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Göttingen Wilhelm-Busch-Schule in Göttingen wird Theaterbühne
Die Region Göttingen Wilhelm-Busch-Schule in Göttingen wird Theaterbühne
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00:18 19.01.2018
Schauspielerin Lisa Schreiber vom Jungen Theater probt in der 3b der Wilhelm-Busch-Grundschule das erstes Klassenzimmerstück.
Schauspielerin Lisa Schreiber vom Jungen Theater probt in der 3b der Wilhelm-Busch-Grundschule das erstes Klassenzimmerstück. Quelle: Richter
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Göttingen

Aufgeregt fegten die Schüler der 3b den Boden vor der Tafel, der später zur Bühne wurde. Große blaue Sitzbänke, die an riesige Holzklotze erinnerten, trennten den Bühnenraum ab. In der Mitte stand ein weißer rechteckiger Tisch. Klassenlehrerin Doris Berner ließ die Klangschale erklingen und schlagartig wurde es still im Klassenraum.

„Heute spielen wir das erste Mal vor Publikum, deswegen sind wir ein bisschen aufgeregt“, begrüßte Regisseur Christian Vilmar die Klasse und erklärte, dass sie gleich einen Ausschnitt des Stückes „Ursel“ sehen werden. „Wir sind total gespannt, was ihr dazu sagt.“

Ursel (Lisa Schreiber) stampft laut trötend und mit einem Grablicht in ihren ausgestreckten Händen durch das Klassenzimmer. Stellt den weißen Tisch hochkant vor sich hin und schreibt mit blauer Kreide „Ursel“ in Großbuchstaben darauf. Ihr anfänglicher Monolog handelt vom Sterben wollen: „Wenn ich mal tot bin, denn fängt erst mein Leben an,

wenn ich durchs Wolkenmeer und Himmel schweben kann.“ Mit der Hand wischt sie das E und L von „Ursel“ weg und die Schüler erfahren, warum sie sterben will. Ihr Bruder Urs ist vor ihrer Geburt aus dem Fenster gestürzt, nachgespielt mit einem großen Stoff-Teddy, und dennoch schenken ihre Eltern ihm mehr Aufmerksamkeit als ihr und vergleichen sie ständig mit ihm: „Wenn ich mal nicht aufesse, sagen sie, der Urs der hätte alles aufgegessen und sogar noch eine zweite Portion.“

Die Dramaturgin Kathrin Müller-Grüß vom Junge Theater stellt sich den Fragen der Kinder. Quelle: Richter

Der Tisch symbolisiert jetzt das Grab von Urs. Mit einer pinken Gießkanne gießt Ursel die Blumen auf seinem Grab, weitet dieses ein bisschen aus und bewässert unter den neugierigen Blicken der Schüler auch mal Schulrucksäcke. Diese Szene wurde nach dem deutschen Ausschnitt auch noch mal auf Englisch gespielt. „Das Stück wird es in drei Fassungen geben: Englisch, Deutsch und eine Mischform“, erzählt Pressesprecher Nils Schmidt und ergänzt, „die englische Fassung ist eher was für höhere Klassen, aber gerade die Mischform ist für Kinder die gerade erst anfangen Englisch zu lernen, interessant.“

Theaterpädagogin Kathrin Müller-Grüß organisierte die ersten Klassenzimmerstücke des Jungen Theaters und ist mit dem ersten Durchlauf zufrieden: „Die Lehrer sagen immer, in den Räumen sei zu wenig Platz und es sei zu vollgestopft, aber genau das ist die Herausforderungen. Beim Zugucken sind mir noch viele Sachen eingefallen, die Lisa hätte bespielen können.“ Auf Nachfrage kommt das JT in die Schulen. „Für unsere Premiere haben wir jeder Grundschule zwei Freikarten zur Verfügung gestellt, damit die Lehrkräfte sich selbst ein Bild machen können und uns dann vielleicht auch einladen wollen.“ Behandelt werden Themen, die gut umsetzbar, aber auch gut „direkt behandelt werden können“, meinte Vilmar. „Themen wie Neid, Tod und Identifikation können leichter im Klassenzimmer, als mit 80 Kindern im Theater behandelt werden. Es ist klasse, direkt eine Reaktion zu haben.“

So sah die Probe an der Wilhelm-Busch-Schule aus.

„Wir haben einige Kinder in der Klasse, die traumatische Erlebnisse erlebt haben, beispielsweise Flüchtlingskinder und letztes Jahr hat ein Kind seine Mutter verloren. Ich dachte es wäre eine gute Möglichkeit, sich auf einer anderen Ebene mit dem Thema Tod zu beschäftigen“, erklärt Berner, warum sie die Klasse angemeldet hat. Zu den Schulveranstaltungen gehören zudem eine Theaterführung und der Besuch der Premiere: „Damit die Kinder den Prozess verfolgen können“, so Vilmar.

Am Ende klatschten die Kinder begeistert und stellten sich den Fragen der Theaterleute. Nach anfänglichem Zögern erzählten die Schüler, welche Szene sie nicht verstanden hatten und welches ihre Lieblingsszene war. „Ich habe total viele Erkenntnisse daraus gewonnen“, meinte Vilmar und wird diese für weitere Proben nutzen.

Von Madita Eggers

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