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Göttingen Zeitzeugen diskutieren über 68er-Bewegung in Göttingen
Die Region Göttingen Zeitzeugen diskutieren über 68er-Bewegung in Göttingen
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12:27 25.08.2018
Die 68er-Bewegung und ihre Folgen - Podiumsdiskussion im Alten Rathaus mit (v. l.) Harald Noack, Walther Theuerkauf und Rolf Vieten und Peter Aufgebauer (Moderation).
Die 68er-Bewegung und ihre Folgen - Podiumsdiskussion im Alten Rathaus mit (v. l.) Harald Noack, Walther Theuerkauf und Rolf Vieten und Peter Aufgebauer (Moderation). Quelle: Niklas Richter
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Göttingen

Vorlesungen mit mehr als 350 Teilnehmern mussten Ende der 60er-Jahre im Göttinger Sternkino stattfinden, erinnerte sich der damalige Student der Sozialwissenschaften und spätere Auricher Landrat, Walther Theuerkauf. „Weit entrückt“ von den Studierenden seien die Professoren damals gewesen, berichtete er den 80 Zuhörern im Alten Rathaus. Der Kampf für eine bessere finanzielle Ausstattung sei ein wichtiges Anliegen der Studenten gewesen. Ausgerechnet die Große Koalition in Bonn, als deren außerparlamentarische Opposition sie sich begriffen hätten, habe dann für mehr Geld im Bildungswesen gesorgt.

Demokratisierung der Unis wichtiges Thema

Das zweite große hochschulpolitische Thema sei die Demokratisierung innerhalb der von den Professoren geführten Universität gewesen, sagte der damalige Berliner Soziologiestudent und spätere Göttinger Oberkreisdirektor Rolf Vieten (FDP). Studierende und Assistenten hätten hart für eine deutliche Ausweitung ihrer Beteiligung gekämpft.

Die Studentenbewegung habe breiteren Bevölkerungsschichten Zugang zu Bildung verschaffen wollen, berichtete Vieten. Er selbst sei über den zweiten Bildungsweg an die Hochschule gekommen. Das Thema beschäftigte auch Theuerkauf, der in seinem 640-Einwohner-Dorf der einzige Gymnasiast gewesen war.

Einigkeit „bis auf Nuancen“

Bei den hochschulpolitischen Themen seien sich die Studierenden über Parteigrenzen hinweg „bis auf Nuancen“ einig gewesen, betonte Rechtsanwalt, Notar und Kommunalpolitiker Harald Noack. Als damaliger Göttinger Vorsitzender des Rings Christlich Demokratischer Studenten habe er in diesen Punkten eine deutlich größere Distanz zur CDU erlebt.

„Gewalt als Mittel der politischen Auseinandersetzung haben wir damals abgelehnt“, sagte Noack. Das Verhältnis zur Göttinger Polizeiführung sei derart entspannt gewesen, dass die Polizei bei Kundgebungen schon einmal ihren Lautsprecherwagen studentischen Rednern zur Verfügung gestellt habe.

„In Berlin hat die Polizei dagegen mit Knüppeln auf friedliche Demonstranten eingeschlagen“, empörte sich Vieten. Das rechtfertige allerdings nicht, dass sich Teile der Studentenbewegung daraufhin 1968 radikalisiert hätten. Entsprechend emotional reagierte der spätere Oberkreisdirektor auf den Einwand eines Zuhörers, wonach das Podium nicht repräsentativ besetzt sei. Personen, die damals Gewalt gerechtfertigt hätten, seien zu Recht nicht eingeladen worden, meinte er.

Protest gegen Abriss des Reitstalls

Theuerkauf machte darauf aufmerksam, dass „die provokanten Aktionsformen“ der Berliner Studenten mehr Aufmerksamkeit erregt hätten als die „klugen Positionspapiere“ der braven Göttinger zur Hochschulpolitik. Einen Schulterschluss mit Teilen des Göttinger Bürgertums habe es nur bei der Kritik an der städtischen Baupolitik gegeben. Gemeinsam hätten sie gegen den Abriss des ehemaligen Reitstalls der Universität protestiert. Vieten sagte dagegen, es sei manchmal notwendig, Altes – wie etwa die „Rattenlöcher“ der Göttinger Neustadt – abzureißen, um Neues zu schaffen.

Der ehemalige Götinger Europaparlamentarier Klaus Wettig (SPD) erinnerte in einer Wortmeldung daran, dass Göttinger Studierende Ende der 60er-Jahre mit der Aufarbeitung der universitären Nazivergangenheit begonnen hätten. In der Diskussion wurde auch Kritik an der Studentenbewegung laut. So habe die antiautoritäre Erziehung dazu geführt, dass Kinder in der Schule nicht mehr Kopfrechnen gelernt hätten. Als junge Menschen hätten sie dann ihre Rechte sehr genau, ihre Pflichten dagegen kaum gekannt, so Ingeborg Behr-Hoyer, die einstige Geschäftsführerin der Firma Spindler & Hoyer (heute Qioptiq).

Darauf, dass studentischer Protest in Göttingen bis ins späte 18. Jahrhundert zurückreicht, machte der Moderator des Abends, der Historiker Professor Peter Aufgebauer aufmerksam.

Von Michael Caspar

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