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Göttingen Wie kommt das "kleine Spitzen-Etwas" in die Tasche?
Die Region Göttingen Wie kommt das "kleine Spitzen-Etwas" in die Tasche?
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19:43 14.04.2014
Quelle: dpa (Symbolbild)
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Diese Angeklagte? Den Prozessbeteiligten fällt es schwer, sich das vorzustellen. Auf der Anklagebank – genauer – vor dem Tisch, der üblicherweise den Angeklagten zugewiesen wird, steht ein Rollstuhl. Den hat der Pflichtverteidiger hereingerollt. Darin sitzt eine eingefallene Frau, vom Leben sichtlich gezeichnet.

Dass sie erst 44 ist, mag man gar nicht glauben. Ein Bein wurde ihr amputiert, Folge der täglichen Einstiche mit der Heroin-Spritze und den anschließenden ungezählten Entzündungen. Acht Jahre Drogenabhängigkeit liegen hinter der 44-Jährigen. Immerhin wird sie inzwischen substituiert.

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Nein, sagt sie, sie habe nichts gestohlen an jenem 25. Juni 2013. Die Tasche, die sie trug, habe sie in dem Geschäft in der Burgstraße zuvor ordnungsgemäß bezahlt. Wie der Rock, den der Ladeninhaber später aus der Tasche zog, da hinein gekommen sei, wisse sie nicht. „Ich weiß, das klingt nicht sehr glaubwürdig“, sagt sie, aber der Rock, „so ein kleines Spitzen-Etwas, da habe ich nicht einmal reingepasst“, den habe sie nie angefasst.

Und natürlich habe sie sich gewehrt, als da jemand auf sie zugekommen sei und ihr die gerade gekaufte Tasche von der Schulter gerissen habe. Der Ladeninhaber sagt als Zeuge aus. Er bestätigt, dass die Tasche in seinem Geschäft gekauft wurde.

Dann aber habe er bemerkt, dass vom Ständer vor der Tür mehrere Teile fehlten. Er habe die Kundin verfolgt und den beschriebenen Rock aus ihrer Tasche ziehen können – sein Eigentum. Es müssten noch mehrere Teile darin gewesen sein, es hätten mehrere leere Bügel am Ständer gehangen.

„Er hat gesagt, ich hätte was geklaut und hat mich roh beschimpft“, beschwert sich die Angeklagte über den Zeugen. Die Tasche sei danach kaputt gewesen. Die Polizei fand später im Auto, mit dem die Frau aus dem Harz nach Göttingen kam, keine weitere Beute, wohl aber Rauschgift.

Ja, sagt die 44-Jährige, sie habe damals unter Drogen gestanden – eigentlich immer, ehe ihr das Bein amputiert wurde. Vielleicht könne sie sich deshalb nicht erklären, wie der Rock in die Tasche kam.
Dieser Verdacht liegt auch dem Amtsrichter nicht fern. Ein Gutachter soll nun der Frage der Schuldfähigkeit nachgehen.

So lange wird der Prozess ausgesetzt. Beim nächsten Verhandlungsversuch wird es dann auch darum gehen, ob die Angeklagte in einer Entziehungsanstalt untergebracht werden muss.

von Jürgen Gückel