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Göttingen Eine Bestandsaufnahme der Songs über Göttingen
Die Region Göttingen Eine Bestandsaufnahme der Songs über Göttingen
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00:52 07.12.2013
Von Michael Brakemeier
Die Band Flooot. Quelle: Heller
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Göttingen

„Ich bin so verliebt, weil es mit uns so klappt, es geht um keine Frau, es geht um meine Stadt. Dies ist der Song für die Stadt aus der ich komm,, Göttingen du hast mein Herz eingenomm,. Dies ist der Song für die Stadt aus der ich komm,. Ich bin zwar längst raus, doch ich werde wieder komm“, reimt das Sextett.

Dazu groovt die Band entspannt mit Unterstützung von Streichern des Göttinger Symphonie Orchesters. Die Bilder des Videos wechseln zwischen Spaziergängen und Mofa-Fahrten durch die herbstliche, in goldenes Licht getauchte Stadt und einem Wohnzimmerkonzert.

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Dass das Lied und das Video so einschlagen, hat die Band überrumpelt: „Wir sind total überrascht und freuen uns riesig über das enorm positive Feedback“, sagt Phillip Holländer von Flooot. „Wir kommen gar nicht hinterher mit lauter Anfragen und persönlichen Nachrichten, das hätte keiner aus der Band erwartet.“

Kommentare wie „Heimweh“

Als „What the Funk“ in Göttingen mit einigem Erfolg gestartet, hat es die meisten Bandmitglieder nach dem Abitur inzwischen in die Großstadt verschlagen. „Wir wollten die andere Perspektive zeigen“, sagt Holländer. „Zeigen, wie es ist, von außen auf seine Heimatstadt zu schauen.“

Viele Studenten und ehemalige Göttinger hätten das Video mit Kommentaren wie „Heimweh“ oder „Ein Stück Heimat in der Ferne“ im Internet weiterverbreitet, berichtet Holländer. Der Göttingen-Song ist Teil einer CD mit vier weiteren Stücken, die bereits in einigen Göttinger Läden erhältlich ist.

Offiziell stellt Flooot die CD am Freitag, 20. Dezember, im Göttinger Club Savoy vor.

Die Zeiten, in der es keine Lieder über Göttingen gibt, sind längst vorbei. Immer wieder ist die Stadt besungen worden: mal laut, mal leise. Mal ernst, mal fröhlich.

„Bis Mescaleros kommen und befreien sie“

Vor fast 50 Jahren, im Sommer 1964, schreibt die französische Sängerin Barbara, so will es die Legende, im Garten des Jungen Theaters, damals noch in der Geismar Landstraße, ihren Chanson Göttingen. „Paris besingt man immer wieder, von Göttingen gibt,s keine Lieder“, heißt es in dem Stück, in dem es eigentlich um die Völkerverständigung zwischen den beiden ehemaligen Kriegsgegner Frankreich und Deutschland geht.

„Es wohnen Menschen, die ich liebe, in Göttingen, in Göttingen. Doch sollten wieder Waffen sprechen, es würde mir das Herz zerbrechen. Wer weiß, was dann noch übrig bliebe von Göttingen, von Göttingen.“

20 Jahre später greift Franz Josef Degenhardt Barbaras Stück auf, zitiert die Melodie ihres Chansons. „Und hier sang Barbara von blonden Knaben und auch von Rosen und von der Melancholie, die die Verliererkinder an sich haben, bis Mescaleros kommen und befreien sie“, singt Degenhardt 1983 in Göttingen, erschienen auf der LP „Lullaby zwischen den Kriegen“.

Degenhardt ätzt darin gegen das Tageblatt, solidarisiert sich mit den Punks am Gänseliesel, nimmt Bezug auf den Göttinger Corpsstudenten Bismarck und das RAF-Graffiti „Rache für Christian Klar“. Anspielungen auf Göttingen und die Bundesrepublik von der Nachkriegszeit über die 60er Jahre bis in die 80er finden sich darin.

Der Mob ist die Familie, die Straße das Zuhaus"

Intellektuell weniger hochstehend, dafür aber mit wuchtig schnellem Oi-Punk kommt die Göttinger Skinhead-Band Stomper 98 in ihrer Hymne Göttingen daher. „Aus Göttingen da kommen wir her, und wir leben gerne hier. Der Mob ist die Familie, die Straße das Zuhaus. Alles was ihr wollt, ihr kriegt uns hier nicht raus.

Göttingen, abnormal, Bier nie schal, die Schädel kahl“, heißt es darin. Sänger Sebastian „Sebi“ Walkenhorst erinnert sich: „Als wir die Band 1998 in Göttingen gründeten, war eines unserer ersten Stücke Göttingen. Das subkulturelle Umfeld und unsere Bezugspunkte zur Stadt waren geprägt von Juzi, Göttingen 05, Gänseliesel und Wilhelmsplatz und Läden wie Outpost, T-Keller oder Sonderbar.

