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Göttingen „Witze über Behinderte macht keiner mehr“
Die Region Göttingen „Witze über Behinderte macht keiner mehr“
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06:16 21.05.2012
Nur mit Hilfe möglich: Kochen ohne Augenlicht.
Nur mit Hilfe möglich: Kochen ohne Augenlicht. Quelle: EF
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Göttingen

Ronjas Gruppe hat sich mit Behinderung in der Gesellschaft beschäftigt. Dazu wurde ein Mann eingeladen, der durch Hirntumor, Schlaganfall und daraus folgender Körperbehinderung nicht nur aus seinem Berufsleben gerissen wurde. Auch seine Familie zerbrach daran. „Der hatte vorher ein spannendes Leben und nie daran gedacht, dass er mal behindert sein könnte“, erzählt Blenad, und seine Klassenkameradin Pia bestätigt: „Seine Geschichte hat uns alle berührt.“

Die Schüler haben sich überlegt, dass sie selbst in die Rolle eines Behinderten schlüpfen sollten, und so haben sie in Rollstühlen sitzend erfahren, dass sie in der Schule nicht mehr die Treppen hinauf kommen und dass sich die schweren Glastüren kaum öffnen lassen. Und blind oder mit einem Arm kochen und essen funktioniert nur mit Hilfe der Praxislehrerinnen und der Mitschüler.

Einarmig: Pia versetzt sich in die Lage einer Behinderten.

Das Thema „Integration von Bürgern ausländischer Herkunft“ wurde zweigeteilt, weil es so unterschiedliche Aspekte gibt, erklärt Klassenlehrerin Elvira Ballhausen: Pias Gruppe hat sich mit den verschiedenen Religionen auseinander gesetzt, Islam und Katholizismus verglichen, den Imam aus Göttingen eingeladen und dort die Moschee besucht. „Erst mochten wir das Thema nicht so, aber je mehr wir uns damit beschäftigt haben, desto interessanter wurde es“, sagt die Schülerin.

In Ramonas Gruppe ging es dagegen um Integrationsstatistik und um den Einbürgerungstest, den Ausländer absolvieren müssen, um die deutsche Staatsbürgerschaft zu erhalten. „Wir haben den Test selbst gemacht. Der ist ziemlich schwer, viele Deutsche konnten auch nicht alle Fragen beantworten“, erklärt Ramona. Die Schüler zweifeln daran, ob so ein Test sinnvoll ist für die Einbürgerung.

Tief beeindruckt zeigten sie sich von ihrem Gast zu diesem Thema. Die jetzt im Eichsfeld lebende Afghanin berichtete von ihrer dramatischen Flucht aus ihrem vom Krieg beherrschten Heimatland. Damals war sie hochschwanger und hat ihr Kind dann in Duderstadt zur Welt gebracht – an einem Ort, wo sie kein Wort verstand und niemand sie verstehen konnte.

Neue Erfahrung: Martin isst blind.

Blenads Gruppe hat sich mit der Integration von Straftätern auseinandergesetzt. Informationen zur Kriminalstatistik im Eichsfeld bekamen die Schüler im Duderstädter Polizeikommissariat vom Polizisten Horst Kanngießer. Und auch in dieser Gruppe gab es einen Gesprächspartner, der seine eigenen Erfahrungen schilderte. „Einer unserer Mitschüler ist im offenen Strafvollzug.

Vorher hatten wir nichts miteinander zu tun, dabei ist er richtig nett. Es war gut, dass er sich zu dem Gespräch bereit erklärt hat“, sagt Blenad. Er erzählt, dass er die Wandlung des Mitschülers bewundere, der nun nach einem absolvierten Praktikum auch einen Ausbildungsplatz in Aussicht habe.

Zum Abschluss der Integrationswoche resümiert Blenad: „Die ganze Woche war sehr emotional. Wenn man sich mit diesen Themen beschäftigt, denkt man viel mehr nach. Jeder sollte so etwas machen.“ Auf einem Plakat haben die Schüler ihre Meinungen zu dem Projekt aufgeschrieben, und die Begeisterung zeigt sich in Äußerungen wie „sehr spannend“, „gute Erfahrung“, „größere Sicherheit beim Vortragen vor Leuten“ oder umfassend „die ganze Woche fand ich gut“.

Auch Klassenlehrerin Ballhausen schwärmt: „Wenn die Schüler die Themen selbst so gründlich bearbeiten, nehmen sie das ganz anders auf. Das haben sie richtig gut gemacht.“

Von Claudia Nachtwey