Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Göttingen Wie eine Krake an der Wand
Die Region Göttingen Wie eine Krake an der Wand
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:43 17.07.2009
In der Kletterwand: Sven Frings hat die Routen in den Steinbruch gebohrt.
In der Kletterwand: Sven Frings hat die Routen in den Steinbruch gebohrt. Quelle: Mischke
Anzeige

Wie eine Krake hängt Lotte Weller an der Wand. Nur ein daumendicker Felsvorsprung ist in ihrer Reichweite zu sehen, und doch kommt sie noch einen Kletterschritt weiter. „Kann ich die Spalte mitbenutzen?“ fragt sie Sven Frings, Kletterlehrer und Leiter des Roxx-Kletterzentrums in Göttingen. Der schüttelt den Kopf. Der Riss im Fels ist als Hilfsmittel nicht vorgesehen. Etwas ratlos bleibt Weller an der Sandsteinwand hängen, bis sie schließlich noch einen Haltegriff findet. Kurz darauf ist sie oben angekommen.

Das bedeutet jedoch nicht, dass sie sich über die Kante schwingt und für ein Gipfelfoto posiert. „Wenn man oben ist, klettert man wieder runter“, erklärt Frings trocken. „Böse Zungen vergleichen es mit einem Koitus interruptus.“ Es sei eben wichtig, Pflanzen und Tiere an den Felskanten nicht zu zertrampeln.

Weller muss sich nun frei im Felsen halten. Erin Butler hat sie die ganze Zeit gesichert. Jetzt muss das Seil so umgefädelt werden, dass Weller ihr Material, die Karabiner, die sie zur Sicherung in die Haken eingehängt hat, beim Abstieg auch wieder mitnehmen kann. Dann lässt die Freundin sie langsam hinunter. Kaum ist Weller wieder am Boden, zerrt sie ihre Kletterschuhe von den Füßen. „Moderne Folterwerkzeuge“, sagt sie. Und doch zieht sie sie lieber an als bequemere Sportschuhe. Mit der engen Kappe mit „Radiergummieffekt“ lasse sich die Felswand leichter bezwingen.

„Klettern ist ein Sport im Team“, betont Frings. Während einer die Wand hochgehe, müsse der andere sichern. „Das ist das Pädagogische am Klettersport. Man muss sich hundertprozentig auf den anderen verlassen können.“ Bei Weller und Butler scheint das gut zu klappen.

Für Anfänger geeignet

Von der Anzahl der Routen und den Schwierigkeitsgraden her sei der Steinbruch gut für Anfänger geeignet, erklärt Frings, Gebietsbetreuer für den Klettersport. Viele Routen hat er selbst geschraubt. Als Urheber durfte er ihnen Namen geben. „Pepe und Finn“ hat er die Tour getauft, die er anlässlich der Geburt seines jüngsten Sohnes kreierte.

Mit dem Akkubohrer bohrt Frings die Löcher in den Fels, in die die Haken mit Zement oder Zwei-Komponenten-Kleber eingebracht werden. Je nach Beschaffenheit des Felsens werden laut Frings manchmal auch Dübel verwendet. „Störenfried“ heißt eine Route, die Frings bei Hochbetrieb angelegt hat. Alle Kletterer rundherum seien vom Krach genervt gewesen. Aber, so Frings: „Die Haken in den Felsen wachsen leider nicht von selbst.“

Das Klettern im Steinbruch in Mariaspring ist aus Sicht des Naturschutzes unproblematisch. In enger Zusammenarbeit mit Forstämtern und Naturschutzbehörden ist ein Konzept zum naturverträglichen Klettern an den Felsen in Südniedersachsen entwickelt worden.

Dieses Konzept unterteilt die Kletterfelsen in der Region in verschiedene Zonen. In Zone drei wie in Mariaspring ist das Klettern ohne Einschränkungen möglich. Im Norden von Göttingen sei der Steinbruch bei Rauschenwasser der einzige Kletterort. Insgesamt gibt es laut Frings rund 400 Routen im Göttinger Wald. Viele davon liegen bei Reinhausen und Bremke.

Von Ute Lawrenz