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Göttingen Wenn der Richter Klartext redet
Die Region Göttingen Wenn der Richter Klartext redet
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18:19 02.04.2012
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Göttingen

Es ist die Aussage der Angeklagten, die wegen Diebstahls vor Gericht steht. Die Mutter von vier Kindern beteuert nämlich, dass nicht sie, sondern ihre neun und zehn Jahre alten Kinder im November vergangenen Jahres zwei Rucksäcke voll Diebesgut an der Kasse vorbeischmuggeln wollten. Sie, die Angeklagte, habe nicht mitbekommen, wie die Kleinen die Waren im Gesamtwert von rund 180 Euro gestohlen hätten. Es sei ganz und gar die Idee der Kinder gewesen, ein schnurloses Telefon, zwei Tabak-Großpackungen, zwei Teelicht-Halter, zwei Deko-Schalen, eine Vase, Plastikblumen, Playstation-Spiele und Musik-CDs zu stehlen. Bis auf die Videospiele typischer Kinderkram halt.

"Das ist wirklich das Allerletzte"

Das nehmen ihr sowohl Richter Malskies als auch Staatsanwalt Andreas Buick nicht ab. Die Staatsanwaltschaft ist sich sicher, dass die Mutter sich ihrer (nicht strafmündigen) Kinder bediente, um die Waren zu stehlen. Beide, Malskies und Buick, beschwören die Angeklagte, nicht ihre Kinder mit in die Sache hineinzuziehen. Eine Tochter, die von ihrer Mutter offenbar mitgebracht wurde, um ihre Version zu bestätigen, verbannt Malskies ins Beratungszimmer. „Ich werde ganz sicher nicht ihre Tochter hier aussagen lassen.“ Der Richter will unbedingt vermeiden, die Tochter eine Falschaussage machen zu lassen: „Ich hab’ echt keinen Bock, hier irgendwelchen Müll zu veranstalten.“ Jeder könne mal einen Fehler machen, gibt Malskies zu bedenken, aber dann solle man auch dazu stehen. „Diebstahl für 180 Euro – geschenkt! Aber wenn Sie jetzt hier Ihre Kinder mit reinziehen… Das ist wirklich das Allerletzte.“ Die Angeklagte rührt das nicht.

Auch die Aussage des Kaufhaus-Detektivs, der sich „hundertprozentig“ sicher ist, dass die Mutter dabei war, als die Waren aus dem Einkaufswagen in die Rucksäcke wanderten, liefert der Angeklagten keinen Grund, von ihrer Version abzurücken: „Warum sagst du nicht die Wahrheit?“
Als Malskies eine Vorstrafe, ebenfalls wegen Diebstahls, zitiert, präsentiert die Angeklagte eine Erklärung: Weil – oh Wunder – ihre Kinder so unruhig waren, habe sie seinerzeit schlichtweg vergessen, den Umweg über die Kasse zu machen. Lebensmittel im Wert von 137,77 Euro blieben unbezahlt. Die Entschuldigung nahmen ihr die Richter damals nicht ab. 20 Tagessätze zu je zehn Euro waren die Konsequenz.

Erziehungspflicht mit Füßen getreten

Eine letzte Gelegenheit, von ihrer Geschichte abzurücken und die Tat einzuräumen, lässt die Angeklagte ungenutzt. Auch die Hinweise, dass man geneigt sei, die Akten dem Familiengericht weiterzuleiten, vermögen nicht, die Angeklagte zu beeindrucken. Für Buick ist es „zweifelsfrei klar“, dass die Angeklagte, wie in der Anklage formuliert“, für den Diebstahl verantwortlich ist. „Sie haben obendrein das Erziehungsrecht und die Erziehungspflicht mit Füßen getreten.“ Buick fordert eine Geldstrafe von 60 Tagessätzen in Höhe von jeweils 20 Euro.

Malskies urteilt 60 Tagessätze in Höhe von jeweils 15 Euro aus. In der Urteilsbegründung lässt er keinen Zweifel daran, dass er von der Schuld der Angeklagten überzeugt ist: „Um Ihre Geschichte zu glauben, müsste ich morgens erst mal vor den Bus rennen.“ Die Geschichte sei eine „intellektuelle Beleidigung“ und „ganz großer Quatsch“. Und weiter: „Wir sind hier nicht im Kosovo, wir sind nicht im Kriegsgebiet, und mir ist ziemlich scheißegal, was bei Ihnen zu Hause los war“, schleudert der Richter der gebürtigen Kosovarin entgegen, die trotzig kopfschüttelnd das Urteil entgegennimmt. Malskies, um Fassung ringend, kündigt an, ein „ausführliches Urteil“ zu schreiben und es an das Vormundschaftsgericht weiterzuleiten.  „Meine Kinder haben alles, was sie brauchen“, ist das Letzte, was die Angeklagte zu sagen hat.

Von Lukas Breitenbach