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Göttingen So hat sich das Göttinger Schulsystem gewandelt
Die Region Göttingen So hat sich das Göttinger Schulsystem gewandelt
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16:39 12.12.2018
Bildung in Göttingen: Die Schullandschaft hat sich in den zurückliegenden Jahren deutlich verändert – und wird es weiter tun. Quelle: dpa
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Göttingen

Seit 40 Jahren ist die Göttinger Schullandschaft ständig in Bewegung. Haupt- und Realschulen sind Geschichte. Gymnasien und Gesamtschulen haben das einst dreigliedrige System abgelöst und gleichen sich immer mehr an. Und die Inklusion hält Einzug. Eine Studentengruppe um den frühere Schulleiter und jetzigen Dozenten an der Uni Göttingen, Peter Brammer, hat die Entwicklung der Göttinger Schullandschaft im Sekundar-I- und Sekundar-II-Bereich in den zurückliegenden zehn Jahren genauer analysiert. Ihre Ergebnisse überraschen, und sie untermauern die aktuelle Diskussion um zusätzliche Schulen in Göttingen.

Seit Mitte der 1970er-Jahre (Gründung der ersten Gesamtschulen) hat sich die Göttinger Schullandschaft gewandelt, ganz besonders aber in der jüngeren Zeit. Noch vor zehn Jahren gab es die klassische vertikal gegliederte Schulstruktur: mit 20 Grundschulen, zwei Hauptschulen, drei Realschulen, fünf Gymnasien, zwei Gesamtschulen (eine integrierte und eine kooperative) und drei Förderschulen. Heute gibt es im Sekundarbereich I und II neben drei Förderschulen, fünf Gymnasien und vier integrierte Gesamtschulen. Dazu gehört die IGS Bovenden als Teil eines Gesamtschulpools von Stadt und Landkreis. Realschulen und Hauptschulen sind in Göttingen (fast) Geschichte. Sie entlassen ihre letzten Schüler 2021 – das ist einmalig in Niedersachsen.

Die Verteilung der Schüler (Klassen 5-10)

Blau: Hauptschulen / Gelb: Realschulen / Rot: Gymnasien / Grün: Gesamtschulen / Orange: Förderschulen. (Grafik: GT) Quelle: GT

Der Prozess dieses Wandels sei immer überlagert gewesen von drei Zielkonflikten, so die Autoren der Projektarbeit im Studiengang „Master of Edukation“: „Gesamtschule versus gegliedertes Schulsystem“, „Inklusion versus Exklusion“ und „Integration versus Differenzierung“. Konflikte, die aber in einem „über Legislaturperioden hinausgehenden“ Entwicklungsprozess erfolgreich überwunden werden können, sagt das Brammer-Team. Nämlich dann, wenn die Schulen jede für sich unterscheidbare Profile entwickeln – losgelöst von der Zuordnung in klassische Hierarchiemuster.

Die Verteilung der Schüler (KLassen 5-10)

Blau: Hauptschulen / Gelb: Realschulen / Rot: Gymnasien / Grün: Gesamtschulen / Orange: Förderschulen. (Grafik: GT) Quelle: GT

Das geschieht bereits zusehend. Die Gesamtschulen fahren jeweils unterschiedliche Konzepte, die Gymnasien kaum weniger. Und es gibt inzwischen Gymnasien, die stärkere Schnittmengen mit Gesamtschulen haben als mit anderen Gymnasien in der Stadt. Folge: Eltern entscheiden beim Wechsel ihres Kindes von der Grundschule in die 5. Klasse nicht mehr nach „oben“ und „unten“. Sie suchen ganz rational nach der „guten Schule“ für ihr Kind. Damit hat die parteipolitische Debatte ihre Grundlage eigentlich verloren, sagt Brammer. Auch wenn sie im jüngsten Streit um unterschiedliche Anmeldetermine wieder aufgeflammt ist.

