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Göttingen Zurück im Leben: Wie Markus Hellendahl dank Erster Hilfe überlebte
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Zurück im Leben: Wie Markus Hellendahl dank Erster Hilfe überlebte

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12:31 17.09.2021
Markus Hellendahl (vorn) mit Notärztin Caroline Walliser, Markus Rössler (li.) und Sanitäter Martin Zeuner (re.) an der Feuerwache des Klinikums.
Markus Hellendahl (vorn) mit Notärztin Caroline Walliser, Markus Rössler (li.) und Sanitäter Martin Zeuner (re.) an der Feuerwache des Klinikums.  Quelle: Christina Hinzmann
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Göttingen

Das letzte Bild, an das sich Markus Hellendahl erinnert: „Ich saß fröhlich mit meiner Frau scherzend am Steuer meines Autos und fuhr die Berliner Straße entlang.” Danach wird es dunkel. Das Herz des 59-Jährigen schlägt nicht mehr. „Mein Mann wurde ganz still und sackte in sich zusammen”, erinnert sich seine Frau Sabine. „Ich wusste sofort, dass es ernst ist”, sagt sie. Plötzlicher Herzstillstand: Eine Diagnose, die nur wenige Menschen überleben. Markus Hellendahl lebt. Zu verdanken hat er das seiner Frau und vor allem engagierten Ersthelfern, die im Auto hinter den Hellendahls unterwegs waren.

Es ist ein ganz normaler Sonnabend im Juni. Die Hellendahls, die im Südharz leben, sind mit dem Auto in Göttingen unterwegs. Auf der Berliner Straße, dort, wo auf Höhe des Gerichts eine Baustelle den Verkehr zum Kriechen bringt, verliert Markus Hellendahl am Steuer seines Wagens von einer Sekunde auf die andere das Bewusstsein. „Das geschah von jetzt auf gleich”, sagt seine Frau. Das Auto rollt aus und kommt zum Stehen.

Nur zehn Prozent überleben Herzstillstand

Das Herzzentrum der Universitätsmedizin Göttingen will mit der Woche der Wiederbelebung vom 20. bis 26. September daran erinnern, wie wichtig Erste Hilfe ist. „Prüfen – Rufen – Drücken“ ist das Motto, das erklärt, was zu tun ist, wenn jemand bewusstlos ist und nicht mehr atmet. Dann heißt es, den Notruf auszulösen und mit der Herzdruckmassage zu beginnen, bis professionelle Hilfe kommt. Jedes Jahr erleiden nach Angaben des Herzzentrums mindestens 50 000 Menschen einen plötzlichen Herz-Kreislauf-Stillstand außerhalb eines Krankenhauses. Fast die Hälfte der Betroffenen sei im erwerbsfähigen Alter. Nur zehn Prozent überleben ein solches Ereignis. „Die Überlebenschancen könnten sich aber verdoppeln bis verdreifachen, wenn mehr Menschen unverzüglich mit Wiederbelebungsmaßnahmen beginnen würden“, so das Zentrum. Obwohl die meisten dieser Ereignisse beobachtet werden, begännen aber nur in knapp 40 Prozent der Fälle Laien mit einer Reanimation. „Dabei kann Helfen einfach sein. Alles, was man braucht, sind zwei Hände.“

Sabine Kreter-Hellendahl reagiert sofort, steigt zitternd aus dem Auto und bittet eine Passantin, den Notarzt zu rufen. Zwei Männer, die im Auto hinter den Hellendahls anhalten müssen, eilen zu Hilfe, ziehen den leblosen Mann aus seinem Auto und beginnen sofort mit der Wiederbelebung – der Herzdruckmassage, die heute Thoraxkompression heißt. Noch auf der Straße halten Ersthelfer Eric Hammerschmidt und sein Begleiter den Kreislauf Hellendahls dadurch minutenlang in Bewegung. Auch Martin Zeuner, der ebenfalls anhalten muss, hilft den Helfern.

Wenig später treffen die professionellen Rettungssanitäter der Berufsfeuerwehr mit dem Rettungswagen ein und übernehmen den Patienten. Acht Minuten nach der Alarmierung ist auch Notärztin Karoline Walliser bei Hellendahl. „Ich habe sofort gesehen, was da los ist“, sagt sie.

Drei mal Stromstöße fürs Herz

Drei Mal muss die Medizinerin mit dem Defibrillator Stromstöße durch Hellendahls Herz jagen, dann setzte der Herzschlag wieder ein. Wiederbelebung erst einmal geglückt. Die Ärztin und die Kollegen vom Rettungsdienst intubieren den Patienten noch im RTW und bringen den 59-Jährigen ins Herzzentrum der Universitätsmedizin, wo er wochenlang behandelt wird. Tage später muss er im Krankenhaus ein weiteres Mal reanimiert werden, so Walliser.

Heute ist Markus Hellendahl nicht mehr anzusehen, dass er dem Tod nur um Haaresbreite von der Schippe gesprungen ist. „Die Ärzte haben mir einen Defibrillator implantiert, das Gerät spüre ich schon, aber sonst geht es mir gut”, sagt er.

Aber das war auch vor seinem Herzstillstand der Fall. Er sei einige Tage davor noch 13 Kilometer gejoggt. Die üblichen Risikofaktoren? Fehlanzeige, der drahtige 59-Jährige fühlt sich gesund, sportlich, fit. „Aber ich habe einen stressigen Job”, sagt der Außendienstler in der Automobilbranche.

„Das ist selten“

Zwei Wochen nach dem Stillstand besucht Walliser ihren Patienten auf Station. Dass jemand eine solche Situation ohne schwere Schäden überlebt, „das ist selten”, sagt die Anästhesistin, die sich freut, dass ein Menschenleben durch die schnelle Hilfe gerettet werden konnte.

„Nur der, der innerhalb der ersten zehn Minuten wiederbelebt werden kann, hat gute Chancen”, sagt Markus Roessler, Leiter Notfallmedizin der Klinik für Anästhesiologie der UMG. Wenn jemand nicht mehr atme und nicht ansprechbar sei, dann gelte es, so schnell wie möglich und bis zum Eintreffen professioneller Hilfe dem Patienten mit Thoraxkompression zu helfen. „Man kann nichts falsch machen”, sagt Roessler. „Falsch ist nur, es nicht zu tun. Denn nach drei Minuten Sauerstoffmangel drohen bleibende Schäden”, sagt der Leitende Notarzt.

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Kreter-Hellendahl erzählt, dass ihr die Mitarbeiter der Leitstelle, die ihren Notruf entgegennahmen, am Telefon sehr geholfen hätten. Über Telefon leiten sie die Ersthelfer bei der Herzdruckmassage an. Noch immer, so Roessler weiter, leisten zu wenige Menschen erste Hilfe.

Ersthelfer retten Leben

Allein im Landkreis Göttingen müssen rund 120 Menschen pro Jahre wiederbelebt werden, oft sind Herzinfarkte die Ursache, manchmal aber auch Herzstillstand, wie bei Markus Hellendahl. Die Hellendahls sind dankbar, dass Hammerschmidt, sein Begleiter, die anderen Ersthelfer und die medizinischen Fachleute Hand in Hand gearbeitet haben. Was geschehen wäre, wenn Markus Hellendahls Herz einsam und allein an einer abgelegenen Landstraße aufgehört hätte zu schlagen, steht in den Sternen. Er hatte Glück im Unglück – und Helfer, die sein Herz wieder zum Schlagen brachten.

Von Britta Bielefeld