Die Musik sollte uns das Ventil geben, Frust abzubauen. Ska, Oi, Hardcore, Reggae und Punk waren von Anfang an die Eckpfeiler für unseren Sound und textlich hat Göttingen schon sehr als Inspiration gedient.“ Inzwischen ist Sebi das einzige Bandmitglied, das noch in Göttingen wohnt: „Allerdings kommen wir regelmäßig hier in Göttingen zusammen, weil das Tonstudio unseres Vertrauens in Göttingen beheimatet ist.“ Bei Tom Spötter im Out-of-Space-Studio haben sie ihre Platten eingespielt, eine neue ist in Arbeit.

Den Soundtrack für die gemütliche Schunkelrunde im Kirmeszelt statt zum Pogo im Punkrockschuppen liefern die Gebrüder Fürchterlich mit ihrem Göttingen-Song. Im Synthie-Akkordeon-Sound texten Wolfgang Richter und Karl-Heinz Proffen ungeniert drauflos: „Göttingen, oh Göttingen. Hier fühl’ ich mich geborgen. Göttingen, oh Göttingen. In der Stadt bin ich zuhaus'.“

„Von Göttingen gibt’s keine Lieder…“ …oder auch doch - Eine Bestandsaufnahme ohne Anspruch auf Vollständigkeit

Untermalt wird das von einer Melodie, wie sie in ähnlicher Weise aus Werbespots für französische Produkte spätestens seit den 80er Jahren bekannt ist. Richter lacht: „Einen Preis wollten wir damit auch nie gewinnen.“ Aber immerhin sei das „schöne Schunkellied“, das er vor zehn Jahren geschrieben hat, bei ihrem Publikum auf Zeltfesten gut angekommen.

Immerhin 5000 CDs damit hätten sie inzwischen verkauft, sagt Richter. Noch heute würden sich die Leute das Stück bei ihren Auftritten wünschen. „Und sie singen mit“, sagt Richter.

Mitsing-Potenzial hatte auch die Textzeile: „Uhlala, uhlala uhlala Göttingen ist Göttingen.“ Sängerin Kathleen Leinemann war im vergangenen Jahr angetreten, mit ihrer Country-Rock-Nummer „Göttingen ist Göttingen“ eine neue Hymne für Göttingen zu etablieren. So richtig gezündet hat das Lied aber nicht.

Zwar schnellten die Klickzahlen für das Video bei Youtube in die Höhe. Ebenso schnell stieg dort und in den sozialen Netzen wie Facebook und Twitter jedoch die Zahl an hämischen und spöttischen Kommentaren. „Kathleen Leinemann bemüht sich rührend, der Musik einen bluesartigen Gesang beizusteuern, scheitert dabei aber gnadenlos.

Mit mikrorhythmischem Ungeschick schmiert sie die Töne auf das melodiegewordene Klischee“, ist noch einer der harmlosen. Inzwischen gibt es das Video nicht mehr auf Youtube, wohl aber den Song als Download bei Amazon.

„Mit Nostalgie und wehmütiger Sehnsucht“

Aus hemdsärmeliger Rockmusik à la Westernhagen oder Wolf Maahn ist Peter Keiderlings Göttingen-Lied gestrickt. „Die Idee zu dem Lied war einfach irgendwann in meinem Kopf. Zuerst der Refrain“, sagt der 48-jährige selbstständige Gärtner aus Bovenden. Um die Textzeilen „Göttingen, bleib wie Du bist. Göttingen, mit Deinem Kleinstadt-Chic. Göttingen, hast mich an die Leine gelegt“ hat der Gitarrist den Rest des Liedes komponiert.

Aufgenommen hat er es am heimischen Rechner. So richtig zufrieden ist er mit dem Sound aber nicht. „Zu künstlich“, sagt er selbstkritisch. Auf CD gibt es das Stück trotzdem – etwa bei der Tourist-Information oder im Musikontor, Rote Straße 29. Von Zeit zu Zeit steht Keiderling auf der Bühne im Nörgelbuff oder in der Blooming Bar.

Ähnlich wie Flooot betrachtet das kalifornische Folk-Pop-Duo The Finches Göttingen aus der Ferne. Gleich zwei Songs – „O, Goettingen“ und „Goettingen, Du“ – hat Sängerin Carolyn Pennypacker Riggs der Stadt gewidmet, in der sie ab 2001 für ein Jahr als Austauschstudentin gelebt hat.

„Einige der besten Tage meines Lebens habe ich dort verbracht“, sagt sie. „O, Goettingen“ hat Riggs ein Jahr später in Kalifornien geschrieben. „Es ist vollgepackt mit Nostalgie und wehmütiger Sehnsucht“, beschreibt sei das nur von eine Akustik-Gitarre getragene Stück. Das nötige Gitarrespielen hat sie sich in Göttingen beigebracht.

Heute, sagt sie, verblassen so viel von den Erinnerungen an ihre „little city, big town“ Göttingen mit ihren Lieblingsorten: das Juzi, das Junge Theater, das längst geschlossene Cinema, die Uni-Bibliothek oder den kleinen, feinen Plattenladen Dis-Records. Inzwischen spielt Riggs in ihrer Band Bouquet und hofft in Göttingen auftreten zu können. „Dann kann ich einen neuen Song über die Stadt schreiben.“