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Hann Münden Ausgefallene Schichten, Schaden in Millionenhöhe
Die Region Hann Münden Ausgefallene Schichten, Schaden in Millionenhöhe
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19:30 22.01.2018
Umgefallener Strommast nach dem Wintersturm „Friederike" bei in Hann, Münden. Quelle: Swen Pförtner
Hann. Münden

Auf die 100 Prozent warten die betroffenen Unternehmen voraussichtlich noch Tage. Der wirtschaftliche Schaden geht in die Millionen.

ContiTech-Werk in Hann. Münden: Zehn Schichten ausgefallen

„ContiTech konnte wegen des Stromausfalls von Donnerstagmittag bis Sonntagnacht nicht produzieren“, sagt Dennis Tiemann, Produktionsleiter von ContiTech MGW in Hann. Münden. ContiTech stellt Kautschuk- und Kunststoffprodukte her, ein Werk des Unternehmens ist in Hann. Münden ansässig.

Nach ersten Schätzungen werde der Schaden durch den Produktionsausfall im mittleren sechsstelligen Bereich liegen. „Wir prüfen gerade noch die genaue Schadenshöhe und machen vom Ergebnis abhängig, ob wir den Schaden zur Erstattung einreichen“, sagt Tiemann zum Umgang mit dem durch den Stromausfall – verursacht durch den Sturm und damit durch höhere Gewalt – entstandenen Schaden.

„Erst am Samstag im Laufe des Nachmittags stellte uns der Energieversorger wieder ausreichend elek- trische Energie zur Verfügung“, sagt der Produktionsleiter zur Situation am Wochenende. Im Laufe des Sonntags seien die Maschinen nach vorgegebenen Einschaltplänen wieder in Betrieb genommen worden, um das Netz nicht zu überlasten. Normalerweise produzierten sie im Werk jeden Tag, also auch am Wochenende.

„Die im Einsatz befindlichen Kollegen der Instandhaltung haben einen hervorragenden Job abgeliefert“, lobt Tiemann seine Mitarbeiter. Mit der Frühschicht am Montagmorgen sei die Produktion ohne größere Störungen wieder angelaufen. In einigen Fertigungsbereichen seien insgesamt bis zu zehn Schichten ausgefallen. „Unsere Kunden sind informiert, dass sich Lieferungen verzögern können“, spricht Tiemann über die Verzögerungen in der Produktion. „Wir werden einige Produkte mit Sonderfahrten versenden, um Liefertermine zu halten.“ Aufträge seien durch den Stromausfall aber nicht in Gefahr geraten.„Ich kann mich nicht erinnern, schon einmal so lange ohne Strom gewesen zu sein“, spricht der Produktionsleiter über die Extremsituation. Nicht nur die Mitarbeiter in der Produktion, sondern auch die der Verwaltung hätten am Freitag nicht oder nur eingeschränkt arbeiten können. Insgesamt seien am Freitag rund 450 Mitarbeiter und am Wochenende rund 200 von dem Stromausfall betroffen gewesen.

Benary: Auswirkungen auf die Gärtnerei

Bei Benary, einem Unternehmen für Pflanzenzüchtung mit Sitz in Hann. Münden, seien ebenfalls Auswirkungen des Stromausfalls zu spüren gewesen, vor allem in der Gärtnerei, teilte Carmen Wolf, Pressesprecherin des Unternehmens, am Montag mit. Weitere Details könne sie zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht weitergeben.

Gelände der Firma Benary in Hann. Münden (Archivbild) Quelle: Peter Heller

WMU: Weiterhin im akuten Ausnahmezustand

„Wir haben für uns entschieden, die Versorgung der stromintensiveren Bereiche mit Generatoren sicherzustellen“, sagte Jörg Wittling, Geschäftsführer der Weser Metall Umformtechnik (WMU), am Montag. Das mache etwa 80 Prozent des Bedarfs aus. Der Zulieferer von Auto- und Elektrogeräteherstellern war nach eigener Aussage 52 Stunden vom Netz. Die bisher aufgelaufene Schadenssumme gehe bereits an die Millionengrenze. Er fühle sich mit der Situation alleingelassen.

Durch die Hilfe des THW und eigenes Engagement habe man die Versorgung wieder hergestellt. „Wir sind in einer unangenehmen Sandwich-Position zwischen den Stromversorgern und unseren Kunden.“ Und während sich der verantwortliche Netzbetreiber Avacon auf „höhere Gewalt“ berufen könne, interessiere das seine Auftraggeber herzlich wenig. Wer nicht zuverlässig produzieren kann, wird zum Risiko-Lieferanten, so Wittling. Ihm gehe es im Weiteren aber nicht um Schuld, sondern um Verantwortung. Es müsse jetzt für alle Beteiligten darum gehen, den Schaden zu minimieren.

