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Göttingen Willkommen zuhause: Gast in der eigenen Stadt
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21:46 19.07.2009
Hier wurde früher schmutzige Wäsche gewaschen: Die Reisegruppe macht Halt am Leinekanal am Ende des Papendieks.
Hier wurde früher schmutzige Wäsche gewaschen: Die Reisegruppe macht Halt am Leinekanal am Ende des Papendieks. Quelle: Peter Heller
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Göttingen. Eine typische Städtereise führt in der Regel nach London, Paris oder Berlin. Dabei gibt es auch in der eigenen Stadt viel Spannendes zu entdecken. Details, die man beim alltäglichen Gang durch die heimischen Straßen und Gassen schlichtweg übersieht. Um den Blick für diese Feinheiten zu schärfen, haben sich Göttinger jetzt ein ganzes Wochenende als Touristen in ihrer eigenen Stadt einquartiert.

Am Freitag checkten bereits die Ersten in ihrem Hotel ein. Noch ein Glas Wein an der Bar, und dann ging es zeitig ins Bett. Nach einem ausgiebigen Frühstück am Morgen erkundeten die meisten erst einmal auf eigene Faust die Stadt. Am Nachmittag stand dann die Stadtführung „das geflügelte Wort“ auf dem Programm. Vom Alten Rathaus (früher auch Gerichtssaal) machte sich die Gruppe am Gänseliesel vorbei auf den Weg in Richtung Paulinerkirche. Erster Halt am ältesten durch Inschrift datierten Wohnhaus Göttingens (1495) in der Pauliner Straße 6.

Blutendes Schlitzohr

Etwas schief, das Fachwerkhaus. Vielleicht war da früher ein Schlitzohr am (Ge)werke. Denn dieses Wort, mit dem heute jemand betitelt wird, der besonders durchtrieben ist, stammt ursprünglich aus dem Mittelalter – genauer, aus der Zunft der Zimmerleute, wie Stadtführerin Kirsten Ruge erzählte. Die nämlich trugen ihr Erspartes in Form eines goldenen Ohrrings mit sich. Wenn nun ein Zimmermann schlecht gearbeitet hatte, so wurde ihm der Ohrring ausgerissen. Was blieb, war ein Schlitz in seinem Ohr. Somit waren andere Arbeitgeber gewarnt.

An der Paulinerkirche vorbei und nach einem kurzen Blick auf den körperlich kleinen, aber im Geiste großen Naturwissenschaftler und Literaten Georg Christoph Lichtenberg, dessen Denkmal hier steht, ging es weiter zum Leinekanal.

Kurze Pause – oder blau machen, wie es redensartlich heißt. Das geht auf die Färber zurück, die, wenn sie das Tuch blau färben wollten, lange Wartezeiten in Kauf nehmen mussten. In dieser Zeit konnten sie nichts tun, sie machten also blau. Wenn das „Tuch dann aber die erwünschte Farbe annahm, erlebte so mancher sein blaues Wunder“, sagte Ruge. Natürlich wurde hier am Leinekanal nicht nur das ein oder andere Stück schmutzige Wäsche gewaschen, sondern auch gehörig gelästert.

In der Jacobikirche staunten die Touristen. „Schön bunt“ sei es hier für eine Kirche, sehr hell und gar nicht so erdrückend wie anderswo. Dazu die verspielte Färbung der Hauptpfeiler, die das Auge ein ums andere Mal in die Irre führt. Der bedeutendste Schatz: der 1402 von einem unbekannten Künstler geschnitzte Flügelaltar. Ruge fühlte sich auch hier an eine Redensart erinnert: Das geht auf keine Kuhhaut. Denn im Mittelalter wurden alle Sünden aufgeschrieben – und zwar auf Tierhäuten. Die größte Haut lieferte die Kuh. Wenn aber selbst auf diese Kuhhaut nicht alle Sünden passten, dann musste der Betreffende schon einiges ausgefressen haben.

Vorbei an der mit Gesichtern und Fratzen bestückten Hausfassade des einstigen Bäckermeisters Ernst Honig in der Jüdenstraße ging es über den Wilhelmsplatz zurück zum Alten Rathaus. Da wartete schon das Gänseliesel. Aber das kennt schließlich jeder Göttinger – auch wenn er kein Tourist ist.

Von Andreas Fuhrmann

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