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Göttingen Wie eine syrische Flüchtlingsfamilie die ersten Tage in Friedland erlebt
Die Region Göttingen Wie eine syrische Flüchtlingsfamilie die ersten Tage in Friedland erlebt
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18:51 16.09.2013
Junge Flüchtlinge: Waad, Hiba und Rania al-Hariri (v. l.). Rania freut sich schon auf die Schule in Deutschland. Quelle: Paul
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Friedland

Ziad al-Hariri ist etwas nervös. Am Mittwochabend sind der 43 Jahre alte Syrer, seine Frau und seine sieben Kinder im Grenzdurchgangslager Friedland bei Göttingen angekommen. An diesem Wochenende soll die Familie erfahren, wo sie künftig leben wird. Zumindest für die nächsten Jahre. „Ein früherer Nachbar von uns wohnt in einer deutschen Stadt“, sagt al-Hariri und streicht aufgeregt mit dem Finger auf dem roten Laufzettel herum, den er gleich nach der Ankunft im Lager erhalten hat. „Ich weiß nicht, wie diese Stadt heißt, sie liegt irgendwo in Nordrhein-Westfalen, und da möchten wir gerne hin.“

 Die Familie al-Hariri stammt aus Dar‘a. Die 80 000-Einwohner-Stadt südlich von Damaskus war Ausgangspunkt der ersten Proteste gegen die Regierung von Präsident Baschar al-Assad – und damit für den Bürgerkrieg in Syrien. Im Februar 2011 wurden dort 15 Kinder festgenommen, weil sie regimekritische Parolen an das Schulgebäude gemalt haben sollten. Die Eltern berichteten, dass ihre Kinder im Gefängnis geschlagen und gefoltert worden seien.

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Die Gewalt eskalierte

Sie organisierten erste Demonstrationen. Die Gewalt eskalierte. Fast täglich gab es Kämpfe und Schießereien, Bomben und Luftangriffe: Vor anderthalb Jahren sei die Situation in Dar‘a untragbar geworden, erzählt al-Hariri. Die Familie entschloss sich zur Flucht, zog zuerst aufs Land zu Verwandten und flüchtete dann im eigenen Fahrzeug weiter in den Libanon. Eine Schwester des Vaters blieb in Syrien. Wie konnten sie die Grenze erreichen? Mussten sie dafür Geld bezahlen? Gab es Kontrollen? Al-Hariri zögert, blickt immer wieder zum Dolmetscher – als ob er sich bei ihm versichern will, nichts Falsches zu erzählen. „Es gab überall Posten“, sagt er schließlich. „Wir konnten aber durchfahren.“

Ob und welche Position die Familie im syrischen Konflikt einnimmt, bleibt unbeantwortet. Sie gehört zur sunnitischen Glaubensrichtung. Unter den Aufständischen, die gegen die überwiegend alawitische Regierung kämpfen, spielen die Sunniten eine wichtige Rolle. Statt wie viele andere Syrer in ein Flüchtlingslager, zog die Familie in Beirut in eine Wohnung – ein Indiz, dass die al-Hariris in ihrem Land nicht zur Unterschicht gehörten. Zunächst habe er Arbeit außerhalb der libanesischen Hauptstadt gefunden, später war er ohne Beschäftigung – die Fragen nach seiner Tätigkeit oder nach seinem erlernten Beruf möchte der Vater nicht beantworten. Deutschland will in den nächsten Monaten 5000 Syrer im Rahmen eines internationalen Abkommens aufnehmen.

HNO-Spezialist ins Lager

Wer kommen darf, entscheiden Vertreter des UN-Flüchtlingshilfswerks und der Bundesrepublik vor Ort. Sie wählen die Flüchtlinge in den Auffanglagern der Nachbarländer Syriens aus. Die Kriterien sind nicht ganz eindeutig, ein Grund können Krankheiten und Verletzungen sein. Auch drei der Kinder von Ziad und Mariam al-Hariri sind krank. Sie leiden an Schwerhörigkeit. Zu 75 Prozent der zwölfjährige Mohamed, zu 50 Prozent der sechs Jahre alte Waad. Die kleine Aminah, sie ist erst drei, könne gar nichts hören, übersetzt der Dolmetscher. Ein Arzt hat die Kinder in Friedland bereits untersucht. Nächste Woche, wenn die Eltern an den sogenannten Wegweiser-Kursen teilnehmen, soll auch ein HNO-Spezialist ins Lager kommen.

Die schlichten Unterkünfte in Friedland, die Doppelstockbetten, das schlechte Wetter machen der Familie nichts aus, sagt al-Hariri. Nur mit den deutschen Essgewohnheiten, etwa dass es zum Abendessen Brot und Aufschnitt gibt, fremdeln die Syrer noch: „Wir sind es eigentlich gewöhnt, dass wir selber kochen.“ Tochter Rania, die am Sonntag ihren 13. Geburtstag feiert und das älteste Kind des Paares ist, freut sich vor allem auf die Schule. Sie hat in Dar‘a ein Gymnasium besucht und dort auch Englisch gelernt. Anders als dem Vater ist es ihr egal, in welche Stadt die Familie geschickt wird. Freundinnen, sagt Rania, werde sie doch überall finden.

Von Reimar Paul, epd

Innenminister Pistorius besucht Syrien-Flüchtlinge

Familie Alhajjar ist glücklich: „Deutschland hat uns gerettet.“ Mit Ehefrau und vier der fünf Kinder hat es Vater Munir Alhajjar (47) auf der Flucht von  Damaskus über Beirut bis nach Friedland geschafft. Anfang nächster Woche beziehen die fünf Syrer in Isernhagen bei Hannover ihr endgültiges neues Zuhause. Nur um den ältesten Sohn, der selber schon Familie hat und hofft, auch als Flüchtling nach Deutschland zu gelangen, machen sie sich Sorgen.

Am Montag hat Innenminister Boris Pistorius (SPD) sich in Friedland ein Bild von den Menschen gemacht, die Deutschland aufnimmt.  5000, wie zunächst geplant, empfindet Pistorius als viel zu wenige. Selbst 50 000 seien angesichts der größten humanitären Katastrophe des noch jungen Jahrhunderts noch zu wenige. Zu einer Zahl aber, die ihm vorschwebe, lässt sich der Politiker nicht verleiten. Pistorius: „Jede Zahl unterhalb einer Million ist zu niedrig.“ 4,5 Millionen Syrer sind bereits in die Nachbarstaaten geflohen.

Von Jürgen Gückel