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Göttingen Wie realistisch ist der ARD-Krimi "Tatort"?
Die Region Göttingen Wie realistisch ist der ARD-Krimi "Tatort"?
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20:14 26.11.2010
Von Britta Bielefeld
Göttinger Ermittler vor dem Bildschirm: Kaatz und Rath analysieren den TV-Tatort „Spargelzeit“.
Göttinger Ermittler vor dem Bildschirm: Kaatz und Rath analysieren den TV-Tatort „Spargelzeit“. Quelle: Hinzmann
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Wo sind eigentlich die Akten? Bei einer realen Mordermittlung entstehen Berge von Akten. Allerdings ist nichts unglamouröser als Akten. Vielleicht gibt es im TV-Tatort deshalb so selten Papierberge zu sehen. Und: „Das tolle im Tatort ist, die notieren gar nichts“, sagt Thomas Rath. Der Chef der Göttinger Polizeiinspektion guckt gemeinsam mit Polizeisprecherin Jasmin Kaatz die Tatortfolge „Spargelzeit“. Der Auftrag: Für das Tageblatt die Arbeit der Ermittler Thiel und Boerne zu bewerten. Schon zückt Fernsehkommissar Thiel auf dem Bildschirm den Notizblock. Geht doch.

Das TV-Team aus Münster ist der Favorit von Kaatz. Rath guckt selten Tatort. Aber Kommissar Heinz Haferkamp (Hansjörg Felmy), den mag Rath. Und weiter: „Bei uns Zuhause ist am Sonntagabend dank meiner Frau Rosamunde-Pilcher-Zeit“, so der Polizeichef. Wenig später ist er aber trotzdem ziemlich amüsiert. Auf dem Bildschirm sind Rechtsmediziner Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) und Kripomann Frank Thiel (Axel Prahl) dem Mörder einer Gutsherrin auf der Spur. Es ist Spargelzeit, Erntehelfer, ein Dorfpolizist, Gutsherr, Tochter und Thiels Vater, der beim Spargel- Stehlen erwischt wird, sind verdächtig.

Die Tote liegt auf dem Boden im trockenen Pool. Am Beckenrand: Polizisten, Erntehelfer, viele Menschen. „Wie, keine Absperrung?“ wundert sich Rath. Als dann erst Thiel und später Boerne ohne Schutzanzug zur Leiche hinab klettern, schütteln die beiden Göttinger Polizisten den Kopf. Ihre Spurensicherer würden ihnen den Marsch blasen, kämen sie so an einen Leichenfundort gestiefelt. Und überhaupt: „Bis der Chefermittler an den Tatort kommt, sind ein, zwei, Stunden um“, erklären die Fachleute.

Rath: „Bei einem Tötungsdelikt ist erst einmal die Tatortgruppe am Tatort“. Eine Tatortgruppe gibt es im Tatort irgendwie nie. Diese Gruppe besteht in Göttingen aus den Kripobeamten, die gerade Dienst haben. Die Chefs, in Göttingen meist die Leiterin des zuständigen Fachkommissariats Anne Kortleben, kommen später dazu.
Im Krimi taucht am Pool die Staatsanwältin auf. „Wir haben noch nie einen Staatsanwalt am Tatort gesehen“, wundern sich Kaatz und Rath. Auch Boernes schnelle Vor-Ort-Untersuchung der Leiche mit anschließender Feststellung des exakten Todeszeitpunktes „zwischen 22 und 22.30 Uhr“, ist eindeutig Fiktion. „Die genaue Untersuchung der Leiche findet in der Rechtsmedizin statt“, sagen die Göttinger.

Thiel macht sich auf, die Beteiligten zu befragen. Auch Boerne ermittelt munter mit. In Deutschland ermitteln Rechtsmediziner nicht. Egal, unterhaltsam sind die beiden, besonders dann, wenn auch noch Pathologie-Assistentin Alberich (Christine Urspruch) ins Spiel kommt und beispielsweise mit Boernes Porsche davon brettert. Kaatz kichert.
„Nie, nie, nie“, kommentiert Rath Thiels Vernehmungen. Wieso? Ist doch ein ergiebiges Gespräch von Mann zu Mann. „Niemals alleine“, erklärt Rath. Ohne Zeugen seien die Aussagen kaum zu verwerten. Die Aussagen von Verdächtigen oder Zeugen müssten zudem protokolliert werden. Da wären sie wieder, die Akten. Die Personalien der polnischen Erntehelfer werden auch nicht aufgenommen. Ein vereidigter Übersetzer? Fehlanzeige. Wie die Akten.

Eine echte Mordermittlung ist aufwändig. „Zehn bis 20 Mitarbeiter werden in einer Mordkommission zusammengezogen“, erklärt Rath. Darunter ist auch immer ein Aktenführer. Aktenführer sind im TV-Tatort unpopulär. Im realen Leben ist auch der Chefermittler – im Gegensatz zu den TV-Kollegen – häufiger am Schreibtisch anzutreffen – dort wo alle Fäden zusammenlaufen.

Im Film wird Thiels Mitarbeiterin Nadeshda (Friederike Kempter) als verdeckte Ermittlerin zum Spargelstechen geschickt. „Ja, es gibt verdeckte Ermittler“, verraten die Göttinger Polizisten. Allerdings werden diese speziell ausgebildeten Kräfte meist vom Landeskriminalamt gestellt. Rath: „Mal so eben geht das nicht.“
Und noch etwas wundert die echten Kriminalisten: Thiel und auch einige andere Polizisten tragen im Film keine Waffen. Wer hätte das gedacht, dagegen sieht die Realität wie ein Krimi aus: „Wer bei uns rausgeht, trägt immer eine Waffe“, sagt Rath. In Göttingen ist das übrigens eine Heckler&Koch P 2000.