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Göttingen Zwei Göttinger schreiben Film-Geschichte
Die Region Göttingen Zwei Göttinger schreiben Film-Geschichte
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06:16 04.08.2012
Von Jörn Barke
Carola Bornée mit Filmstar Hans Albers: Mit ihrem Mann Gero Wecker baut Bornée nach 1945 in Göttingen die Arca-Film auf. Quelle: Sammlung Bornée
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Göttingen

Am Anfang der Geschichte der Arca-Film stehen Töpfe und Vasen. In Göttingen hat sich ein junges Paar gefunden, das versucht, sich in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg durchzuschlagen: Carola Bornée, Jahrgang 1924, und Gero Wecker, Jahrgang 1923. Beide lernen sich schon 1940 zu Schulzeiten als Jugendliche kennen. Der erste Kuss wird beim heutigen Weender Krankenhaus getauscht, das damals noch eine Kaserne ist.

Die alten Zeiten mit Hans Albers

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Bornée stammt aus Weende.  Ihr Vater hat dort zunächst 1922 am Thie eine Arztpraxis. 1923 heiratet er Elisabeth Schmidt, beide stammen aus Lothringen. 1928 baut er in der heutigen Hennebergstraße ein Haus, in dem sich auch seine Praxis befindet. Ihr Vater sei mit Leib und Seele Landarzt gewesen, sagt Bornée. Die 88-Jährige lebt heute am Bodensee – und erinnert sich noch bestens an die alten Zeiten mit Hans Albers & Co.

Weckers Vater ist Otto Wecker, Oberstudienrat am Max-Planck-Gymnasium und Autor des lateinischen Lehrbuchs „Ianua Linguae Latinae“, das im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht erscheint. Gero Wecker ist in Göttingen geboren, im Rosdorfer Weg 2. Im Februar 1945, in der Endphase des Zweiten Weltkriegs, verlobt sich das junge Paar an Bornées 21. Geburtstag, dem Tag ihrer Volljährigkeit. Nach Kriegsende schlägt sich der Panzeroffizier Wecker auf abenteuerlichen Wegen aus Prag wieder zu seiner Verlobten durch.

Töpferei in einer  Scheune

Er nimmt zunächst ein Studium der Zahnmedizin auf, dies bleibt jedoch Episode. Dass Wecker nach mehreren Verwundungen als hochdekorierter Offizier aus dem Krieg zurückgekehrt sei, habe sich zu dieser Zeit eher als Nachteil erwiesen, so Bornée.
Das junge Paar will heiraten und macht eine Töpferei in einer Scheune in Grone bei Verwandten auf. Für den Betrieb engagieren sie Töpfer – meist Flüchtlinge und Vertriebene, die nach dem Krieg in Göttingen gestrandet waren. Produziert werden Kannen, Töpfe, Geschirr, Vasen. In einem Laden in der Innenstadt wird die Ware verkauft. „Die Leute standen Schlange“, erinnert sich Bornée. 

Im August 1947 heiratet das junge Paar in der Kirche St. Petri in Weende und zieht danach zu Weckers Eltern in eine Wohnung im Rosdorfer Weg 2. 1948 soll der Betrieb expandieren und umziehen – auf den ehemaligen Flugplatz am Elliehäuser Weg, auf dem sich auch die Filmaufbau-Gesellschaft ansiedelt. Eine Baracke sei auf dem früheren Flugplatz gemietet, ein Brennofen mit großem Schornstein gebaut worden, erzählt Bornée.

Doch 1948 fallen die Pläne quasi in sich zusammen. Drei Tage, bevor der Ofen seinen ersten Brand bekommen soll, habe es auf dem Flugplatz eine Sprengung durch die Engländer gegeben. Der Schornstein sei zusammengesackt und habe alles mit sich gerissen – das Ende der keramischen Werkstätten, so Bornée. Mit der englischen Besatzungsmacht habe man sich verglichen. Die Geschäftsidee Töpferei war damit zur Zeit der Währungsreform erledigt.

Einstieg ins Filmgeschäft aus dem Stand heraus

Dafür tauchte bal d eine neue Idee auf, nämlich in das Filmgeschäft einzusteigen, quasi aus dem Stand heraus: „Am Anfang gab es eine Schreibmaschine, Gero Wecker und mich“, erinnert sich Bornée. Und es gibt eine Familie, die wächst: 1948 wird Tochter Cornelia geboren, 1952 folgt Tochter Angela. Zwischendurch arbeitet Bornée, die bei Calvör gelernt hat, als Buchhändlerin bei Deuerlich, während Wecker erste Fühler ins Filmgeschäft ausstreckt und die Arca im Werden ist. Bei einem unbezahlten Urlaub von Deuerlich verdient sich Bornée als Produktionssekretärin erste Sporen auf dem Göttinger Filmgelände.

