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Die Region Göttingen

Wischmeyers Logbuch: Plastiktanne zu Weihnachten

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06:00 16.12.2020
Dietmar Wischmeyer Quelle: Jörg Kyas
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Göttingen

Die Verwandlung um nicht zu sagen Verschandelung der Weihnachtsfichte begann mit der elektrischen Lichterkette statt Stearinkerzen. Vorgeblich um die Brandgefahr zu bannen, wurde ein Wirrwarr an Kabeln durch den Baum gefriemelt. Es roch nicht mehr nach Kerzenwachs und keine Flamme züngelte an den Fichtennadeln herum – die Stimmung war olfaktorisch mehr oder weniger schon im Arsch. Gut, da war noch der originale Baum aus der Plantage im Sauerland, aber elektrisch angefunzelte Natur hatte etwas in sich Widersprüchliches.

Der nächste Schritt zur Plastifizierung des Christkindlgebäums war die Nordmanntanne. Anders als ihre proletarische Cousine, die Fichte, piekste das Biest nicht mehr, wenn man die chinesische Fahrradbeleuchtung durchpuhlte. Außerdem sah sie schon fast aus wie ein echter Plastikbaum, müffelte aber immer noch nach Wald und ließ die Nadeln auf die Auslegeware fallen, ein Graus für jede Hausfrau, die auf Sauberkeit und Anstand hielt.

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Dem Mann missfiel an dem Produkt aus Stiefmutter Natur, dass die Kabel nicht unter Putz verliefen, sondern wirr in den Zweigen rumbaumelten. Zuerst setzte sich jedoch Mama mit ihren Bedürfnissen durch. Eine quasi naturidentische Plastikfichte wurde im Baumarkt erstanden, schon mit fertigem Fuß gleich unten dran. In dulci jubilo, das war doch ganz was anderes als der alte Stinker aus der Schonung: blitzsauber, kärcherkompatibel zu reinigen und sah dabei total echt aus. Endlich waren auch mal die Zweige gleich lang auf jeder Seite und standen exakt 90 Grad vom Stamme ab.

Doch als Vatti den elektrischen Chinesen durch die Plastezweige ziehen sollte, riss ihm endgültig der Geduldsfaden. „Weg mit dem halben Kram“, rief er noch und war schon mit seinem Passat in den Baumarkt entfleucht.

Da steht er nun der vollelektrische Tannebaum mit innenverlegten Kabeln in den Zweigen und integrierter Kerze aus einem Stück gegossen. Man kann zwölf verschiedenen Lichtstimmungen mit einer App ansteuern und im Fuß ist ein Bluetooth-Lautsprecher integriert, der die behämmertsten Chrismas-Heuler von Spotify direkt aus der PVC-Fichte quäken lässt.

Wenn Weihnachten vorüber ist, wird der Baum platzsparend wie ein Schirm zusammengefaltet und hinter dem Schrank verstaut. Vatti war begeistert und wollte schon zugreifen, da sah er aus den Augenwinkeln die allerneueste Kreation: Weihnachtsbaum Modell Harz mit Ballen aus Plastik. Gibt man ihn im Januar wieder zurück, verpflichtet sich der Baumarkt ihn droben im Harz einzupflanzen, damit das Gebirg sein immergrünes Kleid zurück erhält.

Ein dreifaches Hosianna auf unser schönes Weihnachtsfest.

Das neue Buch von Dietmar Wischmeyer: „Günther –Aufgewachsen unter Niedersachsen“ gibt es ab sofort im Handel oder unter www.fsr-shop.de.

Von Dietmar Wischmeyer