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Göttingen Zwölf Studenten landen mit Alkoholvergiftung im Göttinger Klinikum
Die Region Göttingen Zwölf Studenten landen mit Alkoholvergiftung im Göttinger Klinikum
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21:06 24.10.2013
Quelle: Archiv (Symbolfoto)
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Göttingen

Seit Anfang vergangener Woche seien zwölf Studenten mit akuter Alkoholvergiftung in der zentralen Notaufnahme des Göttinger Uni-Klinikums aufgenommen worden, berichtet Klinik-Sprecher Stefan Weller.

Universitätspräsidentin Ulrike Beisiegel hatte zwar vor Beginn des Wintersemesters noch einmal in einem Schreiben an alle Dekanate die Tutoren darauf hingewiesen, dass bei den Veranstaltungen für die Erstsemester während der Orientierungsphase („O-Phase“) der Konsum von Alkohol zu unterlassen sei. Ihr Appell stieß jedoch offenbar auf wenig Resonanz. Aus Sicht der Universität sei es sehr bedauerlich, dass es erneut zu Auswüchsen gekommen sei, erklärt Beisiegel.

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Die Hochschulleitung hatte bereits vor einem Jahr interveniert. Damals hatte es einen traurigen Rekord gegeben: Insgesamt landeten 18 Studenten in der Notambulanz, noch bevor sie ihre erste Vorlesung oder ihr erstes Seminar besucht hatten. Die kollektiven Besäufnisse spielen sich meist außerhalb des Campus bei den sogenannten Stadtrallyes ab.

„Programmpunkt“

Diese werden von einigen Fachschaften als zusätzlicher „Programmpunkt“ im Anschluss an die regulären Einführungsveranstaltungen angeboten, bei denen sich die Studenten über die Einrichtungen und Angebote der Universität sowie ihre Studienfächer informieren können.
Die neue Zahl mit bislang zwölf Alkohol-Notfällen bewege sich in etwa auf dem Niveau der vergangenen Jahre, sagt Klinik-Sprecher Weller.

Die Häufungen hingen eindeutig mit den zu dieser Zeit ablaufenden O-Phasen-Veranstaltungen zusammen. Betroffen seien etwa so viel Frauen wie Männer.

Insbesondere die studentischen Organisatoren der großen Fakultäten wie beispielsweise der Wirtschaftswissenschaften und der Medizin sind seit einigen Jahren dazu übergegangen, nicht mehr nur abendliche Kneipentouren zum gegenseitigen Kennenlernen der Kommilitonen anzubieten, sondern bereits tagsüber spezielle „Stadtführungen“ zu veranstalten.

Unmengen von Bier

Diese sehen dann häufig so aus, dass sich bunt kostümierte Studenten mit Unmengen von Bier und harten Getränken im Supermarkt eindecken und anschließend alkoholbenebelt durch die Innenstadt ziehen. Ein Studierender berichtet auf der Studenten-Infoplattform Via medici online, seine O-Phase sei „sehr alkoholreich“ verlaufen.

Nach einer Stadtrallye mit „vielen Trinkspielen, zum Beispiel einem Bier-Marathon ums Gänseliesel“ habe es abends „eine Kneipentour“ gegeben. An einem späteren Tag habe die Fachschaft auf die Schillerwiese eingeladen: „Das war eine tolle Stimmung, und die Fachschaft hat sogar die Getränke spendiert.“

Universitätspräsidentin Beisiegel findet es inakzeptabel, dass Tutoren während einer Veranstaltung, die Erstsemestern den Start ins Studium erleichtern soll, zu Alkoholkonsum und sexualisierten Spielen anregen: „Wer das tut, verspielt die Möglichkeit, noch einmal O-Phasen-Tutor zu sein.“ Viel mehr als appellieren kann sie allerdings nicht. Die sogenannten O-Phasen sind keine Veranstaltung der Universitätsleitung, sondern werden in den jeweiligen Fakultäten von studentischen Tutoren organisiert.

„Ich bin auch Studentin und muss das nicht haben“

Für Diskussionen sorgen die neuerlichen Alkoholexzesse während der O-Phase auch auf der Facebook-Seite des Tageblatts. Arjen van Bommelhorst schreibt: „Ich bin auch Student und finde O-Phasen gut und wichtig, auch auf eine fröhliche und spielerische Art mit Feiern und Kennenlernspielen. Aber maßloses, quasi erzwungenes Saufen (...) und Tutoren, die alles noch lautstark anfeuern, prägen maßgeblich ein Bild, das weder den jungen Studenten noch ihrem Ansehen gut tut.“

Facebook-Nutzerin Julia ist empört: „Das schlimme finde ich daran, dass ich meinem siebenjährigen Sohn erklären darf, warum nachmittags halbnackte Menschen durch die Innenstadt hüpfen. Wenn sie das unbedingt brauchen, können sie das extreme Saufen dann wenigstens auf den Abend verschieben. Ich bin auch Studentin und muss das nicht haben.“

Andre Witt sieht das etwas anders: „Die Uni sollte, anstatt die Tutoren zu verunglimpfen, lieber froh sein, dass sich so viele ehrenamtliche Helfer finden, die Lust haben, den Neuankömmlingen den Einstieg in das Studentenleben (...) zu erleichtern. Dass Tutoren teilweise noch jahrelang ihren Erstis mit Rat und Tat zur Seite stehen (...), wird vollkommen ausgeblendet. Das wirft ein schlechtes Bild auf die Uni – und sicherlich nicht einzelfallartige alkoholbedingte Eskapaden.“

Von Heidi Niemann, Matthias Heinzel und Andreas Fuhrmann

Dieser Artikel wurde akualisiert.