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Göttingen Zweitälteste Deutsche wird heute 110
Die Region Göttingen Zweitälteste Deutsche wird heute 110
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18:34 07.12.2011
Von Andreas Fuhrmann
Gut gelaunt im hohen Alter: Gertrud Henze feiert heute ihren 110. Geburtstag.
Gut gelaunt im hohen Alter: Gertrud Henze feiert heute ihren 110. Geburtstag. Quelle: Hinzmann
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Göttingen

Das sind 1320 Monate oder anders ausgedrückt mehr als 40 000 Tage. Glaubt man der Internet-Enzyklopädie Wikipedia, ist Gertrud Henze der zweitälteste lebende Mensch in Deutschland. Sie weiß das erst, seitdem sie jüngst bei ihrer Ärztin war. „Jetzt sind Sie die Zweite“, sagte die Ärztin, und Gertrud Henze grübelte lange, bevor ihr gewahr wurde, was die Frau Doktor meinte. Es war übrigens ein Routinebesuch, nichts Ernstes.

Dabei gehört es auch zur Routine, dass Gertrud Henze morgens nach dem Frühstück erst einmal genüsslich eine Zigarette raucht – und dann in ihrem Appartement im GDA Wohnstift ihre Post durchsieht. Sie weiß zwar, was das Internet ist. Auch E-Mails kennt sie. Doch das auf Papier geschriebene Wort ist ihr lieber. Das war schon immer so, und so bleibt es auch. Schließlich arbeitete sie jahrzehntelang als Bibliothekarin. „Das war ich liebend gerne, mit Begeisterung“, sagt sie. Dabei rasselte sie durch ihre erste Diplomprüfung. „Ich weiß heute nichts, ich habe eine Mattscheibe. Es hat keinen Zweck, wenn Sie mich etwas fragen“, erklärte sie ihren Prüfern. Ein Jahr später versuchte sie es erneut. „Da hatte ich keine Mattscheibe“, sagt sie, und ihr typisches krächzendes Lachen erklingt.

Ihre ansteckende Fröhlichkeit hat sich Gertrud Henze in all den Jahren bewahrt. Obgleich sie merkt, dass das Alter Spuren hinterlässt. „Ich kann noch nicht einmal mehr richtig lesen“, sagt sie und deutet auf eine große Lupe, die auf dem Tisch neben ihrem Wasserglas steht. Auch das Spazierengehen fällt ihr schwer. „Obwohl ich ein Mensch bin, der gerne draußen ist“, betont sie. Im Sommer habe sie beinahe jeden Tag auf dem Balkon gesessen. „Sehen Sie, ich bin noch ganz braun“, sagt sie und zieht zum Beweis den Ärmel ihres schicken Pullovers hoch. Es gehe eben mittlerweile alles etwas langsamer. „Mit 100 war ich noch vergnügter. In den letzten Jahren hat das ziemlich nachgelassen für meine Begriffe. Ich habe viel vergessen“, sagt sie und fährt sich durch das schneeweiße Haar. Damit müsse man sich abfinden. „Man darf deswegen nicht schlecht gelaunt sein, das gehört zum Altwerden dazu.“
Zumal plötzlich neue Erinnerungen auftauchen, unlängst aus ihrer frühesten Kindheit. „Da bin ich mit dem Kopf in ein Wespennest gefallen, das tat natürlich weh“, erzählt Gertrud Henze. „Was meinen Sie, was ich gebrüllt habe.“ Schnell rannte sie nach Hause zu ihrer Mutter. „Die war ja immer da.“ Ihr Vater auch. Er war Pfarrer.

Sie besitzt noch ein Foto der Kirche, in der er wirkte. Und sie besitzt Fotos von sich. Eines zeigt sie als zwölfjähriges Mädchen mit langen Zöpfen neben einem riesigen Bernhardiner. „Barry war ein gutes Tier. Auch wenn alle Angst vor ihm hatten. Wenn der bellte, hörte man das unten im Dorf“, erinnert sie sich und streicht lächelnd mit der Hand über das Bild, als wollte sie den Hund noch einmal berühren.

Nachdenklich wirkt Gertrud Henze in diesem Moment. „Ich komme gut so hin“, sagt sie. „Aber es ist nicht schön, ganz allein zu sein, wenn alle um einen herum sterben. Keine Frage: Alle sind ganz besonders nett zu mir, die Verwandten und Freunde. Aber meine Geschwister fehlen mir, diese Situationen, in denen man sagt: Weißt du noch…“ Betretene Stille. Doch als Gertrud Henze ihre Orchideen auf der Fensterbank sieht, blüht sie wie ebendiese wieder auf. Sie ist die Zweite. Heute Morgen wird sie besonders lange für ihre Post brauchen.