Wischmeyers Logbuch zum Urlaub woanders
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Göttingen Urlaub woanders: Dietmar Wischmeyer über die Zeit ohne Arbeit
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Wischmeyers Logbuch zum Urlaub woanders

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06:00 19.08.2020
Dietmar Wischmeyer
Dietmar Wischmeyer Quelle: Jörg Kyas
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Göttingen

Das Wort „Urlaub“ ist mit dem Verb „erlauben“ verwandt und bezeichnete im Ursprung die Erlaubnis, sich zeitweise vom Dienst zu entfernen. Im „Fronturlaub“ ist diese Bedeutung noch erhalten, der Urlaub findet nicht an der Front statt sondern fern von ihr, anders etwa als beim Italienurlaub. Seitdem aus der Erlaubnis ein Urlaubs-Anspruch geworden ist, hat sich alles um 180 Grad gedreht, wir machen nicht mehr von etwas Urlaub sondern in etwas, Kroatien oder so.

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Urlaub zuhaus gilt geradezu als ein Widerspruch, „Tapetenwechsel“ so fern von daheim wie möglich ist der Inbegriff des gelungenen Urlaubs. Noch ein weiterer Aspekt ist längst abhanden gekommen, der der Erholung, wie er in dem verstaubten Begriff der „Sommerfrische“ noch enthalten ist. Ein Top-Urlaub heute bedeutet größtmögliche Strapazen an möglichst weit entfernten Orten mit prekären Hygienebedingungen. Nicht jeder kann es sich leisten, zum Freeclimbing nach Neuguinea zu jetten, mit dem Bonanzarad die Taklamakan zu durchqueren oder kann sich ein Leben fern von Bidets und Hakle-feucht einfach nicht vorstellen. Diesen Menschen bleiben die Autobahnen der Republik als Surrogat einer strapaziösen Fernreise: Heiß und stickig stundenlang im Stau verweilen, nur um an einen Ort zu gelangen, wo einem fremde, dicke Primaten unangenehm auf die Pelle rücken.

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Nur kleine Kinder und Hunde wissen noch, daß „Woanders“ ein schrecklicher Ort ist, den man ohne Not nicht aufsuchen sollte. Für die Wegfahrer sind die wenigen Wochen fern von zuhaus der kleine Trost für dessen äußerst bescheidene Lebensqualität. Die meisten von uns leben als periodische Freigänger aus der lebenslangen Haft ihres Daseins. Die Dreizimmerwohnung an der Ausfallstraße mit den stinkenden Nachbarn – das kann doch nicht alles gewesen sein in den wenigen Jahren, die man zu Gast ist auf Erden. Drum möchte man wenigstens für kurze Zeit im Jahr so leben wie Adam und Eva im Garten Eden. Nur hatte Adam keine Adiletten an den verhornten Mauken, Eva wog keine 130 Kilo und die Schlange saß auf dem Baum der Erkenntnis und stand nicht vor dem Buffet. Die Vorstellung vom einfachen, glücklichen Leben ist seit der Erzählung vom Paradies immer mit Nacktheit und Südfrüchten verbunden, deshalb denken wir zwanghaft bei dem Wort „Urlaub“ an Süden und Meer. Weder Betonsilos, Plastikpalmen und Massen halbnackter Planschmonster ja nicht einmal Corona und Ansteckungsrisiko können den Drang in die Ferne bremsen – besser als in der Stapelbude zuhaus ist es allemal, wenn auch nur für kurze Zeit im Jahr.

Mehr von Dietmar Wischmeyer gibt es unter www.wischmeyer.de.

Von Dietmar Wischmeyer