1952 gelingt der Durchbruch. Mit einem studentischen Filmclub aus Göttingen fährt Wecker zu den Filmfestspielen nach Cannes. Dort erwirbt er die Rechte für den schwedischen Film „Sie tanzte nur einen Sommer“. Er lässt das Werk in einem gemieteten Schneideraum in München schneiden und synchronisieren. Als der Film in Deutschland in die Kinos kommt, „stürmten die Leute die Kassen“, erinnert sich Bornée. Aufsehen erregt der Film, der die Geschichte einer tragisch endenden Jugendliebe erzählt, auch durch eine freizügige Badeszene mit Hauptdarstellerin Ulla Jacobsson.

Mit „Sie tanzte nur einen Sommer“ wird der kleine Betrieb über Nacht groß – plötzlich habe man sehr viel Geld gehabt, das sofort wieder in Filmen angelegt worden sei, so Bornée. Weckers Eltern überlassen dem Produzenten-Paar die Wohnung im Rosdorfer Weg und ziehen in die Wilhelm-Weber-Straße.

Viele Gespräche mit Filmschaffenden

Rosdorfer Weg 2

Der Rosdorfer Weg 2 ist nun der Sitz der Arca. Das Büro liegt zur Straßenseite hin, im sogenannten Erker, dem Vorbau unter dem Balkon. Dort werden im Lauf der Zeit viele Gespräche mit Filmschaffenden geführt und Ideen ausgebrütet. Bornée erinnert sich unter anderem an ein Treffen mit Walter Giller und Nadja Tiller – damals noch unverheiratet. Auch Ernst Matray und der umstrittene Regisseur Veit Harlan mit seiner Frau, der Schauspielerin Kristina Söderbaum, sind Gäste im Erker.

Doch am Anfang kauft die Arca weiter Rechte für ausländische Filme und vermarktet diese in Deutschland. Damals sei alles fließend geschehen, erzählt Bornée: „Ich war von Anfang an bei allem dabei, in Paris, in Stockholm, um die deutschen Film-Rechte für ausländische Filme zu erwerben, habe PR g emacht, die Plakate besprochen und entschieden, und dann auch die ganze Dramaturgie. Jedes angebotene Drehbuch ging durch meine Hände, alle Entscheidungen trafen wir gemeinsam.“ Die Arca bringt auch französische Filme nach Deutschland, etwa „Die ehrbare Dirne“ nach dem Theaterstück von Jean-Paul Sartre und das Werk „Verbotene Frucht“, das die französische Schauspielerin Françoise Arnoul in Deutschland bekannt macht und auf einem Roman von Georges Simenon basiert. Weitere Film-Importe sind „Es geschah aus heißer Jugendliebe“, „Feuer unter der Haut“, „Im Schlafsaal der großen Mädchen“, „Kinder in Gottes Hand“ und „French Cancan“.

Produktion eigener Filme

Schließlich wagte die Arca unter ihrem Geschäftsführer Wecker den Sprung und produzierte ab 1954 auch eigene Filme. Der Debütfilm ist „Musik, Musik und nur Musik“, es folgt der Dokumentarfilm „So war der deutsche Landser“. Der Dokumentarfilm besteht aus zusammengeschnittenen Wochenschau-Szenen, die mit gesprochenem Text unterlegt werden. Der Musikfilm wird in den Studios Bendestorf bei Hamburg produziert. In dem Film wirken der berühmte Jazzmusiker Lionel Hampton und Schauspieler Walter Giller mit.

Mit von der Partie im Musikfilm ist auch Lonny Kellner. Damals hat sie gerade ihren späteren Mann Peter Frankenfeld kennen gelernt. Der habe sie immer von den Ateliers in Bendestorf abgeholt, erinnert sich Bornée. Giller ist Bornée als „einfach netter Kerl“ in Erinnerung geblieben. Als sie sich schon längst aus dem Filmgeschäft zurückgezogen hatte, sei er auf sie in einem Berliner Restaurant mit seiner Frau Nadja Tiller spontan zugekommen, berichtet Bornée. Es habe ein großes Hallo gegeben.