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Göttingen Wo ist Zuhause?: Govinda Hohmann war zehn Jahre obdachlos
Die Region Göttingen Wo ist Zuhause?: Govinda Hohmann war zehn Jahre obdachlos
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19:12 31.03.2014
Zwischen zwei Welten: Govinda Hohmann muss sein Zuhause erst noch finden. Quelle: Pförtner
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Göttingen

Nach weniger als einem halben Jahr wurde ihm nun gekündigt. Gründe dafür scheint es genauso viele zu geben wie Parteien im Haus leben. Seine Nachbarn halten ihn für gefährlich, er selbst fühlt sich in seinen Gewohnheiten missverstanden.

Fest stehen nur zwei Dinge: Barfuß zu gehen scheint genug zu sein, um als komisch abgestempelt zu werden. Und: Die Wohnungssuche ist für jeden, der eine Zeit obdachlos war, eine fast unmöglich scheinende Herausforderung.

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Hohmann passt nicht in das Klischee, das die meisten Menschen von Obdachlosen haben. Der 42-Jährige strahlt Jugendlichkeit aus, seine Sprache ist die eines Intellektuellen.

Genauso hat er sich auch den Lebensraum erschlossen, der zehn Jahre seine Heimat war: In seiner Wohnung türmen sich Bücher über Naturkunde, ganz oben liegt derzeit der Titel „Wie man im Wald überlebt“ – es scheint, dass Hohmann wenig Hoffnung hat, eine neue Bleibe zu finden.

Aus Notwendigkeit zur Gewohnheit

„In der Vergangenheit wurden mir Wohnungen eigentlich nur aus Höflichkeit gezeigt. Sobald der Vermieter gesehen hat, dass ich keine Schuhe trage, war es aus“, erzählt er. Auch in seiner derzeitigen Bleibe sei das auf wenig Verständnis gestoßen.

Für seine Nachbarn ebenfalls problematisch sei ein Trainingsprogramm aus Gewichtheben und Kampfsport gewesen, das er aus Gewohnheit meist draußen absolviert habe.

Was für die Anwohner martialisch aussieht, ist für ihn aus Notwendigkeit zur Gewohnheit geworden: „Je fitter ich war, desto besser habe ich den Winter durchstanden. Je mehr Muskeln ich habe, desto effektiver ist das Kältezittern“, erklärt er. Klar ist aber auch, dass er das Training in seiner Zeit draußen auch zum Eigenschutz einsetzen musste.

„Vielleicht habe ich mich an die Stille der Natur gewöhnt“

Auch wenn Govinda mittlerweile meistens Schuhe trägt, ist er nicht gerade optimistisch, eine neue Wohnung zu finden. „Warum sollte man einem Grundhilfeempfänger eine Wohnung geben? Außerdem wird man oft von vornherein verurteilt, wenn man mal obdachlos war“, sagt er.

Zudem sei das Wohngeld mit 353 Euro Kaltmiete samt Nebenkosten sehr eng bemessen. „Ich habe nur Chancen im Hagenweg, Iduna-Zentrum und der Groner Landstraße.“ Leben möchte er dort auf keinen Fall. „Vielleicht habe ich mich an die Stille der Natur gewöhnt.“

Aber auch im Wald war irgendwann kein Platz mehr für ihn. Spaziergänger fühlten sich gestört, dass jemand einfach so in der Natur wohnte. Wenn möglich, möchte Hohmann dorthin auch nicht wieder zurück: „Ich habe keine Angst, draußen zu leben. Ich habe Angst, wieder vertrieben zu werden.“

Von Jonas Rohde