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Göttingen „Wir sind 70 Jahre gemeinsam geschrumpft“
Die Region Göttingen „Wir sind 70 Jahre gemeinsam geschrumpft“
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18:21 11.08.2011
Lieben sich heute so, wie vor 70 Jahren: Siegwart und Irmgard Eberlein in ihrem Wohnzimmer.
Lieben sich heute so, wie vor 70 Jahren: Siegwart und Irmgard Eberlein in ihrem Wohnzimmer. Quelle: Theodoro da Silva
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Geismar

Als es blitzte und donnerte wurde es Siegwart Eberlein bewusst: „Jetzt bin ich für sie verantwortlich. Dann ist mir das Herz in die Hose gerutscht.“ Angst vor der gemeinsamen Zukunft hatte er aber keine, viel mehr vor deren Ungewissheit. Das Gewitter, das ihn und seine frisch vermählte Frau auf der Zugfahrt in die „Flitterwochen“ ereilte, ist beiden besonders im Gedächtnis geblieben. Nur kurz hatten sie nach ihrem Hochzeitstag füreinander Zeit. Denn zwischen ihrer Zweisamkeit und dem Krieg lagen bloß wenige Stunden.

„Wir waren auf dem Marsch nach St. Petersburg. Wegen einer Umgruppierung konnte ich Sonderurlaub nehmen“, erzählt der heute 95-Jährige. Dieser wurde nämlich kurz nachdem er seine Irmgard zwei Jahre zuvor kennengelernt hatte an die Front gerufen. „Ich wollte, dass sie nach einer Heirat eventuell eine finanzielle Sicherheit durch eine Rente hat, wenn ich falle“, erläutert er.

Danach ging es für Siegwart zurück in den Krieg. „Als er vorbei war, hab ich mich an den Russen vorbeigemogelt“, erinnert er sich. An der Oder bei Dresden sei er zwar gefasst worden, musste aber nur eine Viertelstunde im Gefangenenlager verbringen, da er sich glaubhaft als Zivilist ausgeben konnte.

In Schleswig-Holstein sah er seine Irmgard dann endlich wieder. Zwischenzeitlich war sie aus Schlesien zur Verwandtschaft in den Norden geflüchtet. „Dort haben wir dann wieder von vorne angefangen“, sagt Irmgard Eberlein. Er arbeitete als Beamter bei der Landeszentralbank, sie ehrenamtlich für verschiedene Vereine und Institutionen. Das ist es auch, was Siegwart an seiner Frau so mag: „Sie ist immer für andere da. Ganz uneigennützig.“

Was Irmgard an ihrem Mann schätzt? „Es gibt eigentlich nichts, was wir nicht aneinander bewundern“, lautet ihre Antwort. Besser hätte es ihr Mann nicht ausdrücken können und gibt ihr dafür einen Kuss auf die Stirn. „Ich liebe sie heute so, wie vor 70 Jahren.“
Im Jahr 1955 lagen sie auf einer Wiese im österreichischen Zillertal, 1960 nahmen sie an einem Tanzturnier teil, 1970 liefen sie durch einen Bach im Schwarzwald und 1980 machten sie eine Kreuzfahrt im Mittelmeer. „Wir sind früher viel unterwegs gewesen und besonders viel gewandert. Deswegen sind wir auch so alt geworden“, sagt Irmgard Eberlein und lacht. Dokumentiert haben sie alles im Fotoalbum.

Die Eberleins haben nicht nur im Urlaub viele Orte gesehen, sie haben ihren Lebensmittelpunkt mehrfach verlegen müssen. Von Lübeck ging es nach Kiel und über Reutlingen nach Stuttgart. Dort verbrachten sie viele glückliche Jahre. Nur der Wunsch nach einem Kind, der wurde nicht erfüllt. „Leider konnte ich keine Kinder bekommen. So hat eben jeder sein Schicksal zu tragen“, sagt Irmgard Eberlein.

Heute wohnt das Ehepaar im GDA-Wohnstift in Göttingen. Eine von Irmgards Schwestern lebte dort bereits vor ihnen, eine andere zog später ebenfalls in die Charlottenburger Straße. Von ihrem Balkon haben die Eberleins einen Ausblick über die ganze Stadt. „Ich mag es eigentlich nicht so sehr, wenn die Häuser in der Ferne so klein sind. Aber ansonsten ist es hier wunderbar.“ Die alte Dame hat ihr eigenes Blumenbeet angelegt. Im Innenhof der Anlage sorgt sie dafür, dass es bunt blüht, ebenso wie auf dem Balkon. Jeden Tag geht das Ehepaar gemeinsam spazieren – nicht nur einmal. „Es ist etwas weniger geworden, nachdem ich im Mai gestürzt bin und an der Hüfte operiert werden musste“, sagt Siegwart Eberlein. Die Gehhilfe steht neben ihm, der Rollstuhl in einer Ecke im Wohnzimmer der Zwei-Zimmer-Wohnung.

„Das habe ich alles vorher nicht gebraucht. Ich war topfit.“ Auch seine Frau hat nach einer Herz-OP zu kämpfen – mit ihrer Erinnerung. Im Schrank bewahrt sie kleine Kalender auf, in die sie sich alles Wichtige notiert. „Lebensmüde sind wir aber noch lange nicht. Immerhin sind wir 70 Jahre gemeinsam geschrumpft. Da dürfen es auch noch ein paar Jahre mehr werden“, sind sie sich einig.

Von Kristin Kunze