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Göttingen Winterreifen sind Pflicht, aber Mangelware
Die Region Göttingen Winterreifen sind Pflicht, aber Mangelware
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19:29 29.11.2010
Auf Schnee und Eis sind seit gestern Winterreifen vorgeschrieben. Die Details aber sind strittig.
Auf Schnee und Eis sind seit gestern Winterreifen vorgeschrieben. Die Details aber sind strittig. Quelle: Theodoro da Silva
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„Jeden zweiten Kunden, der bei uns Winterreifen aufziehen lassen will, müssen wir wieder mit Sommerreifen vom Hof schicken“, bedauert Jürgen Brendel, Leiter des Reifenhändlers Vergölst in Göttingen. Die Hersteller hätten geschlafen und wegen der Abwrackprämie zu lange Sommerreifen hergestellt. Winterreifen würden nicht nachproduziert, zurzeit laufe die Sommerreifenproduktion fürs kommende Jahr an. Neue Winterreifen gebe es erst im Herbst 2011.

Lieferprobleme hat auch Katja Nickel, Chefin von Reifen-Schmidt. Auch sie muss Autobesitzer nach Hause schicken. Bei vielen Größen seien nur noch Billig-Reifen zu bekommen, mit denen viele Autofahrer nicht unterwegs sein wollen. Das offenbar mit gutem Grund: Der ADAC testete kürzlich drei in China produzierte Reifen, deren Bremswege bis zu 22 Meter länger waren als bei Spitzenreifen.
Der Reifenhandel kritisiert zudem die mangelnde Klarheit der neuen Winterreifenpflicht. Es sei noch nicht einmal klar, was der Begriff „Winterreifen“ überhaupt bedeutet. Darunter fallen auch Reifen mit dem M&S-Zeichen („Matsch und Schnee“) oder Ganzjahresreifen, die unter Fachleuten allerdings nicht zwingend als wintertauglich gelten. Vergölst-Chef Brendel: „Wir verstehen das Gesetz nicht.“

Die Göttinger Polizei kündigt an, trotz aller Unwägbarkeiten bei Kontrollen darauf zu achten, ob bei winterlichen Straßenbedingungen Winterreifen aufgezogen sind. „Wer bei Eis oder Schnee mit Sommerreifen unterwegs ist“, sagt Axel Kerschnitzky, „handelt verantwortungslos.“ Die Folge: Auch wer keine Winterreifen mehr bekommen konnte, muss bei solchen Bedingungen sein Auto stehenlassen. Wer gegen die Winterreifenpflicht verstößt, muss 40 Euro zahlen und kassiert einen Punkt. Behindert sein Auto den Verkehr, werden 80 Euro fällig.
Die Winterreifenpflicht gilt nämlich nicht in einem bestimmten Zeitraum, sondern nur, wenn es glatt ist. Als Mindestprofiltiefe schreibt die jetzt geänderte Straßenverkehrsordnung 1,6 Millimeter vor. Viel zu wenig, meint der ADAC: Ab drei Millimetern sollten die Pneus ausgemustert werden.

Trotz bestehender Winterreifenpflicht bleibt laut Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) der Haftpflichtschutz für Autofahrer, die mit Sommerreifen fahren, bestehen. Anders kann es jedoch beim Vollkaskoschutz aussehen, der den Schaden am eigenen Auto abdecken soll. Wird nachgewiesen, dass der Autofahrer mit Sommerreifen unterwegs war, kann die Versicherung die Zahlung kürzen.

Von Matthias Heinzel, dpa und afp