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Göttingen Wollige Napfschildlaus: Klebriger Schädling
Die Region Göttingen Wollige Napfschildlaus: Klebriger Schädling
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19:10 03.07.2009
Baut wachswollene weiße Eisäcke am Baumstamm: die wollige Napfschildlaus.
Baut wachswollene weiße Eisäcke am Baumstamm: die wollige Napfschildlaus. Quelle: Mischke
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Wie ein Teppich aus weißen Wattetupfern umschließt die wollige Napfschildlaus mit ihren Ei-Säcken den Stamm. Und wenn Pulvinaria regalis geschlüpft ist, krabbelt sie zu den Blättern und saugt unermüdlich Pflanzensaft. 2006 seien die ersten wolligen Napfschildläuse in Göttingen gesichtete worden, sagt Wolfgang Gieße vom Fachdienst Grünflächen. Inzwischen hätten sie sich „enorm vermehrt, besonders an Linden“. Die größten Kolonien gebe es an der Hannoverschen Landstraße und im Gewerbegebiet Grone.

Niemand wisse, wo dieser Schädling herkomme, erklärt Rolf Kehr, Professor für Baumerkrankungen und Gehölzpathologie an der Göttinger Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK). In der 1960ern sei die wollige Napfschildlaus erstmals in England gesichtet worden. Etwa 1989 tauchte sie im Rheinland auf und verbreite sich seitdem ostwärts – meist an Linden, Ahorn, aber auch an Rosskastanien.

Wirklich bedrohlich sei Pulvinaria regalis für die Bäume nicht. Die Larve sauge den Pflanzensaft heraus. „Das schwächt die Bäume, lässt sie aber nicht eingehen“, so Gieße. Bereits angeschlagene Bäume könnten allerdings weiter geschwächt werden und auch Äste brechen, ergänzt Kehr. Weil es in Stadtgebieten viele kränkelnde Bäume gibt, vermehrt sich die Napfschildlaus dort besonders gut. Im Wald habe sie mehr natürliche Feinde, „darum spielt sie bei uns auch keine Rolle“, sagt Johannes Levin, Leiter des Stadtwaldes.

Klebriger Stoffwechsel

Das ästhetische Problem sei viel größer, sagen Kehr und Gieße. Es sehe komisch und ungesund aus, wenn der ganze Stamm von weißen Tupfern und Gnubbeln umschlossen ist. Und: Wer sein Auto unter einem Baum mit der Napfschildlaus parkt, kann in eine klebrige Lage geraten. Denn ihr ausgeschiedener Zuckersaft klebt ganz besonders hartnäckig. Von dieser Zuckerlösung ernähre sich auch noch ein Pilz, dessen aggressive Stoffwechselprodukte den Lack angreifen. Und Lackierer warnen: Wenn es warm ist, brennt sich die gemischte Masse in den Lack ein.

Bekämpfen lasse sich der Schädling so gut wie gar nicht. „Es gibt keine zugelassenen Mittel“, sagt Gieße. Man könne höchstens die Stämme im Frühstadium der Larvenbildung abwaschen, aber das sei unpraktikabel. Die Laus habe auch keine spezifischen Feinde, ergänzt Kehr. Und Naturfeinde wie Marienkäfer könne man auch nicht gezielt zur Bekämpfung einsetzen.

Kinder ohne Sex

Die Weibchen der wolligen Napfschildlaus lassen sich massenweise unterhalb der Baumkrone am Stamm nieder. Dort legen sie ihre Eier in einen „wachswollenen“ weißen Napf, erklärt Rolf Kehr von der HAWK. Der hellbraune Rücken des Weibchens schließt diesen Ei-Sack ab. Die geschlüpften Larven krabbeln zu den Blättern und saugen den Pflanzensaft heraus. Sie sehen aus wie Stabheuschrecken im Mikro-Format. Wind und Vögel verbreiten sie über den Baum hinaus. Sind die Larven geschlüpft, sterben die Weibchen. Ihre Jungen bekommen sie übrigens ohne vorherigen Sex. „Man weiß nicht, ob die Männchen überhaupt eine Funktion haben“, so Kehr.

Wenn Autos kleben

Autowaschexperten sind sich einig: Einfache Lösungen gegen die Klebschicht von Baumschädlingen gibt es nicht. Frank Kulle vom gleichnamigen Fuhrparkservice rät, so schnell wie möglich das Auto zu waschen, bevor die Schicht durch Licht und Sonne einbrennt. Sigurt Dietrich vom Waschdienst Mc Clean setzt auf Vorbeugung mit wöchentlicher Wäsche inklusive Lackpflege. Im Internet kursiert auch der Tipp, die Masse mit einem nass-feuchtem Tuch einzuweichen. Wenn’s dann doch zu fest klebt, gibt es offenbar aber nur eine Lösung: Lackreiniger und Politur, aufgetragen in langwieriger Handarbeit. Für Insektenreste hat Dietrich einen Extratipp: nasse Zeitung darauf legen, einweichen lassen, abziehen.

Von Ulrich Schubert

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