Notstromaggregate stehen am 20.01.2018 in Hann, Münden auf dem Gelände der WMU. Quelle: Swen Pförtner

Stimmen aus der Politik

Dafür erntete er am Montag Zustimmung aus der Politik. „Die Schuld für die Sturmschäden trägt allein der Orkan“, so der SPD-Bundestagsabgeordnete Thomas Oppermann. Für die Zukunft sei es aber wichtig, einen funktionierenden Notfallplan mit festen Zuständigkeiten zu haben. „Eine unsichere Lage wäre insbesondere für die Industriebetriebe nicht hinnehmbar und gefährdet den Wirtschaftsstandort Hann. Münden.“ Fritz Güntzler, Bundestagsabgeordneter der CDU, lobte hingegen das Krisenmanagement. Wie auch der Mündener Landtagsabgeordnete Gerd Hujahn (SPD) nahm er die Versorgungsbetriebe vor Kritik in Schutz.

Gleichzeitig richtete Güntzler den Blick auf künftige Ereignisse: „Generell müssen wir uns Gedanken machen, wie wir in Zukunft mit Szenarien, wie solchen Stromausfällen umgehen. Vor allem, weil wir in einer zunehmend digitalisierten Welt immer stärker von Strom- und Datennetzen abhängig sein werden.“

Eine Frage der Versicherung

Der finanzielle Schaden, der aus dem Stromausfall in Hann. Münden resultiert, ist für einige Firmen groß. Doch können die Unternehmen Schadensansprüche geltend machen? Die Frage nach der Haftung beantwortet Daniel Hagemann vom Sachverständigenbüro Röder, Ottleben & Hagemann aus Northeim – Experten bei Sachschäden durch Feuer, Wasser, Sturm, Vandalismus oder Einbruchdiebstahl – einfach: „Bei höherer Gewalt gibt es keinen Schuldigen.“ Zu solch einer höheren Gewalt wird der Sturm „Friederike“, der den Stromausfall in Hann. Münden hervorgerufen hat, gezählt. Das bedeutet auch, dass der Netzbetreiber – außer er hat seine Sorgfaltspflicht vernachlässigt, so Hagemann – keine Haftung für die Ausfallschäden übernehmen muss.

VGH-Regionaldirektor Ulf Hasse Quelle: Swen Pförtner

Das bestätigt auch Ulf Hasse, Regionaldirektor der VGH in Göttingen: „Man muss immer erst prüfen, ob es einen Verantwortlichen für den Schaden gibt.“ Bei Sturm beispielsweise sei das selten der Fall. Zur Sorgfaltspflicht in Bezug auf den zerstörten Strommasten des Netzbetreibers Avacon hatte sich bereits am Sonntag Avacon-Sprecherin Michaela Fiedler geäußert: Der betroffene Eckmast sei bei den turnusgemäßen Kontrollen nicht zu beanstanden gewesen.

Das bedeute auch, dass die Firmen in so einem Fall nur vorsorgen könnten, so Hagemann – mit einer entsprechenden Versicherung und der Schaffung von Provisorien wie Notstromaggregaten. Spezielle Versicherungen für Schäden aufgrund einer aus höherer Gewalt resultierenden Betriebsunterbrechung gibt es, wie Stefan Noort von der Industrie- und Handelskammer (IHK) Hannover erklärt. Unternehmen müssten selbst kalkulieren, ob so eine Versicherung Sinn für sie mache, so Noort.

Hasse von der VGH erläutert, dass nur wenige Unternehmen eine solche „Sturmbetriebsunterbrechungsversicherung“ haben. Dieselbe gebe es beispielsweise für Feuer – diese werde wesentlich häufiger abgeschlossen. Viele Firmen hätten außerdem eine normale Sturmversicherung, die beispielsweise bei Schäden am Dach greift. Die Beteiligung der Sturmbetriebsunterbrechungsversicherung an Schäden sei je nach Vertrag unterschiedlich, so Hasse. „Es gibt oft eine zeitliche Selbstbeteiligung, sodass die Firmen beispielsweise die ersten 24 Stunden des Ausfalls selbst bezahlen müssen.“

Dr. Martin Rudolph Industrie- und Handelskammer Hannover Geschäftsstelle Göttingen Dr. Martin Rudolph IHK Hannover Göttingen Südniedersachsen Quelle: r

Bei der IHK-Geschäftsstelle in Göttingen hätten sich WMU und andere Firmen aus Hann. Münden nicht gemeldet, sagt Martin Rudolph, Leiter der IHK-Geschäftsstelle in Göttingen. Auch in den vergangenen Jahren seien keine Arbeitgeber mit solchen Fällen an ihn herangetreten. Deshalb könne er zu den aktuellen Fällen auch keinen weiteren Rat für die Firmen geben.

Von Hannah Scheiwe und Markus Scharf

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