausen am Tag machen müssen und konnte nicht mehrere Dinge nacheinander erledigen. Die Rückschulung sei für Keindorf wie ein „Energieschub“ gewesen. „Ich habe ganz nebenbei meine Ernährung umgestellt und 16 Kilogramm abgenommen.“

Kinder passen sich an

Oftmals gucken sich Kinder das Schreibverhalten von einem Elternteil ab oder bekommen von Mitschülern gesagt, dass sie ihre linke Hand beim Schreiben komisch halten. „Das ist“, erklärt Expertin Bayer, „häufig der Grund, dass sich Kinder das Schreiben mit der rechten Hand aneignen, um nicht anzuecken.“ Im Vergleich zu früher habe es sich allerdings schon geändert, dass Familien viel aufmerksamer seien und keine favorisierte Hand zum Schreiben mehr hätten.

Ein Praxistipp: Möchten Eltern ihrem Kind das Binden der Schleife beibringen, sind aber selbst Rechtshänder, gibt es einen einfachen Trick, Nachahmungsschwierigkeiten zu umgehen: Der Vater oder die Mutter setzen sich einfach dem Kind gegenüber, damit die Bewegungen gespiegelt werden können.

Steuerung im Gehirn

Die Zusammenhänge zeigt Wissenschaftlerin Fiedler in ihrem Essay auf. Die Unterschiede der Links- und Rechtshänder lägen im Gehirn. Linkshänder würden von der rechten Gehirnhälfte gesteuert und Rechtshänder von der linken. Die rechte Gehirnhälfte sei für räumlich-ganzheitliche Zusammenhänge, Formen und Ähnlichkeiten zuständig, die linke Gehirnhälfte für sprachlich-analytische, kausale und logische Informationen. Für auf die falsche Hand geschulte Menschen bedeute das, dass das Gehirn immer mehr Energie verbrauche. Damit die Gehirnhälften zusammenarbeiten können, bräuchten umgeschulte Menschen bis zu 30 Prozent mehr Energie, bestätigt Keindorf.

Vorteile im Sport

Im Sport wiederum haben Linkshänder häufig Vorteile. Zum Beispiel kann sich im Kampfsport ein Überraschungseffekt ergeben, wenn der Gegner plötzlich mit links ausholt. Unter Handballern sind Linkshänder umworbene Mitspieler. Und auf Menschen mit künstlerischer Begabung stellt sich die Wirtschaft ein. Auch Musikinstrumente gäbe es mittlerweile für beide Händigkeiten, so Bayer.

Doch auch für Menschen, die nach einer Umschulung auf die falsche Hand später Beeinträchtigung feststellen, besteht Hoffnung. „Es ist niemals zu spät für eine Verbesserung“, bilanziert Keindorf.

Von Lisa Hausmann

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