Die Verteilung der Schüler (Klassen 5-10)

Blau: Hauptschulen / Gelb: Realschulen / Rot: Gymnasien / Grün: Gesamtschulen / Orange: Förderschulen. (Grafik: GT) Quelle: GT

Detailergebnisse

Im Gegensatz zu anderen Regionen in Deutschland blieb die Schülerzahl in Göttingen seit 2009 mit 1000 bis 1200 Schülern in einem Jahrgang relativ konstant.

Die Göttinger Schullandschaft hat sich sukzessiv vom traditionell vertikalen System in ein schulprofiliertes System gewandelt. Im Schuljahr 2016/17 wechselten 97 Prozent aller Schüler aus der Grundschule an eine Schule, die direkt zum Abitur führen kann. Von allen Fünftklässlern haben sich 2009 57 Prozent an einem der Gymnasien angemeldet, 2016 waren es 59,2 Prozent. Der Anteil der Gesamtschul-Kinder stieg von 28,7 Prozent auf 37,5. Eine Hauptschulen strebten 2009 nur noch 4,2 der abgehenden Viertklässler an, 2012 nur noch 3,2 Prozent. Und die Ralschulanteile: 6,3 beziehungsweise 6,7 Prozent.

Der Anteil der Schüler ohne Abschluss liegt in Göttingen unter zwei Prozent und damit weit unter dem Bundesdurchschnitt. Ohne Flüchtlinge, zugewanderte Schüler mit Analphabetenstatus und Schüler mit schwerem Handicap tendiert dieser Wert gegen Null.

Peter Brammer Quelle: Christina Hinzmann

An den (noch bestehenden) Hauptschulen haben im Schuljahr 2009/10 76 Prozent der Schüler einen Realschul- (Sek I) oder erweiterten Realschulabschluss (erweiterer Sek I) erreicht. 20012/13 waren es 71 Prozent, 2016/17 immer noch 66,6 Prozent. Damit haben sich die Hauptschulen nach Ansicht der Autoren zu Schulen mit ausgewiesenen Profilen für besonders förderbedürftige Schüler entwickelt. Das gilt auch für die Realschule: Hier erreichten in allen Vergleichsjahrgängen etwa 39 Prozent der Schüler nach der 10. Klasse einen erweiterten Sek-I-Abschluss, 45 Prozent einen Realschulsabschluss. An den Gymnasien und Gesamtschulen machen fast 70 Prozent aller Schüler erfolgreich ihre Abitur.

Während in den Jahren 2004 bis 2009 von allen Gymnasien zusammen 147 Schüler zu einer Realschule ab- oder rückgestuft wurden, waren es im Schuljahr 2916/17 nur noch 18. Allerdings gibt es beim detaillierten Blick erhebliche Unterschiede. Manche Gymnasien schulen nach wie vor mehr Kinder ab, andere nur noch sehr wenige.

Der Anteil ausländischer Schüler ist im Erhebungs-Schuljahr 2016/17 im Vergleich zu 2009/10 und 2012/13 signifikant um 7,8 Prozent gestiegen – vor allem durch den Flüchtlingsstrom 2015/16. Dabei gibt es erhebliche Unterschiede zwischen den Schulformen: 39,8 Prozent der ausländischen Kinder besuchten eine Hauptschule, 6,9 Prozent ein Gymnasien und 3,3 Prozent eine Gesamtschulen.

Das Wissenschaftsheft:

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Bildung und Wissen

Eine Zusammenfassung ihrer Studie zur Göttinger Schullandschaft haben Peter Brammer und seine Studenten in der Reihe „Bildung und Erziehung“ aus dem Vandenhoeck & Ruprecht Verlag veröffentlicht: Heft 3 im 71. Jahrgang, Erschienen 2018. Der Titel ihres Kapitels: „Eine Schullandschaft in Bewegung – Schulentwicklung in Göttingen – Studie über die weiterführenden Schulen im Sekundarbereich I und II – 2009/10, 2013/14, 2016/17“. In dem Heft gibt es auch ein Kapitel über „Ein Jahrzehnt Bildungsregion Südniedersachsen“ von Rüdiger Reyhn. Das Heft umfasst 120 Seiten, ISSN (print) 0006-2456, ISSN (online) 2194-3834. us

