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Göttingen Wie das Sozialsystem auch ohne Zivis funktioniert
Die Region Göttingen Wie das Sozialsystem auch ohne Zivis funktioniert
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17:55 15.09.2011
Von Andreas Fuhrmann
Feier mit Luftballons: 300 neue FSJler und Bufdis hat der Internationale Bund Göttingen jetzt begrüßt. Quelle: Hinzmann
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Göttingen

Verdrängt der BFD das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ)? Zudem brüskierten neue Vorgaben des Familienministeriums die Wohlfahrtsverbände. Erst nach heftiger Kritik lenkte das Ministerium ein – vorerst.

Ungeachtet dieser Querelen muss es irgendwie weitergehen. Schließlich sind viele soziale Einrichtungen auf die Hilfe der FSJler und Bufdis, wie die Bundesfreiwilligendienstler genannt werden, angewiesen. Eine schwere Aufgabe für die Wohlfahrtsverbände. Dass sie lösbar ist, beweisen zum Beispiel 300 junge Freiwillige, die jetzt über den Internationalen Bund (IB) ihren Freiwilligendienst in verschiedenen sozialen Einrichtungen in Göttingen und der Region aufgenommen haben. Sechs von ihnen erzählen auf dieser Seite, warum sie für die nächsten zwölf Monate in Altenheimen, Krankenhäusern oder Jugendeinrichtungen arbeiten wollen.

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Übrigens: Auch die Aussagen von Vertretern einiger Göttinger Einrichtungen zeigen, dass es ohne Zivildienstleistende funktionieren kann. Das liegt allerdings oftmals daran, dass Zivis dort schon vorher kaum noch eine Rolle spielten. Wie zum Beispiel im Seniorenzentrum Göttingen. Dort sind derzeit vier junge Menschen im Freiwilligen Sozialen Jahr tätig. Zivis stelle man schon seit einigen Jahren nicht mehr ein, sagt Geschäftsführer Jens-Uwe Krüger. Das liege zum einen daran, dass diese zuletzt nur noch sechs Monate Dienst leisten mussten. Zum anderen habe es vielen auch an der nötigen Motivation gemangelt. Mit den FSJlern gebe es diese Probleme bisher nicht, erklärt Krüger.

Im Göttinger Klinikum sind laut Sprecher Stefan Weller derzeit alle Stellen im Freiwilligendienst „gut besetzt“. 45 Menschen, darunter überwiegend Abiturienten, leisten einen Freiwilligendienst. Zwei Drittel sind FSJler, ein Drittel Bufdis. Im Diakonieverband Göttingen sind zurzeit weder FSJler noch Bufdis tätig. Die Nachfrage sei in den vergangenen Jahren stetig gesunken, teilte eine Mitarbeiterin mit. Jetzt setzte man verstärkt auf Auszubildende.

„Ein Dienst genügt“

Wie schlägt sich der neue Bundesfreiwilligendienst (BFD)? Ist er überhaupt notwendig? Darüber sprach Andreas Fuhrmann mit Ute Möller vom Internationalen Bund (IB).

Tageblatt: 300 Freiwillige, die vom IB betreut werden, haben ihren Dienst in der Region angetreten. Wie viele davon sind im BFD?
Möller: 16, der Rest sind Freiwillige im FSJ.

Woran liegt das?
In den letzten Jahren ist die Nachfrage seitens der Einsatzstellen und Jugendlichen nach FSJ-Plätzen stetig gestiegen. Das verdeutlichen auch unsere Zahlen. Im Jahr 2008 hatten wir 176 besetzte FSJ-Plätze, in diesem Jahr sind es schon 300. Das hat zwei Gründe: Für Jugendliche ist das FSJ bekannt und eine Marke mit positiven Erfahrungswerten. Außerdem vertrauen die Einsatzstellen mehr auf die langjährigen Erfahrungen mit uns als Träger und richten lieber FSJ-Plätze ein oder wandeln ehemalige Zivi-Plätze in FSJ-Plätze um. Und das, obwohl die BFD-Plätze viel stärker vom Bund gefördert werden.

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen FSJ und BFD?
Im FSJ ist der Träger Vermittler und Bindeglied zwischen Interessen der Einsatzstellen und Freiwilligen. Der Träger hat ein Rahmenkonzept, festgeschriebene Qualitätsstandards, übernimmt die pädagogische Begleitung und führt die Seminare durch.

Und im BFD?
Im BFD wird der Vertrag zwischen Freiwilligen und dem Bundesamt für Familie geschlossen. Die pädagogische Begleitung durch einen Träger gibt es nicht. Ehemalige Zivi-Schulen sind für die Seminararbeit vorgesehen.

Wo hakt es noch beim BFD?
Der BFD ist ein staatlich organisierter Freiwilligendienst, dem die Verwaltungsstrukturen des Pflichtdienstes noch anzumerken sind. Man wird sehen, wie sich die Einsatzstellen entscheiden. Die niedrigen Kosten sind sicher verlockend, aber können die Plätze ohne die Träger des FSJ auch tatsächlich mit geeigneten Freiwilligen besetzt werden? Wir als Träger sind jedenfalls bemüht, auch BFD-Plätze zu besetzen.

Ist der BFD überhaupt notwendig?
Mit dem FSJ und dem BFD drängen zwei Freiwilligendienst-Formate auf den begrenzten Markt. Das halten wir nicht für sinnvoll. Für die Zukunft wünschen wir uns einen Freiwilligendienst, der sich an den Qualitätsstandards des FSJ orientiert.

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