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Göttingen Hallo und andere Missverständnisse
Die Region Göttingen Hallo und andere Missverständnisse
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15:57 17.05.2019
Quelle: dpa
Göttingen

 Anlass für die heutigen tiefschürfenden Überlegungen ist ein Ereignis der letzten Wochen, das ich hier eingangs nur flüchtig zum besseren Verständnis erwähnen will. Es handelt sich dabei um eine für Männer meiner Altersklasse eher stereotype jedoch äußerst emotionale Handlung, die angeblich irgendetwas mit sich anbahnender Midlife-Crisis zu tun haben soll. Ich erwarb ein Motorrad.

Zugegeben es ist nicht das erste zweirädrige Fortbewegungsmittel in meinem Leben. Ich fahre, seit es die Straßenverkehrsordnung zulässt. Aber dieses überaus altersgemäße Motorrad wurde gebaut, um seinen Fahrer sicher und komfortabel auf den abwegigsten Pfaden dieser Welt zu bewegen. Es bietet eine bequeme Sitzposition, reichlich Stauraum und hat sogar beheizte Griffe, für den Fall, dass dem wackeren Abenteurer mal die Händchen kühl werden sollten.

Natürlich bewege ich mich und die Neuerwerbung nur auf gut ausgebauten Straßen, meist zwischen dem Arbeitsplatz, ein paar Cafés der Umgebung, dem Supermarkt und der heimischen Garage. Das ist vorerst Abenteuer genug. Um nun aber zum Punkt zu kommen: Auf eben diesen Touren fiel mir auf, dass da draußen offenbar nicht mehr gegrüßt wird. Oder zumindest werde ich nicht mehr gegrüßt.

Hand entgegenstrecken

In meiner Erinnerung gehörte es mal zum guten Ton, dass sich entgegenkommende Motorradfahrer als Zeichen der inneren Verbundenheit die Hand entgegenstreckten. Wenn ich jetzt aber freudig von meinem hohen Ross herunterwinke, passiert meistens nichts. Was ist da los? Haben plötzlich alle einhändiges Fahren verlernt? Gibt es neue Verkehrsregeln, die das Aufzeigen von Freundschaftsgesten untersagen?

Es wäre absolut nachvollziehbar, wenn man mich aus persönlichen Gründen nicht grüßen möchte. Aber hinter der verdunkelten Scheibe meines Helms bin ich wohl kaum als Unsympath zu identifizieren. Vielleicht ist den Damen und Herren einfach zu kalt, um die Händchen von der Heizung zu nehmen. Es bleibt mir ein Rätsel.

Bei genauerer Betrachtung beschränkt sich das geänderte Grüß-Verhalten meiner Mitmenschen auch gar nicht auf die Straße. Egal ob im Büro, in der Fußgängerzone oder in der Sauna, Menschen reagieren verschreckt auf meine eindeutigen Grußbotschaften. Früher war das einfach: Man begegnete sich, sagte höflich „Guten Tag“, gab sich die Hand, wenn die Armlänge es zuließ. Im Ernstfall nahm man sich sogar in den Arm. Letzteres war aber selbst mir als Grüßaugust meist unangenehm, da es sich auf zu stark parfümierte alte Tanten und Onkel beschränkte.

Liebesemojis und misstrauische Blicke

Und wie funktioniert das heute? Einerseits überschütten sich sogar mehr oder weniger Wildfremde in der Online-Kommunikation mit Liebesemojis und stecken sich quasi die digitale Zunge ins Ohr. Andererseits wird bei der analogen Begegnung jede freundliche Floskel misstrauisch beäugt und die ausgestreckte Hand als versuchter körperlicher Übergriff gewertet.

Möglicherweise ist das ja auch das Problem meiner Mitmotorradfahrer. Vielleicht werde ich ja missverstanden und sie finden den unparfümierten alten Onkel mit seiner Midlifecrisis bedrohlich. Also nutze ich die Gelegenheit, hier einmal öffentlich aufzuschreiben, was ich wohl meinen könnte, wenn ich meine Hand vom Lenker nehme und zwei Finger in die Luft strecke: Es heißt so viel wie „Hallo“.

Damit schließe ich mit freundlichen Grüßen und hoffe darauf, nicht missverstanden zu werden.

Von Markus Scharf

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