Resümee

Mit Blick auf die Analyseergebnisse und eine „vorausschauende Schulentwicklungsplanung“ halten die Autoren eine „Verfestigung“ des Zwei-Säulen-Systems in der jetzigen Form für „nicht zielführend“. Damit würde die alte vertikale Gliederung mit „oben und untern“ fortgeführt – nur ohne Haupt- und Realschulen. Denn eine optimale Förderung (wie bisher) an den Gesamtschulen gelinge nur im bewährten Schulsystem mit einer guten Mischung leistungsstarker, mittlerer und schwächerer Kinder.

Weil es aber keine Haupt- und Realschulen mehr gibt, kommen sehr viele Kinder mit einem mittleren oder schlechten Notendurchschnitt – und die meisten Inklusionskinder – jetzt an die Gesamtschule (oder einige auch mit Elterngewalt an ein Gymnasium). Hier gibt ihnen die Stadt eine Platzgarantie. Folge: Das optimale Gerüst aus starken und schwächeren Kindern kippt. Darüber hinaus gibt es durch das derzeitige Aufnahmeverfahren auch immer wieder Kinder, die gar keinen für sie adäquaten Schulplatz bekommen.

Zeitstrahl: Die Göttinger Schullandschaft

Hart ins Gericht gehen die Autoren mit der Entscheidung der Stadt, die Haupt- und Realschule zu schließen. Sie bestätigen zwar, dass vor allem die Hauptschule kaum noch Akzeptanz bei den Eltern hatte. Sie bescheinigen den Hauptschulen aber auch eine sehr hohe Förderkompetenz bei ihren (verbliebenen) Schülern. Vor diesem Hintergrund empfiehlt der langjährige IGS-Schulleiter Brammer dem Rat der Stadt die Gründung einer „Profiloberschule mit einem ausgewiesenen Profil- und Inklusionskonzept sowie mit hohem Praxisanteil als Weiterentwicklung bestehender Produktionsklassen an der Heinrich-Heine-Hauptschule.

 In genau diese Richtung geht ein Vorschlag, den die Rats-SPD jüngst eingebracht hat. Nicht weit davon entfernt ist ein CDU-Antrag zur Gründung einer Oberschule in Göttingen. Parallel dazu hat das Bistum Hildesheim angeboten, die katholische Oberschule Bonifatiusschule II gleichwertig zu staatlichen Schulen – also ohne beschränkter Aufnahme für nicht-katholische Kinder – für alle Kinder zu öffnen.

Die weiterführenden Schulen in Göttingen

Schulen in Göttingen

Die Studie bezieht sich auf die weiterführenden Schulen in der Stadt ab Klasse 5 – der Überblick. Hauptschulen: Heinrich-Heine-Schule (läuft aus), Käthe-Kollwitz-Schule (läuft aus); Realschule: Voigt-Realschule (läuft aus); Gesamtschulen: Georg-Christoph-Lichtenberg, Geschwister-Scholl, Neue IGS, IGS Bovenden (über eine Vereinbarung mit dem Landkreis auch für Stadtschüler); Gymnasien: Otto-Hahn, Max-Planck, Theodor-Heuss, Felix-Klein, Hainberg; Förderschulen: Martin-Luther-King-Schule (Schwerpunkt Lernen), Schule am Tannenberg (Schwerpunkt geistige Entwicklung), Heinrich-Böll-Schule (Schwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung).

In der Studie nicht berücksichtigt sind 20 öffentlichen Grundschulen sowie zwei Grundschulen in freier Trägerschaft (Waldorfschule, Montessori), die weiterführende Waldorfschule sowie die Montessori-Schule und die Berufsbildenden Schule in Trägerschaft des Landkreises Göttingen. Letztgenannte bieten berufsfachliche Gymnasialzweig an. Zwei führen zum Abitur, eine zur Fachhochschulreife. Hinzu kommen die katholische Oberschule Bonifatius 2 und das Göttinger Abendgymnasium. us

 

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